Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

zur Verleihung des "Osgar"-Medienpreises an Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt am 24. Juni 2008 in Leipzig:

  • Bulletin 71-1
  • 24. Juni 2008

Meine Damen und Herren,
sehr geehrte Gäste der BILD-Zeitung,
sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Herr Schmidt!

Ich habe mir sagen lassen, viele finden es bemerkenswert, dass eine amtierende Bundeskanzlerin eine Laudatio auf einen ihrer Amtsvorgänger hält – noch dazu, wenn er nicht ihrer Partei angehört. Das habe es noch nie gegeben. Ehrlich gesagt: Ich finde es schon wieder bemerkenswert, dass man das bemerkenswert findet, aber es war mir bei meiner Zusage auch noch nicht einmal bewusst. Ich füge hinzu: Hätte ich es gewusst, dann hätte es trotzdem nichts geändert. Ich hätte wieder genauso entschieden. Ich freue mich, heute hier zu sein. Also habe ich keine Sekunde gezögert, die Laudatio auf Helmut Schmidt zu halten. Denn es ist mir ganz einfach eine Freude und eine Ehre, heute eine der prägenden Persönlichkeiten der Bundesrepublik Deutschland auszuzeichnen.

Bei wenigen Politikern in Deutschland gibt es so klare Einordnungen und Bewertungen wie bei Helmut Schmidt. Für die einen ist er der unbeirrbare und entscheidungsfreudige Politiker, der sich in herausragender Weise um Frieden, Freiheit und die Einheit Deutschlands verdient gemacht hat – als Innensenator, als Verteidigungs- und Finanzminister, als Bundestagsabgeordneter, Fraktionsvorsitzender und als Bundeskanzler. Für die anderen ist Helmut Schmidt der Publizist, der seit inzwischen 25 Jahren das öffentliche Leben mit Zwischenrufen mitgestaltet – als Buchautor, Herausgeber und Interviewpartner.

Für die einen ist Helmut Schmidt bis heute der richtige Kanzler in der falschen Partei. Für die anderen ist er der falsche Kanzler in der richtigen Partei. Die einen loben seinen nüchternen Pragmatismus. Die anderen schwärmen von seinem wertegebundenen Engagement. Dann ist da noch die Rede von "Schmidt Schnauze", vom Besserwisser, vom Weltökonomen, vom Weltstaatsmann.

Ich sage Ihnen offen: Von allem wird etwas richtig sein – viele von Ihnen werden Helmut Schmidt länger kennen als ich, nicht wenige sicher auch besser –, aber trotzdem kann ich im Grunde mit all diesen Schubladen und Etikettierungen wirklich nur wenig anfangen. Für mich ist es einfach so: Helmut Schmidt und ich, wir sind beide Hamburger. Er ist es sein Leben lang geblieben. Ich dagegen bin als Kind im Alter von sechs Wochen mit meinen Eltern nach Brandenburg gekommen. Helmut Schmidt hat die Politik der Bundesrepublik Deutschland wie nur wenige andere Politiker geprägt. Ich dagegen bin in der DDR aufgewachsen, habe Physik studiert und bis 1990 an der Akademie der Wissenschaften gearbeitet. Helmut Schmidt ist Sozialdemokrat, ich bin Christdemokratin. Uns beide verbindet die Verantwortung, als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland für unser Land zu arbeiten – jeder von uns zu seiner Zeit und mit den Herausforderungen seiner Zeit.

Im März des letzten Jahres haben wir den 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge gefeiert. Wir haben diesen Geburtstag in der Gewissheit gefeiert, dass wir Europäer nach Jahrhunderten schlimmster Feindschaften und fürchterlicher Kriege zu unserem Glück in Frieden und Freiheit vereint sind. Vor wenigen Tagen haben wir den 60. Geburtstag der Sozialen Marktwirtschaft gefeiert. Im kommenden Jahr feiern wir den 60. Geburtstag der Nato, den 60. Geburtstag unseres Landes und den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Wenn wir all diese Jubiläen feiern, dann feiern wir auch die Menschen, die entscheidenden Anteil an ihnen hatten – von Konrad Adenauer über Willy Brandt bis hin zu Helmut Kohl. Und, ja, dann feiern wir auch Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Wir ehren einen Politiker, der die innere Freiheitlichkeit der Bundesrepublik Deutschland verteidigt hat, als sie der blutige Terror der RAF im Herbst 1977 herausforderte. Er tat dies unter Einsatz seines Amtes. Wir ehren einen Politiker, der daran mitgewirkt hat, dass 1978 das europäische Währungssystem EWS geschaffen wurde. Damals war das ein wahrhaft mutiger Schritt und seiner Zeit weit voraus. Heute wissen wir: Dieser Schritt führte uns Jahrzehnte später zur europäischen Gemeinschaftswährung, dem Euro. Wir ehren einen Politiker, der für den Nato-Doppelbeschluss eingetreten ist, als Hunderttausende auf die Straße gingen und dagegen protestierten. Er tat dies wieder unter Einsatz seines Amtes. Wir ehren einen Politiker, der mit dieser Standfestigkeit entscheidend dazu beigetragen hat, dass ich zusammen mit 17 Millionen Menschen aus der früheren DDR heute nicht mehr hinter Mauer und Stacheldraht lebe, sondern in einem wiedervereinten freien Land, in dem wir heute diese "Osgar"-Verleihung feiern können.

