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Mittwoch, 22. September 2010

Gelebte Vielfalt – auch wirtschaftlich ein Schritt nach vorn

Die Charta der Vielfalt schreibt seit nunmehr beinahe vier Jahren eine Erfolgsgeschichte: Weit mehr als 800 Firmen haben die Vereinbarung unterschrieben. Vergangene Woche wurde auf einem Kongress in Berlin Bilanz gezogen.

Logo "Chancen durch Vielfalt"Bild vergrößern Foto: RegierungOnline

Aber wie sieht es hinter den Kulissen aus? Wie wird die Vielfalt nach innen gelebt? Was hat die Charta in den Unternehmen bewirkt und wie sehen die Pläne für die Zukunft aus? Drei Unterzeichner der Charta nehmen dazu Stellung.

„Viele setzen auf Vielfalt in der Belegschaft als Reaktion auf einen gesellschaftlichen Zwang“, meint Hans Oberpriller von der Unternehmensberatung Synetz. „Dabei sollten sie es aus betriebswirtschaftlichem Kalkül tun.“ Synetz hat 2006 als drittes Unternehmen die Charta der Vielfalt unterschrieben. Die Firma besteht aus etwa 60 Beratern; die allermeisten von ihnen sind deutsch, arbeiten aber international. Und sie beraten vor allem hin zu mehr Heterogenität.

Portrait Hans Oberpriller

Zum einen sprechen demografische Faktoren dafür, so Hans Oberpriller. Pro Jahr werden in Deutschland zur Zeit rund 200.000 Einwohner weniger gezählt, das führt zu einem Engpass auf dem Bewerbermarkt. Vor allem in den großen, international aufgestellten Unternehmen Menschen mit Migrationshintergrund dringend gebraucht. „Ihr kultureller Sachverstand und ihre Marktkenntnisse können etwa in einer Einkaufsabteilung von großem Vorteil sein“, so Hans Oberpriller. Er berät vor allem Konzerne aus der Telekommunikation, der Finanzdienstleistung und der Autobranche – und sieht noch einigen Verbesserungsbedarf.

Auf die Vernetzung kommt es an

So sollten die Integrations-Beauftragten der Unternehmen enger mit dem Wirtschaftsministerium zusammenarbeiten, damit gute Ideen eine bessere Vernetzung erfahren. Das Thema Diversity-Management müsste mit operativer Verantwortung verknüpft sein; es darf nach Meinung Oberprillers nicht – wie in vielen Konzernen üblich – in einer Stabsstelle ein Schattendasein fristen. Außerdem sollte es  Pflichtveranstaltungen für Manager geben, um ihnen die wirtschaftliche Brisanz der Vielfalt nahe zu bringen. Und das Thema müsste in der Personalgewinnung deutlicher verankert werden.

Das ist bereits der Fall beim Bundesinstitut für Berufsbildung, kurz BIBB. Alle Stellenausschreibungen enthalten den Passus „Wir begrüßen Bewerbungen von Menschen aller Nationalitäten“. Es sind auch schon Anzeigen in türkischen und russischen Zeitungen geschaltet worden, allerdings mit mäßiger Resonanz, wie Katharina Kanschat aus dem Bereich Job-Starter berichtet.

Portrait Katharina Kanschat, Mitarbeiterin im BIBB

Das BIBB forscht zur aktuellen Situation der Berufsbildung und beteiligt sich an ihrer Weiterentwicklung. So kann der Gedanke der Diversität, zu dem sich das Institut mit der Unterschrift unter die Charta im Jahr 2007 bekannt hat, nach innen und nach außen getragen werden, etwa durch die Veröffentlichung der Broschüre „Potentiale fördern – Diversität gestalten“ im vergangenen Jahr.

Anteil von Auszubildenden mit Migrationshintergrund erhöhen


Direkt nach dem Beitritt zur Charta hat sich im BIBB eine Arbeitsgruppe Vielfalt mit 21 Vertretern aus allen Abteilungen gegründet, die sich seither regelmäßig trifft und über die nächsten Ziele berät. Die AG widmet sich zunächst hauptsächlich der Realisierung von Chancengleichheit für Menschen mit Migrationshintergrund. Ein konkretes Ziel ist es, den Anteil von Auszubildenden aus dieser Gruppe nachhaltig zu erhöhen, auch die Zahl derer, die im Übergang von der Schule in den Beruf geringere Startchancen haben.

