Die Entscheidung darüber, was zwei Mal zwei ist, hatten die Wissenschaftler der DDR den Machthabern überlassen. So äußert sich der Leipziger Biologieprofessor Karl Drößler mit einem Zitat aus Herrmann Hesses Glasperlenspiel. Tatsächlich war das entscheidende Merkmal die straffe zentralistische Führung aller Forschungen nach den staatlichen Bedürfnissen.
In weiten Bereichen orientierten sich Projekte daran, was der Staat benötigte. So forschten die Chemiker und Chemikerinnen beispielsweise an der Entwicklung eines westlichen Produkten gleichwertigen Farbfilms. Der durfte jedoch keine reine Kopie sein, um nicht die Patentrechte zu verletzen. Aufgrund des Devisenmangels war der Import solcher Filme oder der Erwerb der Patentrechte nicht finanzierbar. Dass es den Forschern nicht richtig gelang, einen gleichwertigen Film zu entwickeln, zeigt die Klage bekannter DDR-Fotografen. Sie wichen lieber auf Schwarzweißfilme aus.
Devisenmangel zwang auch dazu, Ersatzstoffe entwickeln zu lassen. Viele Rohstoffe - wichtige Metalle und Energieträger – musste die DDR teuer importieren. Also sollten Forscherinnen und Forscher versuchen, aus heimischen Stoffe, wie der Braunkohle, gleichwertige Materialen zu gewinnen.
Professor Kocka charakterisiert die DDR-Wissenschaft so: Sie war erheblich politisch gesteuert. Sie musste mit sehr viel geringeren Ressourcen auskommen als die westdeutsche und die heutige und besaß sehr viel weniger Außenkontakte.
Die zentralistische Organisation zeigte sich vor allem daran, dass der Löwenanteil der außeruniversitären Forschung in Instituten erfolgte, die zur Akademie der Wissenschaften der DDR gehörten. Alle Entscheidungen traf der Ministerrat der DDR, beraten vom 1957 gegründeten Forschungsrat. Der lehnte zumeist Grundlagenforschung ohne unmittelbaren Anwendungsbezug ab. Es verwundert daher wenig, dass die DDR sich mit keinem einzigen Nobelpreis schmücken konnte.
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Machthaber entschieden, was zwei mal zwei ist
Foto: BMBF/Nationales Genomforschungsnetz (NGFN)
Was bedeutete aber das System für die Menschen in der Forschung? Die einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten im vorgegebenen Rahmen recht frei arbeiten. Vor allem waren sie wirtschaftlich abgesichert, wenn auch mit – aus heutiger Sicht – bescheidenen Gehältern. Die DDR förderte Fleiß, Gewissenhaftigkeit und Kreativität.
Stark eingeschränkt waren die Möglichkeiten, sich mit Forscherinnen und Forschern aus anderen, vor allem westlichen Ländern, auszutauschen. Auch Fachliteratur aus dem Ausland war wegen des Devisenmangels nur schwer zu beschaffen.
Linientreue war wichtig, auch wenn dies nicht so strikt gesehen wurde wie an den Hochschulen. Privilegien, Karrierechancen und Vorteile wie etwa Westreisen waren aber stark an die Parteimitgliedschaft gebunden.
So verwundert es wenig, dass die Wissenschaft mit wenigen Ausnahmen keine besondere Rolle bei der Friedlichen Revolution spielte. Viele der sehr systemnahen Forscherinnen und Forscher aus der DDR wurden nach der Wende nicht übernommen. Das musste nicht unbedingt an der politischen Ausrichtung liegen.
Viele kamen in eine bislang unbekannte Wettbewerbssituation. Anstatt der sicheren Stelle erlebten sie befristete Verträge und Arbeitslosigkeit. Viele mussten sich beruflich umorientieren. Besonders in den Sozial- und Geisteswissenschaften wurden Forschungseinrichtungen aufgelöst, die sich mit Marxismus-Leninismus, Geschichte der Arbeiterbewegung oder der sozialistischen Ökonomie befasst hatten. Es ist naheliegend, dass Leute, die in solchen Instituten tätig waren, ihre Arbeitsplätze verloren haben und mit Bitterkeit auf die Wende zurückschauen.
Für die Jüngeren war die Friedliche Revolution aber eine Chance. Es wurde ihnen ermöglicht, ihr Studium mit neuen Schwerpunkten zu beenden. Sie bekamen neue Chancen, konnten ins Ausland reisen, erhielten Stipendien und erlebten die intellektuelle Öffnung.
Die Forschungslandschaft änderte sich durch die Wiedervereinigung und die Übernahme der westlichen Strukturen grundsätzlich. Viele Forschungseinrichtungen wurden in die Hochschulen integriert. So konnte die universitäre Forschung wie etwa an den traditionsreichen Universitäten Greifswald oder Jena an die wissenschaftlichen Erfolge der Vorkriegszeit anknüpfen.
Andere Institute kamen zu den westdeutschen Forschungsorganisationen. In den letzten 20 Jahren entstanden auch neue Einrichtungen, die internationale Anerkennung genießen.
Heute sind in der Forschungslandschaft der neuen Länder Institute, Forschungseinrichtungen und -zentren aller großen Forschungsorganisationen zu finden. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sind dies: