Im Wortlaut

Rede von Kulturstaatsministerin Grütters auf der 4. Berliner Stiftungswoche

Staatsministerin Grütters hat in ihrer Rede zur Berliner Stiftungswoche die Widersprüchlichkeit unserer Haltung als User im Netz und als Bürger eines demokratischen Rechtsstaats aufgedeckt: "Im digitalen Leben verzichten wir auf Rechte, die wir in der analogen Welt als demokratische Errungenschaften verteidigen."

Dienstag, 21. April 2015 in Berlin
Das Grundgesetz neben einer Computermaus.

Grütters: Durchsetzung demokratischer Grundregeln im Netz ist eine zentrale politische Herausforderung.

Foto: Ute Grabowsky/photothek.net

- Es gilt das gesprochene Wort -

Anrede,

Vor gut einem Jahr, im Dezember 2013, erhielt der Künstler Florian Mehnert ein Schreiben der Polizeidirektion Freiburg. Anlass: ein Ermittlungsverfahren wegen Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes. Was war passiert?

Mehnert hatte Wege und Lichtungen in Wäldern verwanzt. Seine Mikrophone hingen im Bayerischen Wald, im Schwarzwald und in der Vulkaneifel - an Rückzugsorten, wo Menschen sich unbeobachtet und ungehört wähnten. Die aufgezeichneten Gespräche der Spaziergänger veröffentlichte Mehnert als "Waldprotokolle" - so der Titel des Kunstprojekts - auf seiner Website.
Sein Ziel: darauf aufmerksam zu machen, dass dem Menschen im digitalen Zeitalter kein Ort absoluter Privatheit mehr bleibt.

Mehnert wollte Fragen zum Leben in der digitalen Gesellschaft aufwerfen - und bekam als Antwort der analogen Welt ein polizeiliches Ermittlungsverfahren. Jemand hatte Anzeige erstattet, weil er offenbar seine Intimsphäre verletzt sah - eine verständliche Reaktion, aber auch eine Reaktion, die die Kluft zwischen analoger und digitaler Welt und die Widersprüchlichkeit unserer Haltung als User im Internet und als Bürger eines demokratischen Rechtsstaats hervor treten lässt.

Online - im Netz - können wir für keine Seite, die wir besuchen, für keinen Suchbegriff, den wir googeln, für keine Zeile, die wir schreiben, mit Vertraulichkeit rechnen. Offline - im Wald - finden wir schon ein einziges Mikrophon befremdlich. Als User nehmen wir Eingriffe in unsere Freiheitsrechte im digitalen Leben hin, gegen die wir uns als Bürger der analogen Welt empört zur Wehr setzen. Im digitalen Leben verzichten wir auf Rechte, die wir in der analogen Welt als demokratische Werte und Errungenschaften verteidigen. Soll das so weitergehen?

Ich persönlich halte die Demokratisierung des Digitalen - die Durchsetzung demokratischer Grundregeln auch im Netz - für eine zentrale politische Herausforderung in der digitalen Gesellschaft. Deshalb möchte ich meine "Berliner Stiftungsrede" der Frage widmen, wie wir Werte, die wir in der analogen Welt als konstitutiv für unsere Demokratie erachten, auch im digitalen Leben bewahren und verteidigen können.

Insbesondere Stiftungen können - davon bin ich überzeugt - eine Menge dazu beitragen, dass Menschen sich in der digitalen Gesellschaft nicht nur als User, sondern als Bürger verstehen und ihre Rechte geltend machen. Das beginnt mit der Verständigung darauf, wie wir uns unser digitales Leben eigentlich vorstellen. Insofern bin ich den Initiatoren der Berliner Stiftungswoche sehr dankbar für die Denkanstöße, die sie mit der Wahl des Themas "Vom digitalen Leben in der analogen Welt" setzen und die mir Gelegenheit für ein paar grundsätzliche Bemerkungen aus kultur- und medienpolitischer Sicht geben. Herzlichen Dank für die Einladung, lieber Herr Engelniederhammer!

