Zum 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges - Staatsakt in Berlin am 8. Mai 1995 - Ansprache des Bundespräsidenten

  • Bulletin 38-95
  • 12. Mai 1995

Der vom Bundespräsidenten aus Anlaß des 50. Jahrestages
des Endes des Zweiten Weltkrieges angeordnete Staatsakt
fand auf Einladung der Bundesregierung am 8. Mai 1995 im
Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin statt.

Bundespräsident Roman Herzog hielt bei dem Staatsakt am 8.
Mai 1995 in Berlin folgende Ansprache:

Herr Präsident der Französischen Republik,
Herr Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
Herr Premierminister des Vereinigten Königreichs,
Herr Ministerpräsident der Russischen Föderation,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

ich begrüße Sie alle zu dieser Stunde des Gedenkens aufs
herzlichste. Mein besonderer Gruß gilt den Staats- und
Regierungschefs der vier Mächte, die viereinhalb Jahrzehnte
lang Mitverantwortung für Gesamtdeutschland getragen und in
einer entscheidenden historischen Stunde den Weg zur
Wiedervereinigung unseres Landes geöffnet haben. Seien Sie
herzlich willkommen. Gestern und heute vor fünfzig Jahren
ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Man muß diese Tage selbst
erlebt haben, um halbwegs zu begreifen, was damals
geschehen ist.

Deutschland hatte den furchtbarsten Krieg entfesselt, den es
bis dahin gegeben hatte, und es erlebt nun die furchtbarste
Niederlage, die man sich vorstellen konnte. Europa war ein
Trümmerfeld, vom Atlantik bis zum Ural und vom Polarkreis bis
zur Mittelmeerküste. Millionen aus allen europäischen Völkern,
auch aus dem deutschen, waren tot, gefallen, in
Bombenangriffen zerfetzt, in Lagern verhungert, auf den
Straßen der Flucht erfroren, und andere Millionen - vor allem
Juden, Roma und Sinti, Polen und Russen, Tschechen und
Slowaken, - waren den größten Vernichtungsaktionen zum
Opfer gefallen, die menschliche Hirne je ersonnen hatten.

Millionen hatten ihre Verwandten, ihre Freunde, ihre Heimat
verloren oder waren gerade dabei, sie zu verlieren. Millionen
kamen aus Kriegsgefangenenlagern oder wanderten gerade
dorthin. Millionen waren zu Krüppeln geschossen.
Hunderttausende von Frauen wurden vergewaltigt. Der Geruch
der Krematorien und der schwelenden Ruinen lastete über
Europa.

Die Herzen der Menschen waren verstört von Leid und
Haß, von Angst und Verzweiflung, von Rachegefühlen und
Hoffnungslosigkeit. Jeder wußte instinktiv, daß die Welt nie
mehr so werden würde, wie sie zwölf Jahre vorher gewesen
war. Zwar hatten viele Visionen von einer künftigen, besseren
Welt. Aber keiner konnte sagen, ob solche Visionen je zu
realisieren sein würden.

Ich male dieses Gemälde nicht, um die
Schuld der deutschen Machthaber hinter dem Bild des
allgemeinen Ruins verschwinden oder auch nur kleiner werden
zu lassen. Den Holocaust an den Unschuldigen vieler Völker
haben Deutsche begangen -darüber brauchen wir heute wohl
nicht noch einmal zu diskutieren. Die Deutschen wissen auch
heute noch sehr wohl -heute vielleicht sogar deutlicher als vor
fünfzig Jahren -, daß ihre damalige Regierung und viele ihrer
Väter es gewesen waren, die für den Holocaust verantwortlich
waren und Verderben über die Völker Europas gebracht
hatten, und die meisten von ihnen leiden noch heute darunter,
auch wenn sie ihre eigenen Leiden ebenfalls nicht vergessen
haben.

