Im Wortlaut

Politiker brauchen mitfühlendes Herz

Barmherzigkeit in der Politik sei notwendig, "um soziale Notlagen - und damit gesetzgeberischen Handlungsbedarf - überhaupt zu erkennen", sagte Staatsministerin Grütters in einer Fastenpredigt im Dom zu Münster.

Mittwoch, 11. März 2015 in Münster
Staatsministerin Monika Grütters hält die Fastenpredigt im Dom zu Münster

Kulturstaatsministerin Grütters: Barmherzigkeit ist die Wurzel der Gerechtigkeit

Foto: Bistum Münster

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

"Barmherzigkeit" und "politische Kultur" - diese Begriffe, die das heutige Themenfeld abstecken, werden selten in einem Atemzug genannt.
Ganz im Gegenteil: Politik gilt als "schmutziges Geschäft". Politik, so lautet ein geflügeltes Wort, "verdirbt den Charakter". Unter allen Berufsgruppen genießen Politiker weltweit das geringste Vertrauen in der Bevölkerung. An der Spitze stehen Feuerwehrleute und Ärzte. Auch Krankenschwestern und Rettungssanitäter sind weit oben mit dabei - Menschen in helfenden Berufen also, zu denen Politiker ganz offensichtlich nicht gezählt werden.

Am prägnantesten hat es wohl Julius Kardinal Döpfner formuliert, ich zitiere: "Der barmherzige Samariter unterschreibt keine Resolution, die weiter geleitet werden muss, er packt selbst an."

So weit der nicht gerade "samariterliche" Ruf, der Politikern im allgemeinen vorauseilt - was Sie, lieber Herr Schulte, nicht davon abgehalten, ja vielleicht sogar darin bestärkt hat, mich zu einer Fastenpredigt zum berühmten Gleichnis vom barmherzigen Samariter in meiner Heimatstadt Münster einzuladen. Es ist mir eine große Ehre - vielen Dank!

1. Zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter

Den Bogen zu schlagen von dem Text aus dem Evangelium nach Lukas, den wir eben gehört haben, zum politischen Alltag, zur politischen Kultur im Deutschland des 21. Jahrhunderts - das ist kein ganz einfaches Unterfangen, obwohl es doch (zumindest auf den ersten Blick) eine ganz einfache, intuitiv verständliche Geschichte ist, mit der Jesus die Frage eines Schriftgelehrten beantwortet.

Ein Mann liegt schwer verletzt am Wegrand. Zwei Männer sehen ihn und gehen weiter. Ein Dritter sieht ihn, hat Mitleid und handelt auf eine Weise, die unserem heutigen moralischen Empfinden entspricht: Er kümmert sich um den Fremden, er verarztet ihn, so gut es geht, er bringt ihn in Sicherheit, er sorgt auf eigene Kosten für Unterkunft und Pflege. Kurz: Er übernimmt die Verantwortung dafür, dass es einem Not leidenden Menschen wieder gut geht.

"Wer ist mein Nächster?", so lautete die Frage des jüdischen Schriftgelehrten, die Jesus damit beantwortet hat. Eine - wie wir heute sagen würden - politisch heikle Frage, denn im Grunde wollte der Schriftgelehrte ja wissen: "Was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?" Um die Antwort auf diese Frage wurde damals heftig gestritten, und so war der Schriftgelehrte wohl vor allem gespannt, für welche Seite Jesus Partei ergreifen würde. Für diejenigen, die die Liebe zu Gott in einem Leben streng nach den Vorschrift des Gesetzes sahen? Für diejenigen, die der Gottesliebe im Gebet Ausdruck verliehen und dazu aufriefen, sich fern zu halten von den Versuchungen und Sünden, von der Verdorbenheit der Welt? Für diejenigen, die im Namen der Gottesliebe zum Kampf gegen fremde Unterdrücker aufriefen?

