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Dienstag, 24. August 2010

Vielfalt durch anonymisierte Bewerbungsverfahren

Kein Foto, ohne Alter und Geschlecht, keine Hinweise auf Herkunft und Familienstand: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes startet im Herbst ein Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungsverfahren.

Anonyme Bewerbungen sollen die Jobchancen für Menschen erhöhen, die normalerweise kaum zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werden: über 50-Jährige zum Beispiel, Eltern kleiner Kinder oder Migranten.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Christine Lüders, hatte dafür zu einem ersten Runden Tisch eingeladen. Wie das anonyme Bewerbungsverfahren praktisch aussehen soll, diskutierten die am Testlauf beteiligten Unternehmen und Fachleute des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA).

„Ich glaube, wir müssen eine neue Bewerbungskultur in Deutschland einführen, die den Fokus nur auf die Qualifikation eines Menschen richtet. Denn wir können es uns nicht leisten, Menschen zu verlieren, gerade im Hinblick auf den demographischen Wandel“, so Lüders. Ihr gehe es um Freiwilligkeit und um ein Umdenken, vergleichbar mit der Einführung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG): Anfänglich sei die Wirtschaft skeptisch gewesen, und heute gingen die Unternehmen damit ganz unkompliziert um. „Seit vier Jahren läuft die Praxis des AGG reibungslos“, sagte Lüders.

Ausblick Modellprojekt

Fünf Unternehmen und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden nun ein Jahr lang in verschiedenen Bereichen anonymisierte Bewerbungen ausschreiben. Bei den Firmen handelt es sich um die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, das Kosmetikunternehmen L’Oréal, den Erlebnisschenkdienstleister Mydays und den Konsumgüterkonzern Procter & Gamble.

Die Unternehmen werden Bewerbungen ohne Foto, Name, Alter, Geschlecht, Nationalität, Geburtsort, Familienstand und Angabe einer etwaigen Behinderung testen. "Ob der Bewerber zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, hängt dann allein von seiner Qualifikation ab", sagte Lüders. Denn viel zu oft werde der Bewerbungsfaktor auf das Persönliche gelegt. „Der Name Ali oder das Alter sind oft Gründe, warum auch sehr gute Bewerber keine Gelegenheit erhalten, sich in einem Bewerbungsgespräch vorzustellen“, so Lüders.

Eine Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit hat gezeigt, dass allein die Angabe eines ausländisch klingenden Nachnamens die Bewerbungschancen verringert. Nicht nur für Print-, sondern auch für Online-Bewerbungen sollen künftig entsprechende Formulare/Masken entwickelt werden. „Es kann kein Aufwand der Welt zu groß sein, um Vielfalt in unserer Gesellschaft zu garantieren“, so Lüders.

Internationale Erfahrungen

In den USA sind teilanonymisierte Bewerbungen bereits Standard – dort sind allerdings die Namen der Bewerber lesbar. Auch in der Schweiz, Schweden, Großbritannien, Belgien, Niederlande und Frankreich wird diese Form der Bewerbung erprobt. Die dort gewonnenen Erfahrungen werden vom IZA ausgewertet, um Handlungsempfehlungen für das anschließende Modellprojekt zu erarbeiten.

Den Praxistest in Deutschland wird das IZA wissenschaftlich begleiten.