Gewiß: Als sich das Ausmaß der Verbrechen
Hitler-Deutschlands herausstellte, da fehlte es auch nicht an
Versuchen der Aufrechnung, nicht an Kollektivausreden und
nicht an Versuchen zu kollektiver Beschönigung. Aber das
Grundgefühl war doch, je länger desto klarer, die
Kollektivscham, wie es Theodor Heuss so treffend genannt hat.
Und Ernst Wiechert, ein deutscher Dichter, der selbst im KZ
gesessen hatte und der damals das Empfinden unendlich vieler
traf, wußte auch das Gefühl auszudrücken, das vielen
Deutschen ihre Zukunft zu weisen schien. Er sagte es in der
Form eines Gebetes:

Und gib, daß ohne Bitterkeit wir tragen unser Bettlerkleid und
Deinem Wort uns fügen.

Aber davon will ich heute nicht in erster Linie reden. Über die
Vorgeschichte des 8. Mai 1945 habe ich in den letzten Monaten
oft gesprochen: in Warschau, in Jerusalem und noch vor
wenigen Tagen in Bergen-Belsen zu den Opfern unter den
Juden und unter den Völkern, die Deutschland angegriffen hat,
und auch in Dresden, wo ich meiner Trauer über die deutschen
Opfer Ausdruck gegeben habe.

All das gehört zum Gedenken an den 8. Mai, zum Erinnern und zum ehrlichen, rückhaltlosen
Umgang mit der Geschichte. Aber heute muß auch von dem
gesprochen werden, was auf das Ende des Krieges folgte.
Denn die Zukunft gestaltete sich anders, als es die meisten am
8. Mai 1945 erwarteten, auch anders, als es dem soeben
zitierten Dichterwort eigentlich entsprochen hätte.

Sie alle, die Sie hier versammelt sind, haben es miterlebt, und nicht wenige
von Ihnen haben daran an führender Stelle mitgewirkt. Über die
Ruinen, die Gräber und die Lager hinweg sind uns Deutschen
Hände der Mitmenschlichkeit gereicht worden -einzelne
zunächst, trotz des Verbots der Fraternisation.

Über den Ozean kam die erste humanitäre Hilfe, die nicht nach
"schuldig" oder "nichtschuldig" fragte; noch heute können
viele von uns das Wort CARE nicht hören, ohne tief bewegt zu
sein. Der Marshall-Plan, eine der größten politischen wie
humanitären Taten der Menschheitsgeschichte, auf ganz
Europa berechnet, hat auch Deutschland nicht
ausgeschlossen.

Die Stuttgarter Rede des amerikanischen
Außenministers James Byrnes ist ebensowenig vergessen wie
die großen Reden Winston Churchills von Fulton und Zürich.
Damals wurden neue Grundlagen für das Zusammenleben der
europäischen Völker gelegt, Grundlagen, die weit in die Zukunft
wiesen, die auch dem deutschen Volk wieder Perspektiven
gaben und die ihm vor allem etwas abverlangten -und das ist
im Leben der Völker stets das erste gewesen, wenn es darum
ging, ihnen Verantwortung zu übertragen.

Wir wissen, daß sich in dieser Beziehung manches zögerlicher entwickelt hätte,
wenn es nicht zum Kalten Krieg mit dem Stalinismus, wenn es
nicht zum Eisernen Vorhang, nicht zur Blockade Berlins und
nicht zum Korea-Krieg gekommen wäre. Aber die Grundlagen
waren nunmehr gelegt. Sie hätten auch dann ihre Frucht
getragen, wenn der Menschheit das neue Unglück erspart
geblieben wäre.

Von Churchills Reden bis zur Gründung der
europäischen Montanunion gingen lediglich sechs Jahre ins
Land, vom Ende der Berlin-Blockade bis zu den Römischen
Verträgen nur acht Jahre, und bis zur demokratischen Lösung
der Saar-Frage dauerte es nicht länger. Wir Deutschen haben
das alles nicht vergessen - wenn ich auch die Frage stellen
muß, ob wir nicht etwas zu selten davon reden.