Jesus lässt den Schriftgelehrten zitieren, was im Gesetz geschrieben steht - liebe Gott und liebe deinen Nächsten -, und er beantwortet die Frage, "wer ist mein Nächster?" auf eine Weise, die die Kleinlichkeit der Gelehrtendebatten um den richtigen Weg zum ewigen Leben offenbart. Es gibt keine Regel, die den "Nächsten" und damit die Reichweite der Nächstenliebe definiert. Es ist der einzelne Mensch, der sich als "der Nächste" eines Bedürftigen erkennt und der seinem Mitmenschen im Akt des Helfens zum Nächsten wird. Erst dadurch, in der Liebe zum anderen Menschen, wird die Liebe zu Gott konkret.

Die Liebe zu Gott ist also keine weltferne, abgeschlossene Zweierbeziehung. Sie verwirklicht sich vielmehr in der Liebe zum Mitmenschen im Hier und Jetzt, in meinem Verhalten in einer konkreten Situation. Entscheidend ist ein dem anderen Menschen zugewandtes, mitfühlendes Herz. Der Samariter hat nicht aus Gehorsam einer Regel gegenüber geholfen, nicht aus Kalkül, weil er sich davon einen Nutzen erhofft hätte, und auch nicht aus Sympathie. Der Verletzte stand ihm nicht nahe, im Gegenteil. Die damaligen Zuhörer dürfte es in ungläubiges Staunen versetzt haben, dass Jesus hier ausgerechnet einen Samariter als Vorbild beschreibt. Denn Samariter wurden als nicht rechtgläubige Juden verachtet; man war einander allenfalls in gegenseitiger Abneigung verbunden.

Der berühmte Maler Vincent van Gogh hat diese Distanz auf seinem Bild "Der barmherzige Samariter" deshalb deutlich hervorgehoben. Die Blicke des Opfers und seines Helfers begegnen sich nicht. Dem Samariter steht die gewaltige Anstrengung ins Gesicht geschrieben, die nötig ist, um den Verletzten aufs Pferd zu hieven. Der Verletzte wiederum macht den Eindruck, als wolle er seinen Helfer so gut es eben geht auf Abstand halten.

Die Barmherzigkeit des Samariters hat, das sieht man hier deutlich, nichts mit persönlicher Verbundenheit zu tun. Sein Erbarmen gilt dem Menschen, mit dem ihn - bei aller Distanz, die den gesellschaftlichen Umständen geschuldet ist - viel mehr verbindet als trennt. Aus seinem mitfühlenden Herz schöpft er die Kraft, den Fremden allen Umständen zum Trotz so zu behandeln als wäre er ein "Nächster" im wortwörtlichen Sinne - ein ihm nahestehender Mensch.

2. Barmherzigkeit und politische Kultur - ein Spannungsfeld

Barmherzigkeit ist insofern viel mehr als Hilfsbereitschaft. Barmherzigkeit ist ein Geschenk Gottes, und sie ist dadurch im christlichen Glauben auch eine Eigenschaft des menschlichen Charakters. Sie steht in großer Nähe zur Nächstenliebe und zur Humanität. Ein barmherziger Mensch öffnet sein Herz fremder Not und nimmt sich ihrer an. Ein barmherziger Mensch kann sich einfühlen, kann verzeihen. Barmherzigkeit heißt, im Fremden, ja sogar im Feind, zuallererst den Mitmenschen zu sehen. Ein hoher Anspruch, den Jesus uns da mit seinem Gleichnis ans Herz legt! Schwierig genug, sich daran im engsten persönlichen Umfeld, in menschlichen Nahbeziehungen zu orientieren! Noch schwieriger im Berufsleben, im ökonomischen Wettbewerb und auch in der Politik!

Hier eröffnen sich Spannungsfelder, die das eigentlich ganz einfache und intuitiv einleuchtende Gleichnis plötzlich viel komplizierter erscheinen lassen. Politik erweist sich als sperrig, wenn man Jesus beim Wort nimmt. Die politische Kultur im weitesten Sinne - damit meine ich demokratische Verfahren ebenso wie öffentliche Debatten und das menschliche Miteinander in der Politik - lässt sich nicht so einfach einordnen in unsere christlich geprägten, moralischen Kategorien der Wahrnehmung.

Sie scheint sich unseren moralischen Intuitionen in gewisser Weise sogar zu verschließen. Das Gleichnis des barmherzigen Samariters ist dafür ein hervorragendes Beispiel, weil es sich als Vorstellung von Nächstenliebe weit über die Gemeinschaft gläubiger Christen hinaus tief eingegraben hat in unser kollektives Bewusstsein und in unsere moralischen Urteile.

