Von der Friedlichen Revolution zur Wiedervereinigung Deutschlands

Von jubelnden Menschenmassen werden die knapp 800 DDR-Übersiedler auf dem Bahnhof im bayerischen Hof empfangen. Mit Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn trafen sie am 5. Oktober 1989 aus Prag kommend ein.
DDR-Übersiedler in Hof 1989
Foto: picture-alliance/dpa

„Wir bitten um Ihr Verständnis“, heißt es unter dem Verkehrsschild. Innerhalb des roten Dreiecks bearbeiten zwei Strichmännchen mit Schaufeln einen hüfthohen Berg, der zu gleichen Anteilen in den Farben Schwarz, Rot und Gold gezeichnet ist. Baustelle Einheit – seit 20 Jahren. Die schlichte Grafik ist ein – mit dem zweiten Preis prämierter – Beitrag zu einem Plakatwettbewerb der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Ihre Aussagekraft besticht in zweierlei Hinsicht: Sie erinnert daran, dass die Einheit den Deutschen nicht in den Schoß gefallen ist und Ost- wie Westdeutschen bis heute gemeinsame Anstrengungen abverlangt. Und sie wirbt  für ein umsichtiges Miteinander. Der Bedarf scheint vorhanden zu sein.

Unterschiede als Bestandteil einer Vielfalt

63 Prozent der Ostdeutschen und 42 Prozent der Westdeutschen glauben, die Unterschiede zwischen ihnen würden nach wie vor überwiegen. Das stellte das Meinungsforschungsinstitut Allensbach im Juli 2009 fest. Nun müssen diese Unterschiede, die aus der geteilten Geschichte der beiden deutschen Staaten resultieren, auch als solche anerkannt werden. Aber nicht als trennendes Element, sondern als Bestandteil einer Vielfalt – der Deutschen Einheit.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist das Gedenken an die Friedliche Revolution vor 20 Jahren. Seit Monaten erinnern Ausstellungen, Gesprächsrunden, Filme und andere Veranstaltungen an die Ereignisse des Jahres 1989. Die Feierlichkeiten regen viele Menschen dazu an, sich auch im kleinen Kreis mit Nachbarn, Arbeitskollegen oder innerhalb der Familie auszutauschen. Denn unzählige Ereignisse lohnen den Blick zurück. Im Herbst 1989 ist nichts weniger als ein Staat in die Knie gezwungen worden, der gegen seine Bürgerinnen und Bürger regiert und gewirtschaftet hat.

Entmündigte Bürger rebellieren

Der Unmut der Menschen in der DDR hatte sich lange angestaut. Das SED-System behinderte systematisch viele der Freiheiten, die heute fest im Grundgesetz verankert sind. Von Auslandsreise und Berufswahl über die Medien oder die Mitgliedschaft in der Jungen Gemeinde bis hin zur Wehrdienstverweigerung: Der SED-Staat entmündigte seine Bürgerinnen und Bürger in politischen, kulturellen und religiösen Fragen. Vor allem junge Menschen spürten die Enge des Staates und rebellierten.

Im Sommer 1989 waren Tausende junger Menschen aus dem Land in die Botschaften der Bundesrepublik Deutschland geflüchtet. Sie hofften, von dort aus nach Westdeutschland ausreisen zu können.

In den DDR-Medien wurde lange über die Entwicklungen geschwiegen. Erst mit der Flüchtlingswelle zur Urlaubszeit in Richtung Ungarn berichtete auch das Fernsehen der DDR. „Es wurde behauptet, die innere Sicherheit des Landes würde dadurch gefährdet. Die DDR-Bürger, die über die ‚grüne Grenze’ in den Westen flohen, wurden als Asoziale und Kriminelle dargestellt. Als Nicht-Sozialisten, die sich von materiellen Dingen blenden ließen und die Werte unserer Errungenschaften nicht richtig einschätzen könnten", erinnert sich Henrik Meier, damals Tänzer und Mitglied im Staatlichen Folkloreensemble der DDR.

Die Mehrheit jedoch wollte nicht dauerhaft ausreisen, sondern die Welt sehen – und wiederkommen. Es war vor allem die Forderung nach Reisefreiheit, die während der ersten Montagsdemonstrationen in Leipzig kursierte. Sie hatte eine ungeheure Signalwirkung auf andere Städte der ehemaligen DDR. Ermutigt wurden die Menschen auch von Michael Gorbatschow. Er brachte mit der Aufgabe der Breschnew-Doktrin und seiner Politik von Glasnost und Perestroika den Eisernen Vorhang zum Wanken. Erich Honecker verkündete währenddessen weiterhin öffentlich, dass weder Ochs‘ noch Esel den Sozialismus in seinem Lauf aufhalten könnten. Nicht mehr aufzuhalten aber war der Drang der Menschen nach einem Leben in Freiheit und Demokratie.