Ich kann all die großen Staatsmänner nicht einzeln nennen, die der
Bundesrepublik Deutschland den Weg in die Westintegration
geebnet haben, die Westintegration, die noch heute - und
unverbrüchlich in alle Zukunft -zur Grundlage unserer
gesamten Politik geworden ist. Die Zahl der Hände, die sich uns
aus dem Westen, vor allem unseren Nachbarländern, darboten,
wurde immer größer.

Aus Israel kamen die ersten zeichenhaften Gesten; ich nenne nur David Ben Gurion. Und
mit dem Ende des Stalinismus in der Sowjetunion wurde auch
dorthin das Gespräch möglich, zaghaft zwar und immer wieder
durch Phasen des Schweigens unterbrochen, aber doch so,
daß die Fäden nie wieder ganz abrissen.

Das alles waren nicht nur Gesten von Politikern, sondern auch die Völker fanden
allmählich wieder zusammen. Aus Haß und Mißtrauen, aus
tiefer, berechtigter Verbitterung wurden erste, zaghafte
Gesprächskontakte, aus diesen Kontakten wurden Besuche,
aus Besuchen erwuchs gegenseitiges Verstehen, und aus dem
Verstehen wurde allmählich Vertrauen und Freundschaft.

Die so oft beschworene Erbfeindschaft zwischen Franzosen und
Deutschen verschwand und mit ihr so manche andere
Erbfeindschaft, die auf Grund der Geschichte ebensogut hätte
Wurzeln schlagen können. Die Deutschen ihrerseits haben die
Chance, die ihnen geboten wurde, auf eine sehr bewußte und
verantwortungsvolle Art genutzt. Gewiß: Ihre erste Sorge galt
dem Bestreben, aus Hunger und Elend herauszukommen und
sich wieder ein Dach über dem Kopf zu schaffen, und daraus
ist -ganz allmählich - ein Wiederaufbau geworden, für den
später das Wort "Wirtschaftswunder" erfunden wurde. Aber
das allein war es nicht.

Im Zuge und im Gefolge des Wiederaufbaus gelang die Integration von Millionen
Flüchtlingen und Vertriebenen in ihrer neuen Heimat. Das
Kalkül mancher, diese Elendsheere würden sich im Westen als
sozialer und politischer Sprengsatz erweisen, ist nicht in
Erfüllung gegangen. Und mehr als das: Schon im August 1950
haben sich die Heimatvertriebenen in ihrer Charta
unverbrüchlich zu Frieden und Gewaltverzicht verpflichtet.

1949 legte die Bundesrepublik Deutschland das Verbot des
Angriffskrieges in ihrer Verfassung nieder, 1954 verzichtete sie
mit völkerrechtlicher Wirkung auf jegliche nukleare
Bewaffnung. Und als sich im Gefolge des Korea-Krieges die
Wiederbewaffnung als unvermeidbar erwies, da gab es von
vornherein keinen Zweifel, daß die neu entstehenden
Streitkräfte unter internationaler Führung stehen würden. Es
ist schon richtig, daß Deutschland in allen diesen Fragen auch
dem Wunsch der damaligen Schutzmächte folgte. Ebenso
richtig ist es aber auch, daß die Überzeugungen und der
politische Wille seiner führenden Politiker auf Grund eigener
Einsicht mit diesen Wünschen übereinstimmten.

Deutschland wurde reif, sich in die Gemeinschaft friedlicher Völker nicht nur
gedrängt zu fühlen, sondern sich ihr aus voller eigener
Überzeugung anzuschließen. Und was für seine internationale
Politik galt, das läßt sich ebenso von seinen inneren
Überzeugungen sagen. Es soll niemand behaupten, daß die
Deutschen im Frühjahr 1945 von einer Stunde zur anderen
glühende Anhänger von Rechtsstaat und Demokratie geworden
wären.