So lässt es einen ethischen Kompass vor unseren Augen entstehen, der uns im Zwischenmenschlichen in die richtige Richtung weist, der uns allerdings in der Politik oft nicht weiterhilft - so wie ein Magnetkompass, der zum Überqueren der Alpen und zum Navigieren im Atlantik uneingeschränkt geeignet ist, der aber (aufgrund seiner Masseträgheit) in der Luftfahrt bei Beschleunigungen oder beim Kurvenflug irreführende Werte anzeigt.

Warum ist das so? Warum eignet sich das Gleichnis des barmherzigen Samariters nicht in gleicher Weise für politisches Handeln wie für zwischenmenschliche Nahbeziehungen? Warum scheint gerade politisches Handeln und Entscheiden so weit weg von Jesus‘ Worten "Dann geh und handle genauso"?

Lassen Sie mich fünf Gründe nennen - fünf Aspekte des Spannungsfelds zwischen Barmherzigkeit und politischer Kultur.

Erstens: Distanz macht einen Unterschied zum Gleichnis des barmherzigen Samariters.

Der barmherzige Samariter steht einem bedürftigen Menschen von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Seine Handlungsoptionen sind überschaubar: helfen oder nicht helfen.

Der Politiker sieht den einzelnen hilfsbedürftigen Menschen nicht in der gleichen Weise. "Bei den Menschen", das ist der Politiker zwar in seinem Wahlkreis. Doch als gewählter Volksvertreter ist er auch für diejenigen verantwortlich, die ihm nur in der Anonymität von Statistiken und Armutsberichten begegnen, die er nur aus der Distanz der Fernsehnachrichten und Zeitungsartikel kennt. Dabei sind seine Handlungsoptionen so zahlreich, dass er Prioritäten setzen, die Reichweite seiner Verantwortung bestimmen muss.

Zweitens: Die Konfrontation mit einer Vielzahl an Bedürfnissen macht einen Unterschied.

Die Aufmerksamkeit des Samariters gilt dem individuellen Leid.

Der Politiker hat mit der Not vieler Menschen zu tun - in seinem Heimatort, in seinem Wahlkreis, in seinem Bundesland, in Deutschland, in Europa, ja - je nach Thema - in der ganzen Welt. Selbst beim besten Willen kann er nicht allen und erst recht nicht allen gleichzeitig gerecht werden. Er kann sich auch nicht von allem Leid, das ihm begegnet, in gleicher Weise anrühren lassen. Er muss sich auf die Rahmenordnung - die Gestaltung der Regeln unseres Zusammenlebens - konzentrieren.

Dabei kann es zu moralischen Konflikten kommen zwischen allgemeinen Interessen und den Bedürfnissen einzelner Gruppen, aber auch zwischen den unterschiedlichen Einzelbedürfnissen. Altersarmut beispielsweise erfordert politisches Handeln - beim Versuch, sie zu lindern, stößt man aber schnell an Grenzen, die sich durch andere legitime moralische Ansprüche ergeben:
auf das Gebot der Generationengerechtigkeit zum Beispiel, oder auf die Befürchtung von Familien, dass steigende Sozialausgaben zu steigenden Lohnnebenkosten führen, die den Familienernährer - oder auch der Familienernährerin - den Job kosten.

Drittens: Der zeitliche Horizont macht einen Unterschied.

Die Hilfe des barmherzigen Samariters wird sofort wirksam. Seine Hilfe lindert akute Not. Politische Maßnahmen dagegen sind oft erst einmal nur Versprechen auf eine bessere Zukunft. Es braucht Zeit, bis die erhofften Verbesserungen eintreten. Denken Sie beispielsweise an die Menschen in Griechenland, die unter dem zweifellos notwendigen Sparkurs ächzen und die deutsche Politik als "kalt", als "herzlos", als "unbarmherzig" empfinden. Bisher ist es nur ein Versprechen, dass sich die Lebensverhältnisse für alle Griechen durch den Sparkurs, durch Attraktivität für Investitionen und Wachstum langfristig bessern werden, was Beispiele anderer Länder zeigen. Dieses Versprechen, das uns schmerzhafte Maßnahmen als moralisch richtig erscheinen lässt, lindert nicht die akute Not einer griechischen Putzfrau, die gerade ihren Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst verloren hat.