Dass der Fall der Mauer hart erkämpft werden musste, geriet nicht zuletzt aufgrund der heute gebräuchlichen Bezeichnung „Friedliche Revolution“ in Vergessenheit. Denn sowohl in Leipzig als auch in Dresden, Plauen und anderen Städten setzten die Staatsorgane massiv Gewalt ein, um die Demonstrierenden zurückzudrängen. Insbesondere im Vorfeld des 40. Jahrestages der Gründung der DDR reagierten Volkspolizei und Staatssicherheit mit Massenverhaftungen und dem Einsatz von Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern.

Das SED-Politbüro hatte im Oktober 1989 bereits jeglichen Kontakt zum Volk verloren. Auch Honeckers Rückzug am 18. Oktober änderte daran nichts.

Trennung von privatem und öffentlichem Leben

Der perfide Machtapparat der SED hatte eine typische Schizophrenie des DDR-Alltags befördert: Auf der einen Seite das private, soweit möglich authentische Leben im vertrauten Umfeld. Andererseits die öffentliche, systemkonforme Haltung mit Aktueller Kamera, Pioniertuch und dem Rechenschaftsbericht für die Patenbrigade. In der Erinnerung der meisten „gelernten DDR-Bürger“ hat dieses private Leben überdauert: fernab von Pioniergruß, Kampfgruppe und den Beschlüssen des X. Parteitag der SED.

Die meisten Ostdeutschen wollen die Entwicklung nicht missen. „Die Erfahrung der Nacht, in der die Mauer fiel, ist unvergleichlich“, erklärt beispielsweise Evelyn Müller, heute 52 Jahre alt. „Ich kenne viele, die damals weinend vor dem Fernseher gesessen haben – ganz still und ungläubig.“ Ihre Schwester, die damals in Berlin gewohnt hat, hätte dagegen „nichts in der Welt in der Wohnung halten können. Sie ist zur Bornholmer Straße gegangen und hat als eine der ersten Berlinerinnen die Grenzöffnung miterlebt“.

Die Sekretärin fühlt dennoch ein Unbehagen, wenn heute über die DDR gesprochen wird: „Wir waren am Gängelband der SED-Bonzen. Aber die ständigen Versorgungsengpässe mit allen möglichen Gütern des täglichen Bedarfs haben uns gezwungen, zusammenzuhalten und erfinderisch mit der Situation umzugehen. Das war oft schwierig – aber irgendwie herzlicher.“

Sicherheit gegen Freiheit?

57 Prozent der Ostdeutschen sind der Meinung, dass die DDR mehr gute als schlechte Seiten hatte und dass man dort gut leben konnte. Gleichzeitig sind mehr als 80 Prozent der Deutschen in Ost und West stolz auf die Überwindung der SED-Herrschaft. Dies zeigen Ergebnisse einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid.

Über die Alltagserfahrungen und das Leben in der DDR muss deshalb ebenso wie über den Herbst 1989 mehr gesprochen werden. Die Stärke der Demokratie hängt davon ab, wie sehr die Menschen den Wert einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft schätzen. Seit dem Fall der Mauer sind mittlerweile 20 Jahre vergangen.

Dass die Deutsche Einheit da ist, ist unzweifelhaft ein großes Glück. Elisabeth Wolf, 74, früher Lehrerin in Leipzig, erklärt: "Als die Mauer fiel, spürte ich, wie eine Last von meinen Schultern brach. Deutschland gehört zusammen, und die Wiedervereinigung war das einzig Richtige." Zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls sollte die Freude genutzt werden, um dichter aneinander zu rücken.

Auch dafür gibt es ein Bild. Es zeigt einen Fisch, der aus seinem einsamen Wasserglas springt, auf dem Hammer und Sichel prangen. Er tauscht die Sicherheit gegen die Freiheit, sein beherzter Anlauf wird ihn in das offene Meer führen. Der Wellengang dort wird ihn überraschen. Aber es wartet auch ein ganzer Schwarm auf ihn, mit dem er künftig gemeinsam schwimmen wird. Dieses Motiv hat übrigens den 1. Preis beim Plakatwettbewerb der Stiftung Aufarbeitung gewonnen.

Von Jana Kellermann, 1977 in der DDR geboren

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