Wer heute, dem Motto der Berliner Stiftungswoche folgend, "vom digitalen Leben in der analogen Welt" reden will, kommt um ein Eingeständnis nicht herum: Die großen Versprechen der digitalen Apologeten - Freiheit, Transparenz, Partizipation - haben sich nicht oder sagen wir: zum Teil, oder jedenfalls nicht ohne gewaltige Nebenwirkungen erfüllt.
Ja, das Internet schafft Transparenz – aber eben auch den transparenten User und Wege in die Überwachung.
Ja, das Internet fördert Partizipation – aber in der Anonymität und im schnellen Klick eben auch die Verantwortungslosigkeit.
Ja, das Internet verbreitet Wissen und Informationen in Echtzeit – aber eben auch Unwahrheiten, Verschwörungstheorien, antidemokratische Stimmungsmache oder rassistische Hetze.
Ja, das Internet macht "Schwarmintelligenz" möglich – aber auch die Macht des Mobs.
Ja, das Internet vergrößert unsere Freiheit – aber eben auch die Freiheit, Regeln auszuhebeln oder zu umgehen, die unsere Freiheit schützen und deshalb, demokratisch legitimiert, aus gutem Grund für unser Zusammenleben in der analogen Welt gelten.

Nach Jahren der Euphorie, in denen das Internet als Inbegriff des Fortschritts gepriesen wurde, stehen wir heute vor einer Situation, die man mit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 vergleichen könnte. So wie sich damals ökonomische Gewinnerwartungen in Form von Spekulationen auf stetig steigende Aktienkurse am Neuen Markt nicht erfüllt haben, so haben sich auch die gesellschaftlichen und politischen Heilsversprechen für unsere Demokratie nicht erfüllt. Anders als bei der Dotcom-Blase ist uns bei dieser Internet-Blase 2.0 ein gewaltiger Crash bisher erspart geblieben, wenn man von den Erschütterungen, die die Enthüllungen Edward Snowdens ausgelöst haben, einmal absieht. Die notwendige Katharsis vollzieht sich in Form von Debattenbeiträgen, nicht zuletzt in Büchern und Zeitungen, was ja immerhin für die nach wie vor bestehende Vitalität des demokratischen Diskurses spricht.

Die Wortführer sind keineswegs technikfeindliche Kulturpessimisten. Es sind Internetpioniere wie Jaron Lanier, der letztes Jahr für seine Kritik am digitalen Kapitalismus mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Es sind Blogger wie Sascha Lobo, der die Netzgemeinde vor gut einem Jahr mit dem Befund "Das Internet ist kaputt" in Aufruhr versetzte und in diesem Zusammenhang von der "digitalen Kränkung" des modernen Menschen sprach. Es sind Schriftsteller wie Dave Eggers, der in seinem Bestseller "The Circle" vom Weg in den digitalen Totalitarismus erzählt. Es sind einstige Unternehmer des Silicon Valley wie Andrew Keen, der in seinem gerade auf Deutsch erschienen Buch "Das digitale Debakel" vor den Gefahren der Datenökonomie warnt. Es sind Internetveteranen wie der Erfinder des ersten Webbrowsers, Tim Berners-Lee, die für mehr demokratische Kontrolle im Netz plädieren und dafür Kampagnen wie "The Web We Want" ins Leben gerufen haben. Sie alle führen uns vor Augen, dass die Digitalisierung, die unsere Welt im positiven Sinne revolutioniert und in vielen Bereichen unseres Lebens zweifellos enorme Fortschritte mit sich bringt, demokratische Errungenschaften zunichte zu machen droht.

Denn das Internet ermöglicht zuweilen mehr Freiheiten, als die Demokratie vertragen kann. In den Medien werden die Kritiken Jaron Laniers, des Friedenspreisträgers des deutschen Buchhandels, und Andrew Keens heftig diskutiert. Sie lauten:
- Das Netz schwächt Institutionen, die Demokratie braucht aber gerade starke Institutionen.
- Im Netz gilt das Recht der Vielen. Zur Demokratie gehört der Rechtsstaat. Der schützt eher die Rechte der Schwachen.
- Die starken Akteure im Netz sind Konzerne. Die starken Akteure in der Demokratie sind politisch gewählt.
- Im Netz gibt es eine Explosion der Information und viele Nischen. Demokratie braucht einen Informationsraum. "Information ohne Wächter ist fast immer inakkurat, korrupt oder beides", schreibt Keen, und das Netz sei voll davon.
- Das Netz fördert Transparenz. Demokratie braucht Diplomatie; sie schützt - so gut sie es kann - auch unsere Privatsphäre.

So ist unsere Freiheit im Netz mindestens von zwei Seiten gefährdet:
Zum einen von den digitalen Informations- und Deutungsmonopolen der großen Internetkonzerne: Sie sind es, die uns die Wege im Netz weisen und entscheiden, was wir online zu Gesicht bekommen und was nicht - nach völlig intransparenten Regeln und Kriterien.