Um diesem Ziel ein Stück näher zu kommen, hat die AG Vielfalt Kontakt zu einer Hauptschule in Bonn aufgenommen, mit der eine Kooperation vereinbart wurde. Die Schüler sollen Möglichkeiten zu Praktika bekommen, die später auch in einen Ausbildungsvertrag münden können. Die bisherigen Erfahrungen mit den Hauptschülern sind sehr positiv und geben den Bemühungen recht.

Gebäudeansicht des Bundesinstitut für Berufsbildung

Im kommenden Jahr soll es für die Mitarbeiter des BIBB Schulungen zur interkulturellen Sensibilisierung geben. Außerdem wird darüber nachgedacht, inwiefern man Jugendlichen mit sprachlichen oder anderen Schwierigkeiten die Möglichkeit geben kann, über eine Einstiegsqualifizierung (EQJ) in eine Ausbildung zu kommen. Und das sind nur einige der Punkte, die die AG Vielfalt beim BIBB in den vergangenen Jahren behandelt hat.

Auch bei der Telekom, Mit-Initiatorin der Charta, gibt es eine eigene Abteilung für Vielfalt, sprich Diversity Management. Der Konzern hat rund 260.000 Mitarbeiter, die Hälfte davon im Ausland, wo mehr als die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet wird. Da ist die Vielfalt der Kulturen ein klarer Wirtschaftsfaktor. So sieht es auch Mechthilde Maier, die Leiterin des Group Diversity Managements: „Ziel des international besetzten Teams (...) ist es, aus dem oft als „weich“ angesehenen Diversity Case einen echten Business Case zu machen. Das heißt: einen messbaren Mehrwert für das Unternehmen und seine Beschäftigten zu erbringen und Diversity mit praktischen Maßnahmen fest im Unternehmen zu verankern.“ Der Schwerpunkt in der Diversity-Arbeit der Telekom liegt zur Zeit im Bereich Gender und Work-Life-Balance.

Die Telekom ist ein internationales Unternehmen und in über 50 Ländern aktiv. Was die Vielfalt durch Menschen verschiedener Nationalitäten betrifft, sieht es in den Ausbildungsberufen bei der Telekom schon ganz gut aus. Immer mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund suchen sich die Telekom aus, um hier ihre Ausbildung zu machen. Der Umgang mit kultureller Vielfalt ist auch fester Bestandteil der Ausbildung. Gegenseitige Wertschätzung ist zudem den  Leitlinien des Unternehmens verankert Es gilt das Bekenntnis zu „Vielfalt und Toleranz, zu Fairness und Wertschätzung“ aus der Charta der Vielfalt. Und zum wirtschaftlichen Nutzen, den diese Grundsätze bringen.

In den größeren Geschäften der Telekom zum Beispiel gibt es die Möglichkeit, Verkaufsgespräche auf Türkisch zu führen sowie besondere Tarifoptionen zu wählen, die es dem Kunden erlauben, in die Türkei besonders günstig zu telefonieren. Von den 19 Prozent der Menschen, die in Deutschland einen Migrationshintergrund haben, ist ein Großteil türkischer Abstammung. Der Konzern hat es sich zum Ziel gesetzt, über Entwicklungs-Programme den Anteil von internationalen Mitarbeitern auf dieser Ebene zu erhöhen.

Wichtig ist es der Telekom, in dieser wie auch in anderen Fragen, den Blick über den Tellerrand hinaus zu wahren. Ende September richtet sie – in Abstimmung mit den anderen Initiatoren der Charta -  in Berlin einen Kongress aus, zu dem alle Unterzeichner eingeladen sind. Dort sollen die Vernetzung intensiviert und die Inhalte der Charta mit neuem Leben gefüllt werden. Bis zu diesem Termin wollen Mitgliedsunternehmen einen Förderkreis zur Charta bilden, der regelmäßig tagen soll und für den die Wirtschaft Geld in die Hand nimmt. „Es ist wichtig, dass die Charta weiter mit Leben gefüllt wird, damit nicht der Eindruck entsteht, die Charta sei ein bloßes Lippenbekenntnis “, meint Felix Wittig aus der Group Diversity Management: „Dazu wollen wir unseren Teil beitragen.“