Viertens: Machbares und Wünschenswertes trennen zu müssen, macht einen Unterschied.

Für den barmherzigen Samariter stimmt das Wünschenswerte mit dem Machbaren überein. Sollen und Können sind deckungsgleich.
Für den Politiker ist genau das oft nicht der Fall. Denken Sie an die Not der vielen Flüchtlinge auf der ganzen Welt. Nicht alle können wir aufnehmen. Wir müssen das Asylrecht an Bedingungen knüpfen, so sehr es uns anrührt, dass wir damit beispielsweise die Hoffnungen von Wirtschaftsflüchtlingen aus dem Kosovo auf ein besseres Leben in Deutschland nicht erfüllen können. Im Angesicht der Einzelschicksale, im Angesicht des Leids von Kindern und Familien erscheinen notwendige politische Standards oft unbarmherzig.

Und schließlich fünftens: Der Zwang zum Kompromiss macht einen Unterschied.

Der barmherzige Samariter kann seinem Herzen folgen. Er kann handeln, wie er allein es für richtig hält. Der Politiker kann das im Allgemeinen nur sehr eingeschränkt. Armut, Arbeitslosigkeit, Integration, - welches Thema auch immer Sie nehmen: Es gibt unzählige Meinungen, was zu tun ist und wer es bezahlen soll.

Ein Politiker muss deshalb um Mehrheiten werben: in der Partei, in der Fraktion, in einer Regierungskoalition, in der Abstimmung mit den Bundesländern oder auch mit unseren europäischen Nachbarn. Was dabei heraus kommt, ist oft der kleinste gemeinsame Nenner dessen, was die einzelnen Beteiligten für richtig halten. Persönliche Werte dienen dabei der Begründung der eigenen Sichtweise, aber für das konkrete Handeln, die Umsetzung, zählt der Kompromiss. Ohne Bereitschaft zum Kompromiss, ohne Bereitschaft zur Abweichung vom eigenen Standpunkt, auch vom eigenen Herzensanliegen, funktioniert keine Demokratie.

Man kann die eingangs zitierte Aussage von Julius Kardinal Döpfner also auch umdrehen: Der barmherzige Samariter muss keine Resolution verabschieden, er kann einfach helfen. Er kann seinem Herzen folgen.

Der Politiker dagegen handelt in einem Spannungsfeld, das der Soziologe Max Weber in seinem berühmten Vortrag "Politik als Beruf" mit dem Begriffspaar "Gesinnungsethik und Verantwortungsethik" abgesteckt hat. Gesinnungsethisch betrachtet ist politisches Handeln durch ihr Motiv, durch die Gesinnung des Handelnden gerechtfertigt, während die Verantwortungsethik von den Folgen einer Handlung ausgehend moralisch urteilt.

Wo bleibt in der politischen Kultur Raum für ein mitfühlendes Herz, für Barmherzigkeit, werden Sie jetzt fragen. Wo kann die Botschaft der Bibel überhaupt Kompass für politisches Handeln sein?

Das sind Fragen, die auch mich immer wieder beschäftigen. Das ist immer wieder eine Herausforderung, selbst wenn man, wie ich, schon seit rund 20 Jahren politisch aktiv ist. Als Politikerin bin ich mir der Umstände bewusst, die verantwortungsethisches Denken erfordern. Als gläubige Christin ist es mir ein Anliegen, meine christliche Gesinnung, meine Glaubensüberzeugungen auch in meiner politischen Arbeit zu leben. Barmherzigkeit ist eine Qualität menschlicher Nahbeziehungen, und dennoch - das ist meine Überzeugung:
Wir brauchen sie auch in der Politik und für die Politik.
Wir brauchen sie als Wurzel der Gerechtigkeit.
Wir brauchen sie als Wegbereiterin für Verständigung und Toleranz.
Wir brauchen sie als Begleiterin der Freiheit.