Zum anderen von der (wie ich es nennen würde) digitalen Selbstentmündigung, die vielfach mit der Preisgabe unserer persönlichsten Daten verbunden ist - zum Zwecke eines geselligeren, unterhaltsameren, gesünderen, sportlicheren, erfolgreicheren, effizienteren, jedenfalls angeblich besseren Lebens. Damit meine ich nicht nur soziale Netzwerke und Plattformen im Netz. Das gerade erst entstehende Internet der Dinge - fahrerlose Autos, intelligente Kühlschränke, Uhren mit Schritt- und Kalorienzählern und medizinischen Kontrollfunktionen und was da noch so alles zur Optimierung unseres digitalen Lebens auf den Markt drängt - knüpft aus unseren Daten ein lückenloses Netz der sozialen Kontrolle. So gibt es immer weniger Orte und Augenblicke des Lebens, die verlässlich dem Zugriff Fremder und dem Licht der Öffentlichkeit entzogen sind.

Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage: Wieviel Autonomie in unserer Meinungsbildung bleibt uns in der analogen Welt denn noch, wenn Informationsmonopolisten unsere Wahrnehmung bestimmen? Wie frei sind wir in unserem Verhalten noch, wenn wir damit rechnen müssen, dass unsere Interessen, unser Bekanntenkreis, unsere Essgewohnheiten, unser Fahrverhalten, unsere Körperfunktionen, unsere Vergangenheit und was weiß ich noch alles lückenlos dokumentiert sind? Um die eingangs erwähnten "Waldprotokolle" noch einmal aufzugreifen: Wer befürchten muss, dass im Wald Mikrophone hängen, redet vermutlich anders als jemand, der sich in einem vor fremden Ohren geschützten Raum wähnt.

Viele, die trunken vom rasanten technologischen Fortschritten die schöne neue Welt feiern, die uns das Internet eröffnet, halten den Anspruch, demokratische Grundprinzipien wie Datenschutz, Privatsphäre und Informationsfreiheit auch im Netz garantieren zu wollen, für einen Anachronismus aus der analogen Welt, der den Segnungen des digitalen Lebens im Weg steht. Ich finde diese Haltung naiv und geschichtsvergessen. Unsere Demokratie ist auf den Trümmern des Totalitarismus gebaut. 70 Jahre nach der Befreiung von der Diktatur der Nationalsozialsten und 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, mit der auch die kommunistische Diktatur auf deutschem Boden Geschichte wurde, steht es Deutschland deshalb gut zu Gesicht, seine demokratischen Errungenschaften mit Verve zu verteidigen. Vergessen wir nicht: Als Lehre aus unserer Geschichte haben wir unsere Freiheitsrechte in den Verfassungsrang erhoben, darunter die Freiheit der Information, die Freiheit der Meinung, die Freiheit der Kunst und das Recht auf Privatsphäre. Diese Rechte sind nicht verhandelbar.

Daraus ergibt sich eine politische - und nicht zuletzt auch eine kultur- und medienpolitische Gestaltungsaufgabe. Mir ist als Staatsministerin für Kultur und Medien insbesondere wichtig, dass im Rausch des technisch Machbaren und im Spiel der Marktkräfte die Frage nach der für unsere Demokratie so entscheidenden Qualität und Vielfalt der Inhalte nicht zweitrangig wird.

Jürgen Habermas hat vor einiger Zeit in einem Essay mit dem Titel "Medien, Märkte und Konsumenten – Die seriöse Presse als Rückgrat der politischen Öffentlichkeit" auf den Punkt gebracht, wo die medienpolitische Herausforderung liegt. "Der Markt", schreibt er, "hat einst die Bühne gebildet, auf der sich subversive Gedanken von staatlicher Unterdrückung emanzipieren konnten. Aber der Markt kann diese Funktion nur so lange erfüllen, wie die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten nicht in die Poren der kulturellen und politischen Inhalte selbst eindringen, die über den Markt verbreitet werden."

