Von Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul
Frauen zu stärken heißt Entwicklung voranbringen. Dies ist mir in meiner gesamten politischen Laufbahn ein besonders wichtiges Anliegen. Denn trotz Erfolgen in vielen Ländern sind Frauen noch immer extrem benachteiligt:
Große Defizite gibt es auch bei der Verbesserung der Müttergesundheit, - eines der Millenniumsentwicklungsziele. Jeden Tag sterben 1.500 Frauen durch Komplikationen während der Geburt oder Schwangerschaft. Damit ist das Risiko, an den Folgen von Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, für Frauen in Entwicklungsländern rund 300 Mal so hoch wie in Industrieländern.
All dies sind Verstöße gegen die Menschenrechte, die Frauen ihre Menschenwürde nehmen. Diskriminierung und Benachteiligung von Frauen ist dabei nicht nur zutiefst ungerecht und unmenschlich, es ist auch wirtschaftlich unvernünftig. Denn Studien der Weltbank zeigen: Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern bringt Wirtschaftswachstum. Wo Frauen nicht ausreichend beteiligt werden, sinken hingegen die Wachstumsraten.
Sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einzusetzen, ist deshalb immer noch bitter nötig. Dies ist ein wichtiges Ziel der deutschen Entwicklungspolitik und Querschnittsaufgabe aller unserer Vorhaben. Die Hälfte unserer Mittel fließt in Vorhaben, die Gleichberechtigung fördern. Ein Viertel fließt direkt in die Stärkung der Rechte der Frauen.
Mit diesen Mitteln fördern wir zum Beispiel einen besseren Zugang von Frauen zum Rechtssystem, so in Nigeria. In einer „Rechtsklinik“ erhalten Frauen juristischen Beistand zu Fragen von Erb- und Scheidungsrecht sowie häuslicher Gewalt. Im Kampf gegen die Genitalverstümmelung beraten wir in Mauretanien das Frauenministerium bei der Entwicklung eines nationalen Aktionsprogramms und eines Gesetzes gegen Genitalverstümmelung.
Auf lokaler Ebene unterstützen wir kulturell angepasste Ansätze zur Einstellungs- und Verhaltensänderung. Dazu zählen dort beispielsweise der Dialog zwischen den Generationen, alternative Initiationsrituale in Kenia oder die Integration des Themas in Lehrpläne und Lehrerausbildung in Mali. Initiationsrituale sind traditionelle rituelle Übergänge von einem Lebensabschnitt in den nächsten.
Im Bereich Grundbildung arbeiten wir in Guinea an der Verbesserung der Bildungschancen für Mädchen. Dies geschieht über die Dezentralisierung des Bildungssektors, über Fortbildungen der Lehrer und Lehrerinnen sowie über Mädchenförderung.
Auch beraten wir das Bildungsministerium, Institutionen zur Aus- und Fortbildung, die Zivilgesellschaft sowie dezentrale Schulbehörden. Ergebnis ist der kontinuierliche Anstieg der Einschulungsraten, insbesondere bei Mädchen. Ein weiteres Instrument sind Mikrofinanzierungen. Davon profitieren mehrheitlich Frauen, zumal sie auch die besseren Rückzahlungsquoten haben.
Frauen investieren ihre Gelder nachhaltig in Bildung und Gesundheit der Kinder, in die wirtschaftliche Zukunft der Familien, insbesondere in eigene Existenzgründungen, was ihnen hilft, auf eigenen Beinen zu stehen.
Wir unterstützen Mikrofinanzvorhaben in 63 Ländern mit circa 130 Millionen Euro pro Jahr.
Auch in internationalen Organisationen und auf multilateraler Ebene wächst das Bewusstsein für die wichtige Rolle von Frauen und für die Bedeutung ihrer Förderung. Mit deutscher Unterstützung hat der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria 2008 seine erste Gender Strategie verabschiedet.
Die Weltbank hat sich über ihren Gender Aktionsplan hinaus zur Stärkung der wirtschaftlichen Teilhabe von Frauen verpflichtet. Die EU hat die Gleichberechtigung der Geschlechter zu einer der fünf zentralen Säulen ihres im Mai 2008 verabschiedeten Aktionsplans zu den Millenniumszielen erklärt. Die internationale Initiative „Making Finance work for Africa“ bietet konkrete Finanzdienstleistungen für Frauen in Afrika.
Auch in den Entwicklungsländern ist 2008 einiges passiert: Die Staatengemeinschaft im südlichen Afrika hat das „SADC Gender and Development Protocol“ verabschiedet. Die Afrikanische Union hat aufbauend auf die Solemn Declaration on Gender Equality in Africa einen eigenen Gender Aktionsplan beschlossen.
Auf den großen internationalen Konferenzen 2008 in Accra und Doha haben sich alle anwesenden Staaten dazu verpflichtet, die Geschlechterperspektive in Zukunft noch gezielter und systematischer zu verfolgen. Ein wichtiger Schritt, um gesetzliche Benachteiligungen zu identifizieren, ist die im September 2008 von der Weltbank mit deutscher Unterstützung eröffnete Gender-Law-Online-Datenbank. Sie gibt Auskunft über geschlechtsspezifische Diskriminierungen von Frauen in nationalen Gesetzen und bietet uns damit die Möglichkeit, gezielt zu handeln.
All dies sind wichtige Schritte für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Damit Gleichberechtigung aber auch im Alltag gelebt wird, müssen wir beständig und hartnäckig weitere rechtliche Verbesserungen anmahnen und auf ihre Einhaltung pochen. Ich werde mich weiterhin mit aller Kraft dafür einsetzen!
(Autorin: Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, BMZ)
Gleiche Rechte für Frauen weltweitWieczorek-Zeul trifft afghanische FrauenministerinDas „SADC Gender and Development Protocol”Was ist Gender Mainstreaming?Der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und MalariaArmut bekämpfen – Gerechtigkeit schaffen (PDF)MikrokrediteSolemn Declaration on Gender Equality in Africa (englisch)