Natürlich hatten viele überlebt, die diese
Überzeugungen schon vor 1933 verfochten hatten, natürlich
hatten sich viele andere unter dem Eindruck des NS-Regimes
und seiner Taten stillschweigend dazu bekehrt. Ebenso ist es
aber richtig, daß der Aufbau von Demokratie und Rechtsstaat
ohne die starke Hand der Besatzungsmächte nicht so vor sich
gegangen wäre, wie wir es erlebt haben. Doch das andere ist
eben auch wahr:

Daß die Deutschen in dieser Frage
bereitwillige Schüler wurden, daß sie den Geist der westlichen
Demokratie, der Gewaltenbeschränkung und vor allem der
Menschenrechte in sich aufnahmen, daß die allermeisten von
ihnen treue und überzeugte Anhänger der Demokratie
geworden sind.

Dieses Deutschland ist anders geworden, als
es zu Zeiten des Kaiserreiches und der Weimarer Republik und
erst recht unter dem Nationalsozialismus gewesen war. Es hat
in dieser Frage keine deutsche Revolution gegeben, aber ein
fundamentales Umdenken. Totalitäre, ja auch nur autoritäre
Ideen haben heute bei der erdrückenden Mehrheit der
Deutschen keine Chance, und seit sich die Deutschen in den
östlichen Ländern von ihrer kommunistischen Diktatur in einer
unblutigen Revolution selbst befreit haben, hat sich das noch
entscheidend vertieft.

Wer meine Rede bisher gehört hat, mag
vielleicht den Eindruck gewonnen haben, als spräche ich nur
von der Nachkriegsgeschichte Westdeutschlands, und bis zu
einem bestimmten Grade läßt sich das ja auch gar nicht
vermeiden.

Aber man hat in Westdeutschland doch immer
gewußt, daß im Osten unendlich viele Menschen nicht anders
dachten. Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953, der Widerstand
zahlloser Sozialdemokraten gegen die Zwangseingliederung in
die SED, die Arbeit der Menschenrechtsgruppen innerhalb und
außerhalb der Kirchen, die Leiden der Opfer von Bautzen - um
nur diese wenigen Beispiele zu nennen - legen Zeugnis dafür
ab.

Und sie haben Früchte getragen. Heute steht die deutsche
Demokratie auf zwei gleich starken Beinen: auf der geduldigen
Aufbauarbeit und der Lernfähigkeit der Westdeutschen seit
1948 und auf der ostdeutschen Revolution von 1989. Ich wüßte
keine bessere Grundlage für die Zukunft.

So ist Deutschland im Laufe der Jahre ein verläßlicher und vor allem friedlicher
Partner der Welt geworden, einer Welt, die selbst auch viel
Neues dazugelernt hat und die - vor allem in Europa - neue, in
die Zukunft weisende Ideen entwickelt hat.

Die Westeuropäer
haben in diesen mehr als vierzig Jahren gelernt, daß
Interessengegensätze zwischen ihnen zwar fortbestehen
mögen, daß aber keiner von ihnen es wert ist, mit militärischen
Mitteln ausgetragen zu werden. Sie haben gelernt, daß man
über Grenzen zwar streiten kann, daß es aber klüger ist, sie
niedriger und immer niedriger zu machen, als sie gewaltsam zu
verschieben. Sie haben gelernt, daß freier Handel nützlicher ist
als die ausgeklügeltsten Zollschranken, daß man in Nationen
weiterleben kann, ohne deshalb den Nationalstaat des 19.
Jahrhunderts zu verewigen, daß Kooperation klüger ist als das
Beharren auf Souveränitätsideen vergangener Generationen.

Ich will wahrhaftig nicht behaupten, daß Westeuropa auf
diesem Wege zu einer Insel der Seligen geworden sei. Dazu
sind die Sorgen zu groß, die uns auch hier bedrängen -
Arbeitslosigkeit, Wanderungs- und Technologiefragen,
Umweltprobleme. Aber eine Insel des Friedens, der Freiheit und
des Wohlstandes ist Westeuropa in diesen Jahrzehnten eben
doch geworden, und viele Völker auf der ganzen Welt beneiden
uns darum. Wir sollten dafür dankbar sein.