Der Markt, meine Damen und Herren, konnte seine Funktion im analogen Zeitalter deshalb erfüllen, weil er eine dienende Rolle hatte, weil unsere in Recht und Regeln kondensierten Wertmaßstäbe dafür sorgten, dass die Medien im Sinne von Jürgen Habermas das "Rückgrat der politischen Öffentlichkeit" in unserer pluralistischen Gesellschaft sein konnte. Nicht umsonst sprechen wir von der "4. Gewalt". Dahinter steht die Überzeugung, dass eine freie Presse, eine kritische, informierte Öffentlichkeit und ein lebendiger Diskurs die stärksten Garanten sind für Demokratie – die Überzeugung, dass Leser, Hörer, Zuschauer und Internet-Nutzer eben nicht nur Konsumenten auf einem Markt sind, auf dem die Nachfrage das Angebot bestimmt, sondern Bürgerinnen und Bürger, die einen Anspruch haben auf das, was Qualitätsmedien zu leisten imstande sind. An diesen Überzeugungen hat sich im Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter nichts geändert. Geändert haben sich aber im digitalen Zeitalter die Bedingungen der Durchsetzbarkeit entsprechender Regeln. Lassen Sie mich an drei Beispielen veranschaulichen, was die Kultur- und Medienpolitik zur Sicherung von kultureller und medialer Vielfalt im digitalen Zeitalter beitragen kann.

Erstens: Qualität und Vielfalt brauchen ein modernes Urheberrecht.
Wir müssen dafür sorgen, dass man auch im Zeitalter des Internets von geistiger Arbeit leben kann. Das geht nur, wenn Kreative angemessen an der Wertschöpfung aus ihrer intellektuellen oder künstlerischen Leistung beteiligt werden. In diesem Sinne setze ich mich für eine kultur- und medienpolitische Handschrift der im Koalitionsvertrag vorgesehenen Anpassung des Urheberrechts an das digitale Zeitalter ein. Dazu habe ich kürzlich ein ausführliches Positionspapier mit Vorschlägen für konkrete Maßnahmen vorgelegt. Es formuliert kultur- und medienpolitische Positionen, für die ich mich bei den anstehenden Gesetzgebungsvorhaben zum Urheberrecht einsetzen werde. Dabei geht es nicht darum, das Urheberrecht neu zu erfinden. Im Gegenteil: Im Zentrum all unserer Überlegungen steht weiterhin der Urheber selbst, der Künstler, der Kreative. So wäre es zum Beispiel schon ein großer Fortschritt, dass wir Selbstverpflichtungen der Wirtschaft ermöglichen, auf Internetseiten mit urheberrechtsverletzenden Angeboten keine Werbung mehr zu schalten.

Zweitens: Qualität und Vielfalt brauchen Schutz vor Marktmacht.
Datenmonopole sind Deutungsmonopole, und Deutungsmonopole werden leicht zu Meinungsmonopolen. Insofern sehe ich die marktbeherrschende Stellung von Google mit über 90 Prozent Marktanteil in Europa und in Deutschland äußerst kritisch. Damit wird die Auffindbarkeit von Inhalten bei Google zum Kriterium für publizistischen und wirtschaftlichen Erfolg.

Wie Sie vielleicht wissen, hat die EU-Kommission im laufenden Kartellverfahren gegen Google letzte Woche ein schärferes Vorgehen gegen den Missbrauch dieser dominanten Marktposition angekündigt. Mit der formellen Beschwerde, dass Google den auch für die Durchsetzung demokratischer Grundrechte unverzichtbaren Wettbewerb behindert, hat Wettbewerbskommissarin Vestager ein Verfahren eingeleitet, das mit einer Geldstrafe von bis zu 6,6 Milliarden Euro und harten Auflagen enden könnte. Ein fairer Wettbewerb ist Grundvoraussetzung auch für einen Markt der Meinungen. Deshalb begrüße ich es, dass sich die EU-Kommission nun konsequenter als bisher dieser Frage stellt. Um die Sicherung bewährter Wettbewerbsmechanismen und die Gewährleistung eines breiten Medienpluralismus geht es darüber hinaus auch in der Bund-Länder-Medienkommission, die ich für den Bund federführend koordiniere und die gerade ihre Arbeit aufgenommen hat.

Einen dritten Punkt will ich noch hervorheben:
Qualität und Vielfalt erfordern ein selbstbewusstes Bekenntnis zu unserem Kultur- und Demokratieverständnis.
Das betrifft beispielsweise die Verhandlungen über das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA. Die reiche Vielfalt des kulturellen Angebots in Deutschland ist nur möglich, weil wir die im Grundgesetz verbriefte Freiheit der Kultur schützen und sie auskömmlich insbesondere auch mit staatlichen Mitteln finanzieren: weil wir sie so unabhängig machen vom Zeitgeist, von privaten Geldgebern – und auch von einem allzu freien Spiel der Marktkräfte. Diese staatliche Privilegierung der Kultur ist Teil des deutschen und des europäischen Selbstverständnisses. Hier unterscheiden wir uns fundamental von den USA.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich befürworte TTIP grundsätzlich. Dass es Chancen für deutsche Unternehmen bietet, dass es gleichzeitig gerade in diesen Zeiten außenpolitisch wichtig ist, liegt auf der Hand. Es geht nicht um das "Ob", wohl aber um das "Wie". Wir brauchen klare Garantien und rote Linien zum Schutz der kulturellen Vielfalt und der Meinungsvielfalt in allen Bereichen und durchgängig bei allen Kapiteln des Abkommens. Dafür setze ich mich ein.

