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Montag, 21. September 2009

Die richtigen Fäden gesponnen

Die sächsische Textilindustrie gehörte zu den Schlüsselindustrien der DDR. Nach dem Mauerfall geriet die Branche durch den internationalen Wettbewerb in eine tiefe Krise. Viele Arbeitsplätze waren nicht zu retten. Inzwischen ist Sachsens Textilindustrie wieder erfolgreich – durch die Kombination von traditionellem Können und wegweisenden Innovationen.

Abstandsgewirke auf einem Fußboden im Querschnitt. Die Struktur und Fasern sind sichtbar.Bild vergrößern Sie verfügen über thermoregulierende Eigenschaften: Feuchtigkeit gelangt nach außen, Kälte wird abgeschirmt. Sogenannte Abstandsgewirke werden bei der Polsterung von Sitzen oder Matratzen eingesetzt. Foto: REGIERUNGonline

Heinrich Mauersberger gilt als der letzte große Erfinder der DDR. Seine patentierte Nähwirktechnik „Malimo" revolutionierte die Textilindustrie der DDR und wurde in 40 Länder verkauft. Die Idee zu Malimo kam dem leidenschaftlichen Tüftler, als er seiner Frau beim Nähen zusah: Es müsste doch möglich sein, die Geschwindigkeit einer Haushaltsnähmaschine auf die Stoffherstellung zu übertragen. Tag und Nacht bastelte er an seiner „Vielnadelnähmaschine“, die mit mehreren Nadeln auf einer Schiene in Nähmaschinen-Geschwindigkeit Stoff herstellte. 1957 ging die Maschine in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) in Produktion.

Die DDR baute das Malimo-Verfahren und den Bau der Maschinen zu einem eigenen Industriezweig aus. Mit dem Ende der DDR geriet Sachsens Textilindustrie zunächst in eine tiefe Krise. Märkte und langjährige Kunden- und Lieferantenbeziehungen gingen quasi über Nacht verloren. Im internationalen Wettbewerb konnten die sächsischen Unternehmen nicht mithalten.

Technische Textilien – ein Zukunftsmarkt

Es gab nur einen Weg: Sie mussten sich auf die besonderen Kompetenzen ihrer Region besinnen: Innovationskraft, Forschergeist und hervorragend ausgebildete Beschäftigte. Und es gab alle wichtigen Partner in der Region: Maschinenbau-Unternehmen ebenso wie Stoffhersteller, spezialisierte Forschungsinstitute und Bildungseinrichtungen. Diese Vorteile galt es zu nutzen, denn der Preiswettbewerb gegen asiatische Standorte war nicht zu gewinnen.

Als Zukunftsmarkt erkannten die Sachsen früh den der technischen Textilien. Hier verfügte Sachsen nach wie vor über ein Alleinstellungsmerkmal mit viel Potenzial: die Malimo-Technologie. Sie macht es möglich, vielfältige Materialien in textilen Strukturen zu verarbeiten, zum Beispiel Karbon- oder Bambusfasern.

Sachsen hat diese weltweit Technologieführerschaft inzwischen ausgebaut. Über 300 neue Patente beweisen das. Mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums haben regionale Unternehmen und Forschungsinstitute diese Basistechnologie ständig weiterentwickelt.

Gestickte Hightech-Produkte

Auch die klassische Stickerei – bekannt durch die „Plauener Spitze“ – kommt zu neuen Ehren. „highStick“ nennt sich ein Bündnis, zu dem sich Unternehmen sowie Forschungs- und Bildungseinrichtungen in der Region Plauen-Greiz-Chemnitz zusammengeschlossen haben. Sie wollen die Möglichkeiten des technischen Stickens nutzen, speziell in den Bereichen Bau-, Fahrzeug- und Medizintechnik.

Einen großen Erfolg haben die beteiligten Forschenden der Universität Chemnitz bereits erzielt. Sie entwickelten den weltweit ersten gestickten Sensor, mit dem sich bereits ein Mehrachsroboter bewegen lässt. Wo bislang viele Einzelteile gebraucht wurden, reicht jetzt ein einziges Bauteil, das sich günstig als Massenprodukt herstellen lässt. Die Chemnitzer haben das neue Herstellungsverfahren und die Anwendung zum Patent angemeldet.

Sensoren aus Garnen

Andreas Reinhard, Chef der Modespitze Plauen GmbH, ist im Bündnis highStick für die Massenfertigung der Sticksensoren verantwortlich. In umfangreichen Versuchen hat er verschiedenste Materialien, darunter Metalldrähte, leitfähig beschichtete Fäden oder hauchdünne Garne erfolgreich verstickt. „Die Feinarbeit für den praktischen Einsatz wird uns noch Anstrengungen kosten, aber für unser Unternehmen ist das ein sehr interessanter Markt. Mit neuen speziellen Maschinen könnten wir pro Minute 100 bis 200 Sticksensoren fertigen“, erklärt Reinhard.

Die sächsische Textilindustrie gilt heute wieder als Zukunftsindustrie. Prof. Franz Rudolph, der Textilbeauftragte des Freistaates, ist optimistisch: „Der Markt für technische Textilien ist anspruchsvoll, er lebt von ständigen Innovationen. Durch die hervorragenden Forschungseinrichtungen und ihre Kooperation mit kleinen, flexiblen Unternehmen sind wir hier gut gerüstet. Wir haben schon viel erreicht, aber wir müssen unsere Strategie weiter konsequent verfolgen und die Unternehmen stärken für diesen interessanten Markt.“

Technische Textilien

Technische Textilien sind innovative High-Tech-Materialien mit neuen Produkteigenschaften und vielfältigen Anwendungsbereichen. Sie reichen vom Airbag im Auto und intelligenten Textilien über textile Dichtungen und Filter in der Industrie, Faserverbundwerkstoffe für Sportgeräte und Flugzeuge bis zu textilen Implantaten in der Medizin. Auch im Bauwesen kommen Textilien zum Einsatz, z.B. bei der Befestigung von Böschungen oder als Textilbeton, bei dem der herkömmliche Baustahl durch leichte textile Strukturen ersetzt wird. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung trägt dazu bei, die Innovationskraft der Neuen Länder weiter zu stärken. Es engagiert sich besonders mit der Innovationsinitiative "Unternehmen Region" (jährliche Förderung: 92 Millionen Euro) und dem Programm "Spitzenforschung und Innovation in den Neuen Ländern". Mit diesem Programm fördert der Bund seit 2008 17 Forschungskooperationen mit insgesamt 200 Millionen Euro. Das Ziel: eine international wettbewerbsfähige Innovationslandschaft mit großen Potenzialen für exzellente Forschung und nachhaltiges Wirtschaftswachstum. 2008 kamen außerdem acht neue Zentren für Innovationskompetenz hinzu. Fördervolumen: insgesamt 73 Millionen Euro. Dabei handelt es sich um Spitzenforschungsstätten, die Nachwuchsforscherinnen und Nachwuchsforscher aus der ganzen Welt anziehen.

Weitere Informationen unter http://www.unternehmen-region.de/