Rund 250 Millionen Kinder arbeiten weltweit, über 100 Millionen davon in Indien. Nirgendwo arbeiten mehr Kinder als hier, zum großen Teil unter Bedingungen, die laut internationalen Abkommen verboten sind. Besonders hart trifft das Kinder in Orissa. Fernab der großen Metropolen gelegen, zählt Orissa zu den ärmsten Regionen des indischen Subkontinents.
In Orissa leben heute etwa 46 Prozent Analphabeten, in manchen Regionen sind es bis zu 90 Prozent. 4,6 Millionen schulpflichtige Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren arbeiten. Fast alle Menschen sind arm. Das liegt auch daran, dass staatliche Mittel oft nicht vor Ort ankommen. So entsteht ein Teufelskreis, der seit Generationen wirkt: Armut schafft Kinderarbeit, und Kinderarbeit schafft Armut. Ohne Bildung gibt es keinen Ausweg.
16 Dorfgemeinschaften in Orissa wollten Kinderarbeit nicht länger hinnehmen. 1991 schlossen sie sich zusammen und bauten für ihre Kinder eine Grundschule, die bis zur fünften Klasse führt. Sie liegt in Kachapaju, einem entlegenen Dorf in den Bergen Orissas.
Seit 2001 werden hier jedes Jahr per Losverfahren zwei Kinder aus jedem Dorf der Region aufgenommen, ein Junge und ein Mädchen. Damit die Kinder nicht kilometerweit laufen müssen, gibt es für sie in Kachapaju ein bescheidenes Wohnheim.
Das ist ein gewaltiger Erfolg. Seit die Eltern die Fortschritte ihrer Kinder sehen, kämpfen sie für mehr Schulen und eine bessere Weiterbildung. Gemeinsam bauten sie zunächst eine zweite Schule in Darasingh, einem kleinen Dorf im südlichen Bergland von Orissa. Alle Familien beteiligten sich mit fünf Rupien (circa 10 Cent), damit eine Plane für das Dach angeschafft werden konnte.
Die Mütter nähten Schuluniformen, und die Schule in Kachapaju stellte einen Lehrer. 2005 startete in Darasingh der Unterricht. Seither sitzen hier Tag für Tag 91 Kinder dicht gedrängt auf dem Boden ihrer Grundschule und lernen - statt zu arbeiten.
Kachapaju, Darasingh und die Nachbardörfer gehören zu den so genannten Adivasi-Dörfern in Orissa. Adivasi sind Nachfahren der Ureinwohner Indiens. Die rund 80 Millionen Adivasi stehen außerhalb des Kastensystems und zählen zu den Ärmsten des Landes. Weil sie kaum finanzielle Reserven haben, geraten viele in eine Schuldenfalle, die zu lebenslanger Schuldknechtschaft führt. Nicht selten verkaufen Adivasi aus Not auch die Arbeitskraft ihrer Kinder.
Adivasi wissen, welchen Wert Bildung für ihre Zukunft hat. Sie wollen Bildung nicht in Konkurrenz zur Arbeit ihrer Kinder setzen. Arbeitende Kinder entlasten ihre Familien zwar finanziell, sie geraten aber in eine Sackgasse.
In Orissa bilden die Dorfgemeinschaften heute ein starkes Netzwerk. Die Schulen in Kachapaju und Darasingh sind bestes Beispiel für die Kreativität dieses Netzwerkes. Die Dorfgemeinschaften kämpfen jetzt darum, den Zugang und die Qualität der Ausbildung in den weiterführenden staatlichen Schulen zu verbessern. Denn die hoch motivierten Kinder sollen auch nach der Dorfschule noch gute Chancen erhalten.
Ohne Unterstützung können die Adivasi dieses Ziel jedoch kaum erreichen. Deutscher Partner ist das Nordelbische Missionszentrum in Hamburg. Das international arbeitende Werk gehört zur Nordelbischen Kirche, der nördlichsten Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Deutschlands.
Das Werk hat bereits seit über 120 Jahren Kontakte in diese Region Indiens und setzt sich besonders für die Ausbildung und Chancengleichheit der Adivasi-Völker ein. Als verlässlicher Partner in der Entwicklungszusammenarbeit gibt es zweckgebundene Mittel der Kirche und Spenden von Privatpersonen weiter.
In Indien arbeitet das Nordelbische Missionszentrum unter anderem mit der Entwicklungsorganisation WIDA zusammen. WIDA entwickelte das Programm "Bildung für jedes Kind". Die Organisation setzt auf Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort, das Bildungsprogramm ist Hilfe zur Selbsthilfe. Das gemeinsame Ziel heißt: Alle Adivasi-Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren gehen in die Schule. Über 1.000 Kinder wurden Dank dieses Schulprogramms bereits aus Kinderarbeitsverhältnissen befreit.
Die Bildungsmisere des Schulsystems im ländlichen Raum führt in der Regel zu Kinderarbeit und lebenslanger Armut. Orissa ist nicht der einzige Bundesstaat in Indien, in dem das so ist. Das Beispiel Orissa zeigt jedoch: Armut muss und darf kein Hindernis für die Ausbildung von Kindern sein.
(Autoren: Eberhard von der Heyde (Indienreferat) und Doreen Gliemann (Pressestelle), Nordelbisches Missionszentrum der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, Hamburg)
Material für Schule und Unterricht:
"Indien: Schule statt Kinderarbeit. Bildung als Ausweg aus der Armutsfalle". Studie mit Fallbeispielen, internationalen Abkommen, historischen Fakten unter anderem aus der deutschen Geschichte. Hrsg. Nordelbisches Missionszentrum (NMZ) in Zusammenarbeit mit Südwind, Institut für Ökonomie und Ökumene. ISBN: 3-929704-35-8. Bezug: info@nmz-mission.de.