Soweit drei aktuelle Beispiele, wie wir einen tragenden Pfeiler unserer Demokratie - die kulturelle und mediale Vielfalt - politisch gegen die Unterspülung durch wirtschaftliche Interessen sichern und damit auch vor digitaler Erosion bewahren können. Neben der Politik spielt dabei auch die Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle. Hier zeigt sich die Digitalisierung gewissermaßen von ihrer Schokoladenseite, denn dank der Segnungen des digitalen Lebens haben zivilgesellschaftliche Akteure mehr Einfluss- und Mitgestaltungsmöglichkeiten als je zuvor.

Unzählige Beispiele dafür liefern die Stiftungen, die im Rahmen der Berliner Stiftungswoche vertreten sind und allein schon durch ihre Vielzahl und Vielfalt ein beeindruckendes Bild vom Ideenreichtum, vom Verantwortungsbewusstsein und von der Hilfsbereitschaft in unserer Gesellschaft zeichnen.

Ich bin den Organisatoren der Stiftungswoche sehr dankbar, dass sie die blühenden Landschaften bürgerschaftlichen Engagements sichtbar machen, die vielfach abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit in den medial weniger ausgeleuchteten Winkeln unserer Gesellschaft gedeihen Über 20.000 zivilrechtliche Stiftungen gibt es in Deutschland - fast doppelt so viele wie 2001. Fast 5.000 - also rund ein Viertel - haben sich zu meiner besonderen Freude (auch) die Kultur als Stiftungszweck auf die Fahnen geschrieben. Was für ein Reservoir an Engagement, Know-how und Kreativität für das kulturelle Leben in Deutschland! Die Tatsache, dass es dank digitaler Kommunikationswege so einfach ist wie nie zuvor, eine Vielzahl an Menschen anzusprechen und um Unterstützung für die Stiftungsarbeit zu werben, macht Stiftungen zu Profiteuren des digitalen Wandels. Im digitalen Leben entstehen ja auch ganz neue Formen des bürgerschaftlichen Engagements, mit denen sich die analoge Welt verbessern lässt.

Für die Demokratisierung des digitalen Lebens können Stiftungen in zweierlei Hinsicht von Bedeutung sein.
Zum einen, weil viele von ihnen die Mündigkeit des einzelnen im digitalen Zeitalter fördern. Es gibt zahlreiche Stiftungen, die einen entsprechenden Bildungsauftrag explizit im Stiftungszweck verankert haben und durch spannende Projekte und Veranstaltungen die Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen oder auch älteren Menschen verbessern. Andere tragen zur kulturellen Bildung und zum Schutz der kulturellen Vielfalt bei. Mein Haus arbeitet gerade in der kulturellen Bildung, aber bei der Digitalisierung von Kulturgut hervorragend mit Stiftungen zusammen.

Ich freue mich, dass wir dabei immer wieder auch finanziell unterstützen können - umso mehr, weil ich bis 2013 selbst 15 Jahre lang ehrenamtlich Vorsitzende einer Stiftung (der Stiftung Brandenburger Tor) war und weiß, mit welchen Herausforderungen gerade die kleinen Stiftungen zu kämpfen haben.

Für die Demokratisierung des digitalen Lebens sind Stiftungen als zivilgesellschaftliche Akteure zum anderen auch deshalb so wichtig, weil sie zu einer selbstbewussten demokratischen Öffentlichkeit beitragen, die auch für die Verständigung über demokratische Regeln im Netz unbedingt notwendig ist. Unabhängig vom Stiftungszweck mobilisieren Stiftungen Menschen, aktiv zu werden und ganz altmodisch als Bürgerinnen und Bürger Verantwortung für unser Gemeinwesen zu übernehmen statt sich auf Posts, Tweets und Likes für Kampagnen im Netz zu beschränken. "Wir selbst müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen" - im Sinne dieser berühmten Worte von Mahatma Gandhi tragen Stiftungen dazu bei, dass Menschen sich als Bürger mit gesellschaftlicher Verantwortung verstehen, die den Unternehmen, den Regierungen und auch den Medien auf die Finger schauen. Sie haben dank des digitalen Fortschritts viel mehr Möglichkeiten als früher, sich Gehör zu verschaffen und gesellschaftliche Entwicklungen anzuprangern, die unsere Werte konterkarieren.

