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Die Mauer fiel - auch wegen der Umweltbewegung

"Hände hoch, Maschine aus!" Mit diesem Befehl stürmte ein zwanzigköpfiges Einsatzkommando der DDR-Staatssicherheit in der Nacht zum 25. November 1987 die Umweltbibliothek der Berliner Zionskirche. Mitarbeiter waren gerade dabei, die neueste Ausgabe der "Umweltblätter" zu drucken. Die Stasi verhaftete sieben Leute und beschlagnahmte Druckmaschinen und Schriften.

Industrieanlagen in Bitterfeld vor der WendeBild vergrößern Industrieanlagen in Bitterfeld vor der Wende Foto: picture-alliance/ ZB


Protestendierende vor einem Altbauhaus, das zum Abriss vorgesehen istBild vergrößern Foto: Argus

Noch in der gleichen Nacht wird eine Mahnwache in der Kirche eingerichtet. In den darauffolgenden Tagen kommen hunderte Oppositionelle aus dem ganzen Land zu Solidaritätsveranstaltungen im Gotteshaus zusammen. Auch anderswo halten DDR-Bürger Mahnwachen. Die breite Reaktion und das große Medienecho im Ausland zwang die Staatsführung, die Verhafteten wieder freizulassen.

1986 hatte die Bibliothek in den Kellerräumen des Pfarrhauses ihre Arbeit aufgenommen. Dort gab es Raritäten: Literatur zu Frieden, Umwelt und Entwicklungshilfe, illegale Zeitschriften. Alle zwei Tage traf man sich zu Ausstellungen, Konzerten, Vorträgen. Neben den "Umweltblättern" druckte sie auch Nummern anderer illegaler Zeitschriften. Mehr und mehr übernahm die improvisierte Druckerei Aufträge oppositioneller Gruppen aus der gesamten DDR.

Umweltkrise – mit den Händen zu greifen

Die Verhaftungsaktion zeigt, welche politische Sprengkraft die Stasi der Umweltbewegung zumaß. Deutlich wurde aber auch der Rückhalt, den Umweltgruppen in der Opposition der DDR hatten. Nicht ohne Grund: Die Umweltprobleme des Landes waren offenkundig. "Der Smog in Halle war so stark, dass ich mich verlaufen hatte in der Stadt", erinnert sich die Meteorologin Rosemarie Benndorf an ihre Anfänge in der Umweltbewegung. Heute Mitarbeiterin im Umweltbundesamt, hatte sie 1972 in der Händelstadt ihre erste Stelle angetreten.

70 Prozent ihres Energiebedarfs bestritt die DDR aus Braunkohle und hatte deswegen eine der höchsten Emissionen in Europa. Die Folge: in besonders belasteten Regionen wie Leipzig, Halle oder Chemnitz erkrankte jedes zweite Kind an Atemwegserkrankungen.

Über die Hälfte der Wälder des Landes war beschädigt. Von den Gewässern konnten nur 20 Prozent für Trinkwasser mit normalen Aufbereitungstechniken genutzt werden. Intensive Landwirtschaft und undichte Mülldeponien verunreinigten das Grund- und Oberflächenwasser zusätzlich. In ehemaligen Braunkohlegruben dümpelten hochgiftige Chemikalien.

Umweltschutz auf dem Papier

Umweltschutz wurde zwar schon 1968 in der DDR als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen – noch vor der Bundesrepublik. Und als zweites Land in Europa erließ das Land im Mai 1970 ein umfassendes Umweltschutzrahmengesetz. Anfang der 70er Jahre schlug die SED-Führung jedoch einen neuen Kurs ein: Was erwirtschaftet wurde, sollte Massenbedürfnisse befriedigen. Das hieß beschleunigter Wohnungsbau, Preisstopp für Konsumgüter und Dienstleistungen, mehr Waren in den Geschäften. Modernisierungen der Produktion und dringende Investitionen in die Umweltinfrastruktur unterblieben damit.

Der ökologische Preis dieser Politik war Tabu: 1982 erklärte der Ministerrat Umweltdaten weitgehend zur Verschlusssache.

Das grüne Kreuz

Umweltzerstörung, ihre Vertuschung und Gesundheitsgefährdung wollten viele Menschen nicht akzeptieren. Kritik sammelte sich vor allem unter dem Dach der evangelischen Kirche.

1979 kamen in Schwerin junge Menschen zu einem kirchlichen Jugendwochenende zusammen und pflanzten entlang einer neuen Straßenbahnlinie 5.000 Bäume. Die Aktion wurde in der ganzen DDR aufgegriffen. Es entwickelte sich eine regelrechte "Baumpflanzbewegung", die zur Gründung von Umweltgruppen in vielen Städten führte. Außerdem traf man sich in Schwerin oder Berlin zu ökologischen Seminaren, in Potsdam zu Radsternfahrten. Kleine grüne Tonkreuze, die erstmals auf dem Evangelischen Kirchentag 1983 in Dresden angefertigt wurden, wurden zum Symbol der kirchlichen Umweltbewegung.

