Dienstag, 16. März 2010
Bernd Neumann im Interview mit SPIEGEL ONLINE
- Interviewter:
- Bernd Neumann
- Medium:
- "SPIEGEL ONLINE"
Im Interview mit Michael Sontheimer sprach Kulturstaatsminister Bernd Neumann über die Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" und den Bund der Vertriebenen.
- Das Interview im Wortlaut. -
SPIEGEL ONLINE: Raphael Gross, der Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt und Mitglied des wissenschaftlichen Beraterkreises der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung", sagt: "Die ganze Stiftung befindet sich in einer tiefen Krise". Sehen Sie das auch so?
Bernd Neumann: Das halte ich für übertrieben. Die Auseinandersetzungen um Erika Steinbachs Mitgliedschaft im Stiftungsrat haben sicherlich erhebliche Kontroversen ausgelöst, und die Rücktritte einiger wissenschaftlicher Berater sind bedauerlich. Aber durch die Einigung in der Koalition wird die Arbeit auf eine neue Grundlage gestellt, Stiftungsrat und wissenschaftlicher Beraterkreis werden neu formiert. Damit kann dann die volle Konzentration auf die inhaltliche Arbeit erfolgen.
SPIEGEL ONLINE: In der Sitzung des wissenschaftlichen Beraterkreises in der vergangenen Woche hat Raphael Gross durchblicken lassen, er werde nur weiter in dem Gremium arbeiten, wenn eine grundlegende Studie zum Verhältnis Zweiter Weltkrieg - Holocaust - Vertreibung erarbeitet würde, eine weitere zur NS-Vergangenheit von Funktionären des Bundes der Vertriebenen (BdV). Schließlich sollten noch die bisherigen BdV-Ausstellungen zum Thema Vertreibung evaluiert werden. Unterstützen Sie diese drei Vorschläge, die Gross als Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland gemacht hat, oder lehnen Sie sie ab?
Bernd Neumann: Den ersten Vorschlag unterstütze ich. Natürlich sehen wir die Vertreibung im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und wollen sie auch so darstellen. Aber die Geschichte des BdV aufzuarbeiten, ist nun wirklich nicht die Aufgabe der Stiftung. Dennoch ist das Thema wichtig. Der BdV hat ja auch bereits, unterstützt vom Bundesinnenministerium, auf Anregung von Frau Steinbach beim renommierten Institut für Zeitgeschichte eine solche Studie in Auftrag gegeben. Und eine Befassung der Stiftung mit vorherigen Ausstellungen zur gleichen Thematik halte ich offen gestanden für selbstverständlich.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie in den wissenschaftlichen Beraterkreis keine ausgewiesenen Experten für den Nationalsozialismus, den Holocaust und die Vertreibung berufen?
Bernd Neumann: Die Vorschläge für den Beraterkreis kamen von Mitgliedern des Stiftungsrates. Wir haben sie dann gemeinsam und einvernehmlich ausgewählt. Jetzt bei der Erweiterung auf 15 Mitglieder werden wir sicher noch weitere Experten aus diesen Bereichen einbeziehen, Herr Raphael Gross gehört im Übrigen schon jetzt dazu.
SPIEGEL ONLINE: Sollen in dem Beraterkreis osteuropäische Wissenschaftler vertreten sein, obwohl ein polnischer Historiker und seine tschechische Kollegin ihren Rücktritt erklärt haben, oder ist die Stiftung, wie Frau Steinbach das gesagt hat, eine deutsche Angelegenheit?
Bernd Neumann: Die Stiftung soll keine internationale Einrichtung werden, aber ich sehe die Beteiligung von Experten z.B. aus Polen, Tschechien und Ungarn im wissenschaftlichen Beraterkreis als wichtig an.
SPIEGEL ONLINE: Lässt sich das ebenso sensible wie umstrittene Projekt nur von der Union und der FDP getragen gegen die SPD und den Rest der Opposition durchsetzen?
Bernd Neumann: Die Stiftung beschäftigt sich mit einem komplexen historischen Thema und soll der Versöhnung dienen. Dies sollte nicht von den jeweiligen Mehrheiten im Bundestag abhängen, sondern ein parteiübergreifendes Projekt bleiben. Ich hoffe, dass es hier wieder zu einer konstruktiven und guten Zusammenarbeit mit der Opposition kommt.
