"Warum ich auf die Straße gegangen bin"

Menschen demonstrieren auf der Straße und führen ein Transparent mit sich auf dem steht "Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!"
Ein Zeitzeuge erinnert sich
Foto: picture-alliance / dpa

"Es war gespenstig und berauschend zugleich, als wir in Berlin zu Tausenden schweigend und friedlich auf die Straße gingen, erinnert sich Paul Werner Wagner. "Es wurden jedes Mal mehr im Herbst 1989. An einem Abend brachten alle Kerzen mit und wir zündeten sie an. Keiner weiß heute mehr, wer die Idee mit den Kerzen hatte oder wie sie sich verbreitet hat. Es war wie alles in diesen Monaten. Wir machten es einfach. Und zwar gemeinsam."

Es gibt ihn nicht, den einen Tag im Jahre 1989, an dem sich Wagner entschließt, gegen das SED-Regime zu demonstrieren. Es gibt nicht die eine Situation, die ihn besonders betroffen gemacht oder aufgebracht hat. Paul Werner Wagner, geboren in Bitterfeld, hatte – wie die meisten Menschen in der DDR – viele Gründe, auf die Straße zu gehen. Und es gab viele Tage, an denen er es gerne getan hätte. "Ich konnte mich nie mit der Mauer abfinden. Immer wieder spürte ich die menschenverachtende Wirkung, die von diesem monumentalen Bauwerk ausging. Ich fühlte die Verlogenheit im Alltagsleben, in der Schule, in den DDR-Medien. Die Enge, die Leben in der DDR bedeutete, wurde immer unerträglicher."

Als Vierjähriger, auf den Schultern seines Vaters, erlebt Wagner den Aufstand vom 17. Juni 1953. Als er zwölf ist, wird die Mauer errichtet und die Familie bleibt geschockt und eingesperrt in Bitterfeld zurück, obwohl sie bereits alles für eine Übersiedlung in den Westen vorbereitet hat. Doch dafür ist es jetzt zu spät.

Schon während der Schulzeit plant Wagner mit einigen Mitschülern die Gründung einer Partei. Im Programm stehen Forderungen wie die Abschaffung des antifaschistischen Schutzwalls, die deutsche Einheit, Presse- und Meinungsfreiheit sowie freie Wahlen. Mit 17 schreibt er Gedichte gegen das Regime. Mit 19 dann kommt er wegen eines Fluchtversuchs für 17 Monate in Stasi-Haft, in den "Roten Ochsen" in Halle, davon über sechs Monate in Einzelhaft, drei Monate mit intensiven Verhören und Drohungen. Bei einer Hausdurchsuchung hat man das Parteiprogramm und seine Gedichte gefunden. Er gilt nun als Staatsfeind. Nur aus Sorge um seine Eltern, die sehr unter seiner Inhaftierung leiden, bekennt er sich schuldig und zum Regime. Als er endlich aus dem Gefängnis darf, ist ihm jede berufliche Karriere verbaut. Er muss "zur Bewährung", wie es heißt, sieben Jahre in der Produktion der Filmfabrik in Wolfen arbeiten, schwere körperliche Arbeit im Schichtdienst, jahrelang im Dunkelraum. Ein Mann, der Deutsch und Geschichte studieren wollte. Die Ohnmacht gegenüber der Staatsmacht spürt er täglich. Und so sehr er auch versucht, sich mit dem System abzufinden, so sehr rebellieren seine Überzeugungen von Freiheit und Demokratie in ihm.

Wagner gründet 1986 einen konspirativen Gesprächskreis: den Pintschklub. Eine kleine Gruppe Gleichgesinnter trifft sich und diskutiert offen über die Situation in der DDR, einmal monatlich, bis zur Wende und darüber hinaus. Warum sind die Menschen ausgerechnet 1989 auf die Straße gegangen, warum ist Wagner jetzt raus gegangen und nicht schon Jahre zuvor? "Vorher war es unmöglich und plötzlich lag es in der Luft," sagt Paul Werner Wagner.

1989 gibt es eine Entwicklung und eine Atmosphäre in der DDR, die es ihm und anderen endlich möglich macht, zu tun und zu sagen, was schon so lange hätte getan und gesagt werden müssen. Angefangen hat es am 7. Mai 1989 – mit den gefälschten Kommunalwahlen in der DDR. Das offizielle Ergebnis: 98,85 Ja-Stimmen. Eigentlich also alles wie immer - und doch diesmal ganz anders. Paul Werner Wagner weiß sofort: Diese Wahlen werden die DDR verändern. Er spürt, dass die Menschen in der DDR aufgehört haben, sich mit dem System und seinen Missständen abzufinden. Schon im Vorfeld rufen vor allem die Kirchen dazu auf, die Wahl zu boykottieren oder bewusst mit Nein zu stimmen. Oppositionelle Gruppen und kritische Bürger gehen zur Auszählung der Wahl und werden Zeugen der Fälschung. Die Menschen wollen diese Scheinwahl nicht mehr als das übliche Ritual über sich ergehen lassen.

Wirtschaftlich steht die DDR 1989 vor dem Aus, die Umwelt ist in einem katastrophalen Zustand, Gorbatschow will mit seiner Perestroika eine neue Politik. "Das SED-Regime kam mir vor wie ein Gefecht alter Männer, die nicht abtreten können", so Wagner. Zwar werden die Proteste und Beschwerden gegen die Wahlfälschung niedergeschlagen und viele Demonstranten inhaftiert, doch ab jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Nach der Kommunalwahl treffen sich die Menschen an jedem Siebten eines Monats. Am 4. September beginnen die Montagsdemonstrationen in Leipzig. Jedes Mal werden sie größer, irgendwann demonstrieren sogar Frauen und Kinder. Wagner: "Wir gingen abends nach der Arbeit raus und trafen uns in den Kirchen. Hier wurde diskutiert, gesungen und gebetet."

In den Monaten bis zum Mauerfall am 9. November 1989 sind Tausende Bürger der DDR auf die Straße gegangen. Alle hatten ihre eigenen Gründe und Erlebnisse. Genau wie Paul Werner Wagner. "Ich empfinde es als eine Art Belohnung (…), den Atem der Geschichte hautnah gespürt und aktiv zur Veränderung beigetragen zu haben. Das schönste Geschenk ist für mich die Einheit Deutschlands, die Einheit in Freiheit. Mein Leben in der DDR war von der Sehnsucht nach Freiheit bestimmt."