Erst war er ängstlich und wollte nach Hause gehen. So erinnert sich Cornelius Weiss, damals außerordentlicher Professor an der Uni Leipzig, an seine spontane Reaktion auf die erste große Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989. Als ihm dann aber Studenten entgegen kamen, die zur Demo eilten, schämte er sich. „Ich sagte mir, um Gottes Willen! Ich bin Dozent, also Hochschullehrer. Ich habe Verantwortung für meine Studenten – auch im rauen Leben, und dann muss ich schon dort sein, wo die sind. Ich bin auf dem Absatz umgekehrt und bin den Studenten hinterher gelaufen zum Augustusplatz – damals Karl-Marx-Platz – und hörte aber schon aus mehreren hundert Metern Entfernung diesen Urschrei der Demokratie: „Wir sind das Volk!“
Weiss ist einer der besten Kenner der Situation an den Universitäten vor und nach der Friedlichen Revolution. Er hat in den 1950er Jahren in der DDR studiert und hier anschließend geforscht und gelehrt. Meist arbeitete er in Leipzig, wo auch Bundeskanzlerin Angela Merkel studierte. Professor konnte Weiss nicht werden, weil er es ablehnte, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) oder einer der Blockparteien beizutreten. 1991 wählte ihn das Konzil der Uni Leipzig zum Rektor. Erst danach folgte die längst überfällige Berufung auf eine Professur für Theoretische Chemie.
Die Universitätsausbildung in der DDR war der Form nach nicht schlecht: stark verschult, aber praxisbezogen. Es gab aufgrund der begrenzten Studierendenzahl und der zahlreichen Dozentenstellen eine aus heutiger Sicht geradezu paradiesische Betreuungsrelation. Ein Tutorensystem ermöglichte zusätzlich eine sehr individuelle Beratung. Normalerweise erreichten Studierende in vier bis fünf Jahren ihren Hochschulabschluss.
Problematisch aber war der große politische Einfluss auf die Universitätsangehörigen. In einer Hochschulreform 1951 beseitigte die Staatsführung der DDR das bürgerliche Wissenschafts- und Hochschulsystem und führte das marxistisch-leninistische Grundlagenstudium ein. Auch Dozenten mussten regelmäßig sozialistische Weiterbildungskurse besuchen. Hinzu kam eine systematische Bespitzelung. Dozenten, Tutoren, aber auch die Studierenden selbst waren aufgerufen, politisch „unkorrektes“ Verhalten zu melden. Gerade in der Anfangsphase kamen viele kritische Studenten ins Gefängnis oder gar ums Leben. Nach der Wende bemühte sich auch die Uni Leipzig intensiv um die Rehabilitierung der früher Verfolgten. Allein bis 1997 geschah dies in über 140 Fällen.
Wer aber bekam überhaupt die Chance, an der Hochschule zu studieren oder zu lehren? Die Zulassung zu einem Studium war strikt reglementiert. Zum Zeitpunkt der Friedlichen Revolution studierten nur etwa zwölf Prozent eines Jahrgangs. Das strikt zentralistisch reglementierte Auswahlverfahren orientierte sich am Bedarf und an der Linientreue der Bewerberinnen und Bewerber. Nur etwa ein Viertel studierte ein Fach seiner Wahl. Vorteil dieser Selektion war der sichere Arbeitsplatz nach dem Studienabschluss.
Professorenberufungen hingen eng mit der Mitgliedschaft in der SED zusammen, so dass viele aus Karrieregründen der Partei beitraten. Verweigerer mussten mit erheblichen Nachteilen rechnen.
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Montagsdemonstration: Auch Studieren wurde danach anders
Foto: REGIERUNGonline/Wenzel
Es verwundert wenig, dass sowohl die Universitäten als Institutionen als auch die Mehrzahl der Studierenden und Professoren keine aktive Rolle bei der Friedlichen Revolution spielten. Aus Angst vor flüchtenden Demonstranten schloss man alle Universitätsgebäude.
Professor Weiss erinnert sich, wie erstaunt er bei den Montagsdemonstrationen war: „Da habe ich festgestellt, dass viele einzelne mir bekannte Hochschullehrer genauso wie ich auch dabei waren. Von manchen hat man es gar nicht erwartet. Ich habe immer gedacht, oh Gott, das ist ein Hundertfünfzigprozentiger – der lief dort auch mit; und zwar nicht in geheimer Mission. Der lief aus Überzeugung mit. Und da ist man sich in die Arme gefallen. Da sind Freundschaften entstanden.“
Nach der Wende hofften die Hochschulen, über Hochschulreformen entscheiden zu können. Es ging nicht nur darum, die demokratischen Hochschulstrukturen aus dem Westen zu übernehmen. Gedacht war an ganz neue Wege zu autonomen, projektorientierten Universitäten – etwa nach dem Vorbild Israels. Durch den Beitritt der neuen Länder zur Bundesrepublik mussten die Universitäten allerdings im Wesentlichen die Strukturen übernehmen, die sich im Westen entwickelt hatten.
Ein großer Gewinn: Für die ostdeutschen Hochschulen galt jetzt auch die Freiheit von Wissenschaft und Lehre, wie sie im Grundgesetz verankert ist. Die marxistisch-leninistischen Studieninhalte verschwanden – vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Ebenso verschwanden viele der Hochschulangehörigen, die sich weniger durch fachliche Kompetenz als durch Linientreue ausgezeichnet hatten. Eine wesentliche Strukturveränderung ergab sich auch bei der wissenschaftlichen Orientierung. Die Forschung hatte die DDR zu einem beträchtlichen Teil an die Wissenschaftsakademien verlagert. Nun bemühte sich die Politik um eine Stärkung der Grundlagenforschung an den Hochschulen.
Mit dem westdeutschen Hochschulsystem und dem freien Zugang zum Studium ging die günstige Betreuungsrelation verloren. Auch lassen sich heute die Hochschulabschlüsse nicht nach dem Arbeitsmarkt steuern. So werben Politik und Wirtschaft lediglich um mehr Studierende in den mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Fächern. Ist das schlimm?
Professor Weiss glaubt das nicht: „Ich bin ein Anhänger der sozialen Marktwirtschaft und ich bin der Meinung, dass gerade solche Dinge der Markt am besten regelt. Eine Planung und dann eine Lenkung der Studierenden, das hat die DDR versucht und das ging ja auch schief. Wenn, dann sollte man eine ordentliche Studienberatung machen. Manche werden auch merken, dass das ursprünglich gewählte Fach nicht ganz so ist, und dann kann man wechseln. Das kostet dann zwei Jahre. Mein Gott! Ich habe auch drei Jahre verloren und hatte keinen Nachteil für meine wissenschaftliche Entwicklung“