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Mittwoch, 1. September 2010

Sarrazin nennt stets nur die halbe Wahrheit

Staatsministerin Maria Böhmer hat die Äußerungen von Thilo Sarrazin kritisiert. "Er zeichnet mit seiner pauschalen Polemik ein
Zerrbild der Integration in Deutschland", erklärte Böhmer. Erfolge bei der Integration blende Sarrazin völlig aus. Es sei unbestritten, dass es Defizite gebe. Die Bundesregierung habe die Missstände aber schon seit langem erkannt und bei der Integration umgesteuert.

Statement von Staatsministerin Böhmer zu den Äußerungen von Thilo Sarrazin:

Sarrazin zeichnet mit seiner pauschalen Polemik ein Zerrbild der Integration in Deutschland, das jeder ernstzunehmenden wissenschaftlichen Untersuchung nicht stand hält. In seinen Ausführungen nennt er stets nur die halbe Wahrheit: Es ist unbestritten, dass es gerade bei der Bildung vieler Migranten großen Nachholbedarf gibt! Um dies festzustellen, bedarf es nicht der Aussagen Sarrazins.

Die Bundesregierung hat die Missstände schon seit langem erkannt, bei der Integration umgesteuert und seit 2005 einen beispiellosen Politikwechsel eingeleitet. Dabei wird über Defizite und  Erfolge bei der Integration gleichermaßen offen gesprochen! Dabei reden wir nicht über, sondern mit den Migranten. 

In der Integration haben wir mit jahrzehntelangen Versäumnissen zu kämpfen. Vieles, was Sarrazin heute kritisiert, liegt in den Multi-Kulti-Träumen vergangener Zeiten begründet. Bei Sarrazin finden Fortschritte bei der Integration per se nicht statt. Beispielsweise, dass sich das Bildungsniveau junger Migranten von 2005 bis 2008 erhöht hat.

Wie der 8. Bericht zur Lage der Ausländerinnen und Ausländer zeigt, gelingt es immer mehr Jugendlichen aus Zuwandererfamilien, einen mittleren Abschluss oder die Fachhochschulreife oder das Abitur zu erwerben. Das sind zukünftige Fachkräfte, die Deutschland angesichts der demografischen Entwicklung dringend braucht. Dieses Potenzial gilt es zu fördern und nicht zu diskriminieren!Ausgeblendet wird von Sarrazin auch die hohe Zahl von 600.000 Migrantinnen und Migranten, die seit 2005 einen Integrationskurs besucht haben, um Deutsch zu lernen.

Was ist mit den vielen Zuwanderern, die tagtäglich im Büro, im Labor, als Handwerker oder als Computerspezialist zur Steigerung der Wirtschaftskraft unseres Landes beitragen? Was ist mit den 600.000 Unternehmerinnen und Unternehmern aus Zuwandererfamilien, viele mit türkischen Wurzeln? Auch ihre Leistung und ihr Engagement sind Sarrazin keine Silbe wert. Würde er darauf eingehen, müsste er zugeben, dass diese Unternehmer mit Migrationshintergrund viele Arbeitsplätze schaffen! Mehr als jeder 20. Erwerbstätige in Deutschland hat seinen Arbeitsplatz in einem solchen Unternehmen.

Wenn Sarrazin an einer ehrlichen und offenen Auseinandersetzung und einer echten Lösung der Integrationsfrage gelegen wäre, dann hätte er als Berliner Finanzsenator vorbildliche Initiativen entwickeln und Maßnahmen auf den Weg bringen können. Dafür hatte er sieben Jahre Zeit! Reden und Handeln klaffen bei Sarrazin weit auseinander. Oder sollte es ihm nur um eine billige Marketingstrategie für sein neues Buch gehen?