3. Barmherzigkeit als Wurzel der Gerechtigkeit in der Politik

Als Wurzel der Gerechtigkeit brauchen wir Barmherzigkeit in der Politik, um soziale Notlagen - und damit gesetzgeberischen Handlungsbedarf - überhaupt zu erkennen. Die katholische Soziallehre verortet Gerechtigkeit, ausgehend von der Würde jedes einzelnen Menschen - der Ebenbild Gottes ist - in der Rahmenordnung der sozialen Marktwirtschaft. Diese Rahmenordnung eröffnet einerseits Raum für Freiheit und Eigenverantwortung: Jeder Mensch soll mit seinen Talenten wuchern können. Sie stellt aber andererseits auch den Ausgleich zwischen Stärkeren und Schwächeren her und spannt ein soziales Netz, das uns bei Arbeitslosigkeit, Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder im Alter auffängt. Die soziale Marktwirtschaft verbindet Freiheit und Eigenverantwortung mit Solidarität. Darin liegt ihre moralische Qualität nach christlichem Verständnis.

Es ist eine große Errungenschaft, dass es uns gelungen ist, Gerechtigkeit über diese Rahmenordnung sicher zu stellen, so dass Menschen in Notlagen keine Bittsteller sind, sondern Anspruch haben auf die Unterstützung der Allgemeinheit. Dennoch lässt sich die Verantwortung, Leid zu lindern, nicht an die Rahmenordnung delegieren. Es gibt Menschen, die selbst ein dicht geknüpftes soziales Netz nicht auffangen kann. Es gibt Risse im Netz, es gibt Stellen, wo das Netz dichter geknüpft oder erweitert werden muss, weil die Gesellschaft sich verändert, weil neue Krisen und Probleme entstehen. Politiker brauchen ein mitfühlendes Herz wie der barmherzige Samariter, um das zu erkennen. Barmherzigkeit ist motivationale Grundlage für soziales, dem christlichen Menschenbild verpflichtetes, politisches Handeln. Barmherzigkeit ist insofern die Wurzel der Gerechtigkeit. So wie ein starker Baum gesunde Wurzeln braucht, so braucht auch eine gerechte marktwirtschaftliche Ordnung ein gesundes moralisches Empfinden der für die Gesetzgebung Verantwortlichen.

4. Barmherzigkeit als Wegbereiterin für Verständigung und Toleranz

Ein zweiter Punkt: Barmherzigkeit ist als Wegbereiterin für Verständigung und Toleranz in unserer politischen Kultur unverzichtbar. Zum einen, um für politische Maßnahmen Akzeptanz und Zustimmung in der Bevölkerung zu finden. Beispiel Europa: Selbst dort, wo auf institutioneller Ebene kühle Ökonomen und nüchterne Juristen den Ton angeben, wie in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, kommen wir allein mit dem Taschenrechner nicht weiter. Verständigung setzt Verständnis voraus, Verständnis wiederum setzt Verstehen voraus, die Bereitschaft zum Zuhören, zum Einfühlen, zum Perspektivenwechsel. Eine Politik, die die Situation, den Erfahrungshintergrund der betroffenen Menschen aus den Augen verliert, ist technokratisch und wird es schwer haben, das "Richtige", das Angemessene für die Menschen zu tun und Akzeptanz zu finden.

