Mittwoch, 1. November 1989
Umweltverschmutzung kein Tabu mehr
In der DDR ist der Raubbau an der Natur ein Tabu. Bis zum Herbst 1989 dürfen die Medien nichts über verseuchte Seen, ungesicherte Deponien oder Smog melden. Das ändert sich erst, als in der Nacht zum 1. November 1989 in Halle ein Kesselwagen mit giftigem Chlor umfällt. Erstmals sendet das DDR-Fernsehen einen Bericht.
Zu groß ist inzwischen der Druck der Bevölkerung, endlich die Wahrheit über die Umweltverschmutzung zu erfahren. Zwei Tage zuvor hat sich der Leipziger Oberbürgermeister bereit erklärt, die Luftmessdaten für die Region Leipzig zu veröffentlichen.
Verschlusssache Umweltverschmutzung
1968 hat die DDR Umweltschutz als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen. Doch die Realität sieht anders aus. Umweltpolitik in der DDR ist vor allem eines: Vertuschung. 1982 erklärt der Ministerrat Umweltdaten weitgehend zur Verschlusssache. Umweltverschmutzung gilt im „real existierenden Sozialismus“ als „systemfremd“. Verursacher, so das SED-Regime, sei der „der Kapitalismus“.
Die DDR führt jedoch den Negativ-Rekord in Europa an, was Schadstoffe in der Luft betrifft. Als schmutzigster und meistvergifteter Fluss des Kontinents gilt die östliche Elbe samt ihrer Nebenflüsse.
Giftige Luft
1989 stößt die DDR 2,2 Millionen Tonnen Staub und 5,2 Millionen Tonnen Schwefeldioxid aus. Die höchste Belastung aller europäischen Länder. Zum Vergleich: Die größere Bundesrepublik emittiert im gleichen Jahr nur noch 878.000 Tonnen Schwefeldioxid.
In den Industrieregionen der DDR atmen die Menschen Schadstoffe in gesundheitsgefährdender Konzentration ein. Fast jedes zweite Kind leidet dort an Atemwegserkrankungen, jedes dritte hat Ekzeme.
Verseuchte Flüsse
Die Elbe und ihre Nebenflüsse verkommen zur Industriekloake. Der Fluss nimmt jährlich rund 23 Tonnen Quecksilber, 380 Tonnen Kupfer, 120 Tonnen Blei, 2.000 Tonnen Zink und 3,5 Millionen Tonnen Chlorid auf. Heute, 20 Jahre später, ist die Schadstoffbelastung 90 Prozent geringer.
1989 ist das Rohrleitungssystem zur Versorgung mit Trinkwasser völlig marode. Fast die Hälfte aller Ostdeutschen wird mit Trinkwasser versorgt, das verunreinigt ist.
Energieverschwendung
Beim Verbrauch von Primärenergie hat die DDR eine fragwürdige internationale Führungsposition: Um die gleiche Menge Strom herzustellen wie der europäische Durchschnitt, wendet der SED-Staat 50 Prozent mehr Rohstoffe auf. Die Braunkohlekraftwerke haben einen Wirkungsgrad von 20 Prozent. 80 Prozent der Energie bleiben beim Verfeuern der Braunkohle ungenutzt.
Die dramatische Umweltzerstörung ist ein zentrales Motiv der Opposition in der DDR. In den achtziger Jahren machen vor allem kirchliche Gruppen auf das Thema aufmerksam. Im Herbst 1989 fordern auch die Bürgerrechtsgruppen wie "Demokratie jetzt" oder der "Demokratische Aufbruch" die ökologische Umgestaltung der Gesellschaft. Die Umweltbewegung wird zur tragenden Säule der Friedlichen Revolution.