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat die digitalen Machtverschiebungen kürzlich in einem Essay am Beispiel der öffentlichen Kritik an der Berichterstattung über den Flugzeugabsturz in den französischen Alpen beschrieben und konstatierte in diesem Zusammenhang Veränderungen im Verhältnis zwischen Medien und Medienpublikum, ich zitiere: "Selbst die Chefredakteure der größten deutschen Boulevardzeitungen sahen sich in der vergangenen Woche gezwungen, auf den Unmut im Netz zu reagieren. (…) schon allein der Zwang zur Auseinandersetzung macht deutlich, dass neben die vierte Gewalt des Journalismus heute die fünfte Gewalt der vernetzten vielen getreten ist, die Medien beobachten und kritisieren." So stärkt die Digitalisierung auch diejenigen, die zu ihrer demokratischen Kontrolle beitragen können - und das ist doch, bei aller Skepsis gegenüber undifferenzierter Fortschrittseuphorie, ein versöhnlicher Gedanke zum digitalen Leben in der analogen Welt.

Eine lebendige Zivilgesellschaft, kontroverse öffentliche Debatten und die Vielfalt unabhängiger Medien - diese demokratischen Grundpfeiler sind auch im digitalen Zeitalter die beste Basis für den gesellschaftlichen Fortschritt. Der digitale Wandel konfrontiert uns mit so vielen Fragen, die unser aller Leben betreffen. Diese Fragen erfordern politische Antworten, nicht nur technologische und ökonomische - und mit politischen Antworten meine ich nicht "Antworten von Politikern", sondern politische Entscheidungen auf der Grundlage öffentlicher Debatten.

Eine Welt, in der solche Debatten über die Begleiterscheinungen technischen Fortschritts nicht stattfinden und die digitalen Innovationen deshalb letztlich die Demokratie aus den Angeln heben, hat Dave Eggers in seinem Roman "The Circle" beschrieben. Es ist ein Roman über ein Unternehmen, das durch Sammeln und Vernetzen aller verfügbaren Daten mehr Sicherheit, Bequemlichkeit, weniger Kriminalität und Krankheit - kurz: die Verbesserung der Welt - verheißt und damit irgendwann auch Politik überflüssig macht. Wer braucht noch den anstrengenden Austausch von Argumenten, die mühevolle Suche nach Kompromissen, wenn die verfügbaren Daten die unmittelbare Ausführung des Mehrheitswillens garantieren? Wo die Demokratisierung des Digitalen unterbleibt, droht die digitale Abschaffung der Demokratie.

Man kann über die literarische Qualität dieses Buchs streiten, aber es ist ebenso beeindruckend wie beklemmend zu lesen, wie digitale Weltverbesserung eine Gesellschaft in den digitalen Totalitarismus und den einzelnen in den digitalen Käfig umfassender sozialer Kontrolle führt. Der große Soziologe Max Weber, der heute seinen 151. Geburtstag feiern würde, hat im Zusammenhang mit der Rationalisierung aller Lebensbereiche vom "stahlharten Gehäuse der Hörigkeit" gesprochen, in das der Kapitalismus den Menschen zwingt. Bei Dave Eggers erleben wir seine digitale Weiterentwicklung.

Ein lebensfernes, kulturpessimistisches Schreckensszenario?

Wie auch immer Sie es sehen: Reden wir darüber, diskutieren wir darüber, streiten wir darüber, was das digitale Leben für unsere analoge Welt bedeutet und ob wir so leben wollen wie wir unseren technischen Möglichkeiten nach leben könnten. So lange darüber diskutiert und gestritten wird, solange kritische Medien diesen Diskurs befeuern und so lange es Stiftungen gibt, die sich an diesem Diskurs beteiligen wie Sie alle hier im Rahmen der diesjährigen "Berliner Stiftungswoche", so lange ist "The Circle" nur eine Fiktion vom digitalen Leben in der analogen Welt - um das Motto der Stiftungswoche noch einmal aufzugreifen. Meine Meinung ist: Die Demokratisierung des digitalen Lebens ist die einzige Garantie, dass es auch so bleibt.

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