Donnerstag, 17. September 2009
Wo Gras über die Vergangenheit wächst
Gemütlich radelt Tobias mit seinen Freunden am Ufer der Elbe bei Burg Lenzen. Sie interessieren sich für Biberburgen und bewundern Kraniche. Vor zwanzig Jahren haben hier, im Nordwesten Brandenburgs, noch Stacheldraht und Mauern Wege und Blicke versperrt. Mehr noch: Wer sich hier bewegte, riskierte sein Leben. Für den Zwölfjährigen und die anderen Jungen heute vollkommen unvorstellbar.
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Grünes Band
Foto: picture-alliance / dpa
Fast 1.400 Kilometer lang war der Todesstreifen, der Deutschland zerschnitt. Er reichte von der Ostsee über die Elbe, Harz, Rhön, den Thüringer und den Frankenwald bis ins sächsisch-bayerische Vogtland. Für Menschen war die Grenze unüberwindbar. Auf der Ostseite verlief ein zehn Meter breiter Kontrollstreifen. Jeder, der sich näherte, war für das Grenzsoldaten sofort sichtbar. An den meisten Stellen war die Grenze auf 500 Meter durch einen sogenannten Schutzstreifen abgeriegelt. Zusätzlich sorgte eine fünf Kilometer tiefe Speerzone dafür, dass die innerdeutsche Grenze von Osten aus so gut wie unzugänglich war.
600 bedrohte Tier- und Pflanzenarten
Wo der Aufenthalt für Menschen tödlich sein konnte und die „Zonenrandlage“ die wirtschaftliche Entwicklung erschwerte, entstand im Laufe der Zeit ein einzigartiger Lebensraum: Im Schatten von Zäunen, Gräben und Selbstschussanlagen überlebten Tiere und Pflanzen, die der Siedlungsbau anderenorts vertrieben hatte. Entsprechend fand man 1989, nach dem Fall der Mauer, fast alle verschiedenen Lebensraumtypen und über 600 bedrohte Tier- und Pflanzenarten vor.
Im Frankenwald, dem südöstlichen Teil des Grenzstreifens, sind beispielsweise Wald und Feuchtwiesen genau so anzutreffen wie Niedermoore, Fließgewässer und Steinbrüche. Seltene Vogelarten wie der Schwarzstorch, die Heidelerche und der Uhu haben sich hierher zurückgezogen. Dasselbe gilt für Falter, Schmetterlinge und Libellenarten.
Die Idee: ein „Grünes Band“
Gleich nach Maueröffnung trafen sich Naturschützer aus Ost und West. Sie setzten sich für den Schutz dieser einmaligen Landschaft ein und entwickelten die Idee vom „Grünen Band“. Auch die Bundesregierung stellte – im Einvernehmen mit den Ländern – fest: Möglichst alle wertvollen Biotope sowie andere Gebiete, die für den Naturschutz bedeutend sind, gilt es zu erhalten und zu schützen. Der Bund beschloss, den ehemaligen Grenzstreifen als „Grünes Band“ zu sichern.
Das bedeutet, dass die Flächen entlang der früheren Grenze nicht mehr privatisiert werden. Sie gehen an die Bundesländer oder an Naturschutzträger über. So entstand mit 177 km2 der größte Biotopverbund Deutschlands. Im November 2005 hat der Bund das Bio-Netzwerk als „Nationales Naturerbe“ anerkannt. Es ist auch ein wichtiges Projekt der „Nationalen Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt“. Viele Teile sind als Schutzgebiet des europäischen Netzwerks „Natura 2000“ ausgewiesen.
Geschichte der Teilung bleibt unvergessen
Wächst damit Gras über die Vergangenheit? Ja, im wörtlichen Sinne schon. Aber nicht im übertragenen: Beispiele sind die Geschichtsprojekte „Erlebnis Grünes Band“ oder „Erlebnisstraße der deutschen Einheit“. Sie verläuft entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, verbindet 80 Grenzdenkmale und 25 Grenzmuseen. In Thüringen und Bayern lässt sich die Vielfalt der Regionen auf dem über 190 Kilometer langen „Vier-Länder-Grenzradweg“ erleben. Und in der Region Elbe-Altmark-Wendland sind „Grenzerfahrungspunkte“ am Grünen Band ausgeschildert, damit die Besonderheiten entlang der ehemaligen Grenze auffindbar sind.