Zum anderen setzt auch Toleranz Zugewandtheit des Herzens voraus. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, in der wir - gerade in den großen Städten und Ballungsräumen - tagtäglich konfrontiert werden mit Lebensweisen, die uns fremd sind, mit Meinungen und Weltanschauungen, die wir nicht teilen, mit kulturellen Eigenheiten, die wir nicht verstehen, vielleicht sogar ablehnen. In Dresden und anderen Städten sind über viele Wochen Tausende von Menschen gegen eine angebliche "Islamisierung des Abendlandes", gegen die vermeintliche Bedrohung unserer Kultur durch Zuwanderung im Allgemeinen und den Islam im Besonderen auf die Straße gegangen. Sie stießen damit zum Glück vielerorts auf Widerstand - auf die breite Mehrheit derjenigen, die Flüchtlingen (nicht zuletzt innerhalb der Kirchengemeinden) helfend zur Seite stehen, wie es der christlichen Ethik der Nächstenliebe entspricht. Doch die Anschläge in Paris waren Wasser auf die Mühlen derjenigen, die in jedem Muslim den Islamisten sehen, obwohl die Mehrheit der Muslime in Deutschland unsere Werte teilt und obwohl es neben Fundamentalisten auch auf Dialog und Frieden ausgerichtete Strömungen des Islam gibt. "Islam ist Barmherzigkeit" lautet beispielsweise der Titel des jüngsten Buches von Mouhanad Korchide, der hier an der Universität Münster Professor für islamische Religionspädagogik ist und den Islam aus einem modernen Verständnis seiner Schriften heraus reformieren will. Und auch der muslimische Schriftsteller Navid Kermani hat in seiner Rede bei der Trauerkundgebung für die Opfer der Pariser Anschläge in Köln an die Muslime appelliert, "dem höchsten Gebot des Islam, der Barmherzigkeit, wieder Geltung zu verschaffen."

Gerade die jüngsten Ereignisse zeigen jedenfalls, wie wichtig es ist, Feindbilder zu überwinden und das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen. Dazu braucht es Menschen in der Politik, in den Kirchen, im bürgerschaftlichen Engagement, die auch im Fremden zuallererst den Mitmenschen sehen. Walter Kardinal Kasper schreibt dazu mit Blick auf die Gräuel des 20. Jahrhunderts in seinem 2012 erschienenen Buch "Barmherzigkeit. Grundbegriff des Evangeliums - Schlüssel christlichen Lebens" : "Es ist deutlich geworden, dass, so sehr Barmherzigkeit, Vergeben und Verzeihen fast übermenschliche Akte sind, sie doch auch höchst vernünftige Akte sind. Nur wenn man sich über alte Gräben hinweg neu die Hand reicht, (…) können blutige und traumatische Konflikte bearbeitet (…) und die Spirale von Gewalt und Gegengewalt (…) durchbrochen werden."

Zum Überwinden von Feindbildern kann die Kultur und kann auch die Kulturpolitik in ganz besonderem Maße beitragen. Literatur, auch Theater und Film können uns mit Fremdem vertraut machen und Räume für gegenseitiges Verständnis eröffnen.

5. Barmherzigkeit als Begleiterin der Freiheit

Ein dritter Punkt ist mir wichtig: Politische Kultur umfasst nicht nur unsere Rahmenordnung, die soziale Marktwirtschaft, und die Art und Weise, wie wir in einer pluralistischen Gesellschaft mit all ihren Konflikten friedlich zusammen leben können. Politische Kultur äußert sich auch darin, wie wir mit den Freiheiten umgehen, die die Demokratie uns gewährt.

Deutschland musste sich die Demokratie in einem von der nationalsozialistischen Barbarei auch geistig und kulturell verwüsteten Land mühsam erarbeiten und hat die Kunstfreiheit dabei wie die Pressefreiheit und die Meinungsfreiheit aus gutem Grund in den Verfassungsrang erhoben. Die Kunstfreiheit - das ist die Lehre, die wir aus zwei Diktaturen gezogen haben - ist wie die Presse- und Meinungsfreiheit konstitutiv für eine Demokratie. Kreative und Intellektuelle sind das Korrektiv einer Gesellschaft. Mit ihren Fragen, ihren Zweifeln, ihren Provokationen beleben sie den demokratischen Diskurs und sind so imstande, unsere Gesellschaft vor gefährlicher Lethargie und damit auch vor neuerlichen totalitären Anwandlungen zu bewahren. Sie verhindern, dass intellektuelle Trägheit, argumentative Phantasielosigkeit und politische Bequemlichkeit die Demokratie einschläfern. Die Freiheit der Kunst zu schützen, ist deshalb heute oberster Grundsatz, vornehmste Pflicht der Kulturpolitik.