Schon allein diese wenigen Wegmarken der Kanzlerschaft Helmut Schmidts zeigen: Bundeskanzler Schmidt hat immer an die Kraft der Freiheit und der Demokratie geglaubt. Bundeskanzler Schmidt ist standhaft geblieben, selbst in Zeiten schwerster Prüfungen. Früher als andere hat er erkannt: Die Welt wird immer offener. Als Weltgemeinschaft stehen wir zunehmend vor den gleichen Herausforderungen. Wir fassen sie heute mit einem Stichwort zusammen: Globalisierung. Aus unseren persönlichen Begegnungen weiß ich, wie sehr Sie sich zum Beispiel mit den internationalen Finanzmärkten, den Energiepreisen und der Preisbildung überhaupt beschäftigen. Aus unseren Begegnungen weiß ich, wie sehr Sie sich auch über die Herausforderungen des Dialogs mit dem Islam und über die Zukunft der islamischen Länder den Kopf zerbrechen.

Reden wir nicht darum herum: In manchen Fragen sind wir auch unterschiedlicher Meinung, zum Beispiel wenn es darum geht, wie wir auf die neuen asymmetrischen Bedrohungen reagieren und gleichzeitig die territoriale Integrität eines Landes im Blick haben sollen. Ob und wann wir im Einzelnen einer Meinung oder unterschiedlicher Meinung sind, das ist – zumindest für mich – gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist für mich vielmehr, ob wir es schaffen, den Blick für das Wesentliche zu bekommen. Diesen Blick für das Wesentliche zu haben, bedeutet heute, sich damit auseinanderzusetzen, wie die offenen Gesellschaften die Herausforderungen der globalen Zeit erkennen, sie bewältigen, die Chancen bewerten und die Risiken minimieren.

Mit genau dieser globalen Herausforderung beschäftigt sich Helmut Schmidt seit Jahrzehnten wie wenige andere – so zu seiner Regierungszeit, als er 1975 in Rambouillet gemeinsam mit seinem großen französischen Freund und Partner Giscard D’Estaing den Grundstein für den Weltwirtschaftsgipfel gelegt hat. Wir wissen, wie wichtig heute die Treffen der G8-Staaten sind. Heute, wenn er zu Vorträgen rund um die Welt reist, wirbt er immer wieder für eine gemeinsame Sicht auf unsere Erde. Wir sind davon überzeugt: Die globalen Herausforderungen anzunehmen, das geht nicht allein, sondern nur in der Gemeinschaft mit Partnern – in der Europäischen Union genauso wie in der transatlantischen Partnerschaft. Das waren, sind und bleiben auch die beiden Grundpfeiler deutscher Außenpolitik. Heute ist es nun an meiner politischen Generation, diese Arbeit von Personen wie Helmut Schmidt fortzusetzen.

Meine erste persönliche Erinnerung an Helmut Schmidt geht weit zurück – in das Jahr 1962. Ich war damals siebeneinhalb Jahre alt. Wenige Monate vorher, am 13. August 1961, war die Mauer gebaut worden. Das war eines der schlimmsten und einschneidendsten Ereignisse für meine Familie und für mich als Kind. Der Mauerbau betraf uns unmittelbar. Bis dahin war ich regelmäßig und für Wochen zu meinen Verwandten nach Hamburg gefahren, zu meiner Großmutter, meiner Tante, meinen Cousinen. Mit einem Schlag war das im Sommer 1961 vorbei.

Besonders schlimm wurde diese Trennung für uns dann im Februar 1962. In Hamburg tobte die Sturmflut. Ich werde nie vergessen, wie wir – ohnmächtig, aus der DDR heraus irgendetwas tun zu können – in Angst und Schrecken um meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter, und die anderen Verwandten waren. Wir hingen am Radio, wir nahmen jede Nachricht auf, wir verfolgten die Rettungsmaßnahmen, Straßenzug um Straßenzug.

In diesen Stunden hat sich der damalige Hamburger Innensenator Helmut Schmidt meiner Familie und mir unvergesslich in unser Gedächtnis eingebrannt, weil er nicht bürokratisch danach fragte, ob der Einsatz von Soldaten der Bundeswehr und alliierter Streitkräfte zur Bekämpfung dieser Katastrophe eindeutig verfassungsgemäß war oder nicht, weil er einfach beherzt handelte und weil er es durch seine Präsenz ganz einfach schaffte, in der Stunde der Not meiner Familie ein ganz wichtiges Gefühl zu vermitteln, und zwar Vertrauen. Was kann man mehr über einen Politiker sagen?

Herzlichen Glückwunsch, Herr Bundeskanzler, zum "Osgar" in diesem Jahr!

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