Theoretische Fundamente und Vernetzung

Schaukasten mit einem Bild Storms der mit Protestnachrichten beklebt wurdeBild vergrößern Foto: Argus

Intellektueller Knotenpunkt der christlichen Umweltbewegung war das „Kirchliche Forschungsheim Wittenberg“ (KFHW), das dem Thema "Umwelt" vor allem durch ethisch-theoretische Auseinandersetzung Öffentlichkeit verschaffte. Durch die Aufschrift "Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch" vor staatlicher Zensur geschützt, konnte es Schriften produzieren und verbreiten, etwa die "Briefe zur Orientierung im Konflikt Mensch-Natur". Im "Erde-Kreis", der sich ab 1977 drei- bis viermal im Jahr traf, kamen Techniker, Mediziner, Biologen, Mathematiker und Theologen aus der ganzen DDR zusammen.

Das Ende der 70er Jahre erschienene Werk "Die Erde ist zu retten" wurde für viele umweltengagierte Christen zum Kompass und erschien bis 1988 in fünf Auflagen. In Ost und West verteilt wurde "Pechblende" aus demselben Jahr. Michael Beleites, 24-jährig und seit 1982 von der Stasi verfolgt, hatte darin die Gefahren des Uranbergbaus dokumentiert. Videoaufnahmen uranhaltiger Halden, von Wassereinleitungen und Schlammbergen gelangten sogar in die ARD-Sendung "Kontraste".

Ab 1981 fand auf Initiative des Kirchlichen Forschungsheims Wittenberg jährlich an einem Wochenende um den 5. Juni, dem UN-Weltumwelttag, die Aktion "Mobil ohne Auto" statt. Nichtreligiöse Menschen wollte man mit einer Ausstellung ansprechen, die in touristisch interessanten Kirchen wie der Kreuzkirche in Dresden oder dem Bad Doberaner Kloster zu sehen war.

1983 waren schon fast 30 Umweltgruppen, 1988 an die 80 Umweltgruppen beim KFHW registriert. Darin waren, so schätzt man, 550 bis 850 Personen aktiv.

Umweltschutz vor Ort

Die Umweltprobleme vor Ort zu thematisieren, war auch das Anliegen der "Arbeitsgruppen Umwelt" oder "Interessengemeinschaften Stadtökologie". Sie hatten sich in den 80er-Jahren von der "Gesellschaft für Natur und Umwelt" abgespalten, einer Fachorganisation innerhalb des staatlichen "Kulturbunds". Die GNU war die Antwort von oben auf das wachsende Umweltinteresse.

Die IGs existierten in vielen Städten und verstanden sich als umweltpolitische Bürgerinitiativen. Ihr Ziel: eine ökologischere Arbeits- und Lebensweise – besseres Recycling, Gewässerschutz, weniger Bodenversiegelung. Mit Plakaten, Faltblättern, Vortragsabenden versuchten sie, das Umweltbewusstsein im Alltag zu schärfen und Aktionen zu starten. Auch diese Gruppierungen waren im Visier der Staatssicherheit und wanderten auf einem schmalen Grat zwischen Duldung und Repression.

Herbst 1989

Wie hat die Umweltbewegung zur friedlichen Revolution beigetragen? "Durch das Selbstständig- und Aktiv-Werden und das Entwickeln eigener Ideen. Wir hatten ja in unserem Bereich im Kleinen demokratische Strukturen geschaffen, die die Befassung mit anderen Themen mit vorbereitet haben," resümiert Rosemarie Benndorf. Auch die permanente Herausforderung des Staats setzte einen Prozess in Gang: "Wenn man einmal den kleinen Finger hat, dann nimmt man mehr und mehr." Michael Beleites, heute Leiter der sächsischen Stasi-Unterlagen-Behörde, sieht deswegen auch in der Umweltbewegung einer der drei Säulen der DDR-Opposition.

Insofern wundert es nicht, dass die Umweltkrise Thema im Herbst 1989 war und mit dem Ruf nach Wahlen und Bürgerbeteiligung Hand in Hand ging. Bürgerrechtsbewegungen wie "Demokratie jetzt" oder der "Demokratische Aufbruch" forderten eine ökologische Umgestaltung der Gesellschaft. Mitglieder der Umweltgruppen waren an der Gründung von Bürgerbewegungen und der zwei grünen Parteien "Grüne Partei" und "Grüne Liga" im Herbst beteiligt. Die Umweltbewegung fehlte auch nicht am Runden Tisch. Und Vertreter von ihnen als Minister zu berufen, daran kam auch die letzte von der SED geführte "Regierung der nationalen Verantwortung" nicht vorbei.