Freitag, 20. August 2010
Biotechnologie: Neue Perspektiven für Ernährung, Gesundheit und Industrie
Waschmittel, Papier, Medikamente, Mais: Alles Produkte der Biotechnologie. Kann man an Werbung die Veränderung einer Technologie ablesen? Bei Waschmittelwerbung und Biotechnologie ist das der Fall.
Vor hundert Jahren kam das erste selbsttätige Waschmittel auf den Markt. Chemiker hatten eine Substanz entwickelt, die Chlorbleiche ersetzte und das mühselige Reiben, Schwenken und Walken überflüssig machte. Neue chemische Substanzen, insbesondere Tenside, ließen in den Sechzigerjahren das Weiß immer weißer werden. Ein Waschmittel wusch so weiß, weißer geht’s nicht.
Vom Weiß zum Umweltschutz
Ein Jahrzehnt später lieferte die Biotechnologie Enzyme für ein besseres Waschergebnis. Enzyme sind Eiweiße, die im Körper jedes Organismus eine entscheidende Rolle im Stoffwechsel spielen. Sie beschleunigen chemische Reaktionen, wie sie etwa bei der Verdauung oder der Energieversorgung der Zellen stattfinden.
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Mikroorganismen produzieren Enzyme
Foto: Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung
Im Waschmittel bewirken sie die Aufspaltung von Schmutzpartikeln in wasserlösliche Substanzen. So lassen sich beispielsweise Kakaoflecken leicht aus dem Gewebe ausspülen. Die Werbung setzte nun auf „porentiefe Reinheit“.
Die Industrie verwendete zunächst Enzyme, die aus der Bauchspeicheldrüse von geschlachteten Tieren gewonnen wurden. Der Durchbruch in der Gentechnik eröffnete in den letzten Jahren neue Möglichkeiten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickelten Enzyme, die eine gleiche Reinigungsleistung bei immer niedrigeren Waschtemperaturen erreichten. Dadurch werden weniger umweltschädliche Phosphate und Tenside benötigt. Der große Vorteil: Enzyme als normale Eiweiße bauen sich biologisch leichter ab
Das Besondere daran, die Enzyme werden nicht mehr aus geschlachteten Tieren gewonnen, sondern durch gentechnisch veränderte Mikroorganismen. Nun kann die Branche mit dem Schutz der Umwelt werben: “Das beste ... für Wäsche und Umwelt".
Industrielle Produktion durch weiße Biotechnologie
Die so genannte „weiße Biotechnologie“ befasst sich mit der industriellen Produktion von Substanzen durch lebende Organismen. Solche Substanzen finden sich in der Lebensmittelindustrie, bei der Textil-, Leder oder Papierherstellung. Besonders wichtig für unsere Zukunft ist die Gewinnung von Treibstoffen aus Biomasse.
Um aus pflanzlichen Rohstoffen wirtschaftlich sinnvoll Bioethanol, Biodiesel oder Biogas herzustellen, bedarf es gentechnisch veränderter Mikroorganismen. Der Nutzen liegt auf der Hand: Wenn unsere Autos mit Pflanzenprodukten fahren, werden wir weniger abhängig von Erdöl und Ergas. Die Grundlage unserer Treibstoffe wächst auf den Feldern.
Gesundheit durch rote Biotechnologie
Sind bald die schlimmsten Krankheiten wie Krebs, Aids und Multiplesklerose besiegt? Einiges deutet darauf hin, dass biotechnologische Methoden in Pharmazie und Medizin die Behandlungsmöglichkeiten revolutionieren werden.
Professor Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied der Forschungsunion, ist optimistisch. Schon heute gebe es keinen Wirkstoff mehr, der nicht irgendwie mit Biotechnologie in Berührung gekommen sei.
Nicht nur Nahrung aus grüner Biotechnologie
Am heftigsten wird die „grüne Biotechnologie" diskutiert. Wollen wir gentechnisch veränderte Pflanzen essen? Dürfen wir solche Pflanzen in der freien Natur anbauen? Alle bisherigen Erkenntnisse deuten auf den großen Nutzen hin.
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Ernährungsprobleme lösen?
Foto: picture-alliance / ZB
Doch wie steht es um die Risiken? Die Bundesregierung wendet erhebliche Mittel auf, um mögliche Gefahren zu untersuchen. Bisher ist nichts über negative Auswirkungen bekannt.
Aber Forschungsgelder sind nur das eine. Die Bundesregierung hat weitere Schutzmaßnahmen veranlasst: Beim Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen müssen Mindestabstände eingehalten werden. Lebensmittel müssen deutlich gekennzeichnet sein, wenn sie gentechnisch veränderte Pflanzen enthalten.
Müssen wir uns auf so einem heiklen Feld bewegen? Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sind sich einig: Deutschland kann nur mit Innovationen punkten. Nur wenn aus wissenschaftlichen Erkenntnissen auch marktreife Produkte erwachsen, kann Deutschland seinen Wohlstand sichern.
Auf dem Gebiet der Biotechnologie ist Deutschland führend. Allerdings nicht bei der Zahl der Unternehmen, hier liegen die USA weit vorn. Aber der Wissensstand in deutschen Unternehmen ist Weltspitze. Damit aus diesem know how auch wirtschaftlicher Erfolg und Arbeitsplätze entstehen, fördert die Bundesregierung die Biotechnologie. Nicht ohne die Risiken stets im Blick zu haben.

