Um sechs Uhr abends versinkt die Dodoma-Region im Zentrum Tansanias in Dunkelheit. Kein Kind kann dann mehr Hausaufgaben machen. Und wenn Neugeborene um diese Zeit das Licht der Welt erblicken, geschieht auch dies im Dunkeln. Dass die Menschen in der Region bald an ein Stromnetz angeschlossen werden, ist nicht abzusehen.
Tansania ist eines der ärmsten Länder Afrikas. In der Region um Dodoma, der Hauptstadt Tansanias, leben 60 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze. Die Bauernfamilien pflanzen zwar Sorghum, Hirse, Maniok, Süßkartoffeln, Bohnen und Erdnüsse an, doch reicht die Ernte kaum zum Überleben. Gekocht wird traditionell an offenen Feuerstellen. Dafür muss viel Brennholz gesammelt werden.
Neunzig Prozent des Energiebedarfs in Tansania werden durch Feuerholz und Holzkohle gedeckt. Dies hat zur Folge, dass weit mehr Holz gerodet wird als nachwächst.
Rund um Dodoma fällen die Menschen besonders viele Bäume und Sträucher: Jedes Jahr werden hier 100.000 Hektar Waldfläche vernichtet. Hauptursache ist der Feuerholzbedarf im Haushalt. Hinzu kommt Überweidung, da es zu viele Rinder gibt. Die Tiere im Stall zu halten, ist in Tansania fast unbekannt.
Die massive Abholzung wirkt sich sehr negativ auf die Bodenqualität aus: Mehr als die Hälfte des ohnehin spärlichen Regenwassers fließt ungenutzt ab, weil die Böden es nicht aufnehmen können. Das führt dazu, dass die Erträge aus dem Anbau von Sorghum, Hirse und Maniok sinken. Also stellen viele Kleinbauern Holzkohle her. So können sie auf dem Markt ein zusätzliches Einkommen erwirtschaften. Damit treiben sie die Umweltzerstörung jedoch weiter voran. Ein Teufelskreis.
Bereits heute ist offensichtlich, dass die Auswirkungen eines sich wandelnden Klimas viele Entwicklungsländer in den tropischen Klimazonen besonders hart treffen. Innerhalb dieser Länder trifft es jeweils die sozial und wirtschaftlich schlecht gestellten Menschen am härtesten. Sie sind am anfälligsten und am schlechtesten geschützt. Sie haben kaum die Möglichkeit, die lokale Politik oder gar internationale Abkommen in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Viele Menschen sind schon heute in ihrem Lebensraum bedroht. Sie werden auf schlechte Böden abgedrängt oder müssen an gefährlichen Hängen siedeln. Ihre Bemühungen um Energie, um sauberes Wasser, gesunde Nahrungsmittel und einen sicheren Lebensraum sind durch negative Umweltentwicklungen oft genug zum Scheitern verurteilt.
Mit Unterstützung von "Brot für die Welt" versucht die Organisation "Migesado", den Raubbau an der Natur zu stoppen. Erreicht werden soll dies durch den Bau von Biogasanlagen und energiesparenden Lehmöfen sowie die Wiederanpflanzung von Bäumen.
Die Biogasanlagen werden mit Kuhdung befeuert. Einheimische Maurer, die zuvor von der Organisation ausgebildet worden sind, stellen pro Jahr rund Hundert solcher Anlagen her.
Abnehmer sind neben "Großverbrauchern" wie Krankenstationen oder Schulen auch kleinbäuerliche Familien mit eigener Viehhaltung. Das Projekt ist ein Erfolg: In rund Hundert Dörfern sind Nutzergruppen entstanden, die sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch treffen. Und in Dodoma beschäftigen sich allein fünf Handwerksbetriebe mit der Herstellung von Lampen, Herden, Kühlschränken und anderen biogasbetriebenen Geräten.
Neben dem Bau von Biogasanlagen fördert Migesado auch die Herstellung von energiesparenden Lehmöfen. Vier Frauen wurden dazu als Trainerinnen ausgebildet. Sie zeigen Dorfbewohnerinnen, wie sie solche Öfen selber bauen können – und stoßen dabei auf reges Interesse.
Denn neben der Natur sind es vor allem die Frauen, die von den alternativen Technologien profitieren: Lehmöfen und Biogasanlagen verringern nicht nur den Feuerholzbedarf und damit den CO2-Ausstoß erheblich. Sie reduzieren auch die Arbeitsbelastung der Frauen und Mädchen, die traditionell für das Sammeln von Feuerholz zuständig sind. Ein Nebeneffekt: Atemwegserkrankungen und Augenentzündungen, unter denen viele Frauen wegen der starken Rauchentwicklung an den offenen Feuerstellen leiden, sind bereits deutlich zurückgegangen.
Die Verwendung alternativer Energien hilft zwar, die Abholzung zu reduzieren. Sie kann aber nicht die Fruchtbarkeit der Böden wiederherstellen. Deshalb motiviert Migesado die Menschen, neue Bäume anzupflanzen. Inzwischen existieren zahlreiche Baumschulen, die von den Dorfgemeinschaften eigenverantwortlich betreut werden. Mehrere zehntausend Bäume wurden bereits bepflanzt.
500 Biogasanlagen wurden inzwischen gebaut. Die Familien müssen nicht mehr im Dunkeln sitzen. Kinder können am Abend bei Licht ihre Hausaufgaben machen. Und Neugeborene erblicken jetzt nicht mehr bei Dunkelheit das Licht der Welt.
(Autorin: Renate Of, Projektinformation Afrika, Brot für die Welt, Stuttgart)