Es ist - zumal in Deutschland - in den vergangenen Wochen leidenschaftlich
darüber gestritten worden, ob der 8. Mai 1945 für die
Deutschen ein Tag der Niederlage oder ein Tag der Befreiung
gewesen sei. Diese Frage ist schon deshalb nicht sehr
fruchtbar, weil sie den verschiedenen Erfahrungen
verschiedener Menschen nicht ausreichend Raum gibt und das,
obwohl meine Vorgänger Theodor Heuss und Richard von
Weizsäcker dazu schon Richtungweisendes, ja Abschließendes
gesagt haben. Als Angehöriger einer jüngeren Generation, die
den 8. Mai 1945 entweder überhaupt nicht bewußt oder - wie
ich - jedenfalls nur im Kindesalter erlebt hat, möchte ich aber
sagen, daß ich ihn - wenn auch nachträglich - vor allem als
einen Tag begreife, an dem ein Tor in die Zukunft aufgestoßen
wurde. Nach ungeheueren Opfern und unter ungeheueren
Opfern. Aber doch ein Tor in die Zukunft.

Die dieses Tor - in allen Völkern - aufgestoßen haben und von deren Opfern,
deren Mühen und deren Weisheit wir heute profitieren, sind
zum Teil längst dahingegangen, zum Teil leben sie als alte
Leute unter uns. Ich will sie nicht noch einmal alle aufzählen:
die Überlebenden der KZs, die die Kraft zum Verzeihen
gefunden haben, die Soldaten, die sich über die Gräber hinweg
die Hände gereicht haben, und vor allem die Millionen, die in
allen Ländern Europas schweigend und beharrlich an den
Wiederaufbau gegangen sind und ihn geschafft haben.

Alle, die danach kamen, stehen eigentlich nur auf ihren Schultern. In
einer Gesellschaft, in der so viel auf die Jugend geachtet wird
und die alte Menschen fast nur noch als Rentenempfänger
begreift, soll heute auch das einmal in allem Ernst gesagt
werden. Und ich meine wieder nicht nur die Deutschen. Ich
meine die Menschen aller Völker, die an diesem Werk des
materiellen und des moralischen Wiederaufbaus beteiligt
waren.

Mein Dank, der Dank des deutschen Volkes gilt ihnen
allen. Ein besonderes Wort möchte ich im Gedanken an die
Menschen im östlichen Teil Mitteleuropas und in Osteuropa
sagen. Mehr als die anderen haben sie unter dem Zweiten
Weltkrieg und den Tagen des nationalsozialistischen
Deutschlands gelitten. Länger als die Westeuropäer und die
Westdeutschen, ja selbst als die Ostdeutschen leiden sie unter
den politischen Verschiebungen, die der Krieg im Gefolge
hatte. Bis heute sind die Narben nicht verheilt. Wir sind ihnen
noch viel schuldig.

Wenn es richtig ist, daß Westeuropa seit
1945 zu einer Insel des Friedens, der Freiheit und des
Wohlstandes geworden ist, so ist es auch seine Pflicht,
anderen dabei zu helfen, daß sie in den Genuß vergleichbarer
Entwicklungen gelangen.

Trotz des 8. Mai 1945 leben wir in
einer Welt, in der Krieg und Gewalt, Hunger und Not immer
noch ihre Rolle spielen. Wir werden schon alle Hände voll damit
zu tun haben, die Insel, auf der zu leben uns vergönnt ist, zu
sichern und zu bewahren. Aber es ist auch unsere Pflicht und
Schuldigkeit, sie mit allen Kräften zu erweitern. Die Insel muß
größer werden, Stück für Stück und Land für Land.

Nur wenn unsere Generation, wenn wir Europäer das schaffen, sind wir
dessen würdig, was uns nach dem 8. Mai 1945 geschenkt
wurde und was unsere Väter in einem Meer von Trümmern und
über Strömen von Blut geschaffen haben.

Es ist nicht das Recht des deutschen Bundespräsidenten, in dieser Richtung
politische Programme zu fordern oder gar selbst zu entwerfen;
das will ich hier auch gar nicht versuchen. Aber die fünf
Jahrzehnte, die wir nun in Frieden, Freiheit und Wohlstand
gelebt haben, verpflichten uns mehr als alle anderen. Ich
wiederhole es bewußt: Die Insel muß größer werden. Es ist an
uns, dafür zu kämpfen und zu arbeiten. Von einer solchen
Politik braucht sich auch niemand bedroht zu fühlen. Frieden,
Freiheit und Wohlstand haben in der Geschichte der
Menschheit noch keinen bedroht oder gar gefährdet.

Es ist ein Irrtum, Europa primär als einen Begriff der Politik oder gar der
Ökonomie zu begreifen. Das, was uns Europäer zunächst
einmal eint, ist unsere gemeinsame europäische Kultur. Sie ist
das Dach, unter dem wir alle leben. Mehr als einmal haben die
Kriege, die wir gegeneinander geführt haben, dieses Dach ins
Wanken gebracht, und die Teilung Europas hat das ihrige dazu
getan, daß Europa heute zunächst als Wirtschafts- und
Sozialgemeinschaft vor uns steht. Aber das kann doch nicht
alles sein. Heute haben wir die einmalige Chance, das Dach -
den geistigen Überbau Europas - zu festigen und es auf einen
soliden Unterbau politischer Einheit und wirtschaftlicher
Entwicklung zu stellen.

Ich verwende hier ganz bewußt Begriffe
der kommunistischen Ideologie. In der europäischen Kultur und
in den Besonderheiten europäischen Denkens haben wir
nämlich einen Überbau, der nicht irgendwelchen ökonomischen
Verhältnissen folgt, sondern der - genau umgekehrt - Richtlinie
und Maßstab des ihm folgenden Unterbaus, der Europäischen
Einigung setzt. Wenn uns das gelingt, ist ein zentrales Stück
kommunistischer Ideologie nicht nur praktisch, sondern auch
geistig überwunden, ist Europa zu sich selbst zurückgekehrt.

Ich höre bereits die Kritiker, die mir nach dieser Rede
vorrechnen werden, ich hätte auf eine Herausforderung mit
einer Utopie geantwortet. Natürlich weiß ich auch, wie
schwierig es ist, die Erfahrungen Westeuropas auf andere Teile
des Kontinents zu übertragen; die Beispiele dafür liegen ja vor
unserer Haustür. Aber von einer Utopie kann man nur dann
sprechen, wenn die Unmöglichkeit ihrer Verwirklichung
feststeht.

Wenn sich lediglich Schwierigkeiten abzeichnen,
wenn man nur mit Gegenkräften und Rückschlägen zu rechnen
hat, wenn der Erfolg also auch von der eigenen Anstrengung
abhängt, dann spricht man nicht von einer Utopie, sondern von
einer Vision. Solche Visionen braucht der Mensch, wenn er
menschenwürdig und verantwortlich leben will, und solche
Visionen brauchen auch Völker und Staaten. Die Hoffnung, ja
die Entschlossenheit, den Bereich von Frieden, Freiheit und
Wohlstand zu erweitern, ist keine Utopie und sie ist nicht die
schlechteste Vision, die Europa sich wählen kann.

Vor 200 Jahren schrieb Immanuel Kant in seiner Schrift "Zum Ewigen
Frieden", daß Demokratien untereinander nicht Krieg führen.
Was damals noch als idealistische Utopie erscheinen mochte,
ist heute die konkrete Vision einer internationalen
Friedensordnung. Die Nachkriegsgeschichte Westeuropas ist
dafür der eindrucksvollste Beleg. Das Kriegsende war eine
Rückkehr zu den besseren geistigen Traditionen Europas und,
wie das Werk Kants zeigt, auch Deutschlands. Es war eine
Rückkehr in die Zukunft.

Daß sich Probleme und Hindernisse
vor uns türmen, darf uns nicht entmutigen. Daß wir den vollen
Erfolg nicht erleben werden, darf uns nicht lähmen. Wir wären
der Chance, die der 8. Mai 1945 für uns alle bedeutet, nicht
würdig, wenn wir an dieser Vision verzweifeln wollten.

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