Dabei lässt sich allerdings nicht leugnen, dass eben diese Freiheiten es Menschen ermöglichen, andere auch zu verletzen. Als religiöser Mensch fühle ich mich oft tief getroffen, wenn - legitimiert durch die Kunstfreiheit - mein Glaube verhöhnt wird. Als Politikerin empfinde ich es als verletzend, wenn mir - legitimiert durch Presse- und Meinungsfreiheit - Verachtung entgegen schlägt. Auch der Wettbewerb der Personen und Meinungen in der Politik kann unbarmherzig sein, das Ausgesetztsein der permanenten Beobachtung von außen, die gnadenlose Bewertung durch Journalisten, die man als Betroffener oder Betroffene natürlich nicht immer als fair empfindet. Unsere demokratischen Freiheiten schließen also sogar die Freiheit jedes einzelnen mit ein, anderen seelische Verletzungen zu fügen.

Doch eine Kunst, die sich festlegen ließe auf die Grenzen des politisch Wünschenswerten, eine Kunst, die den Anspruch religiöser Wahrheiten respektierte, die das überall lauernde Risiko verletzter Gefühle scheute, die gar einer bestimmten Moral oder Weltanschauung diente - eine solchermaßen begrenzte oder domestizierte Kunst würde sich nicht nur ihrer Möglichkeiten, sondern auch ihres Wertes berauben. Dasselbe gilt für die Medien. Wir müssen die Spannungen aushalten zwischen der Freiheit der Meinung und Verunglimpfung, zwischen der Freiheit der Presse und Verleumdung, zwischen der Freiheit der Kunst und verletzten (religiösen) Gefühlen.

Menschliche Barmherzigkeit beim Gebrauch dieser Fähigkeiten kann die Politik nicht verordnen. Verordnete Barmherzigkeit wäre erstens keine mehr und müsste, zweitens, mit Zensur einhergehen.

Umso wichtiger ist es, Barmherzigkeit im Zwischenmenschlichen als Begleiterin demokratischer Freiheiten zu fördern. Das hat mit Herzensbildung, Nachdenklichkeit und Fähigkeit zur Empathie zu tun. Auch hier leisten der Glaube und die Kirche viel für unsere politische Kultur und für unser Zusammenleben.

6. Barmherzigkeit für eine humane Gesellschaft

Damit bin ich bei meinem letzten Punkt und schließe den Kreis zum ganz einfachen, intuitiven Verständnis des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter. Barmherzigkeit ist die Quelle zwischenmenschlicher Wärme, und auch als solche brauchen wir sie natürlich in der Politik.

Das betrifft zum einen den persönlichen Umgang miteinander. Streit ist das Wesen der Demokratie, aber man kann dabei trotzdem respektvoll miteinander umgehen. Das betrifft zum anderen Kommunikation übereinander und mit den Medien. Ein junger Politiker hat kürzlich in der ZEIT geschrieben: "Es ist leichter, irgendeine Indiskretion über Parteifreunde in den Medien zu platzieren als ein politisches Konzept". Unbarmherzigkeit schadet unserer politischen Kultur, weil sie dazu führt, dass viele Menschen sich von der Politik abwenden.

Dasselbe gilt allerdings auch für die innerkirchliche Kultur. Wie viele andere Christen wünsche auch ich mir in mancherlei Hinsicht mehr Barmherzigkeit in meiner Kirche, gerade im Umgang mit Menschen, deren Lebensweg nicht der katholischen Idealvorstellung entspricht. Hier würde mehr seelsorgerische Fürsorge gut tun - die viele einzelne Priester und Ordensleute praktizieren, die aber nicht den Habitus der Amtskirche prägt.

Papst Franziskus hat diese Sehnsucht vieler gläubiger Menschen erkannt und die Barmherzigkeit zu seinem Programm gemacht: "Die Barmherzigkeit ist die wahre Kraft, die den Menschen vor dem 'Krebsgeschwür' retten kann: dem moralisch Bösen, dem spirituellen Übel." Und im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium heißt es: "Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben." Ich bin Papst Franziskus von Herzen dankbar, dass er in seinen Schriften und in seinen öffentlichen Worten und Taten immer wieder den Kern des christlichen Glaubens, die Liebe und Barmherzigkeit, in den Vordergrund stellt und die Türen der Kirche öffnet für wiederverheiratete Geschiedene und auch für Homosexuelle. Denn Moral ohne Barmherzigkeit ist Moralismus.

"Barmherzigkeit und politische Kultur" ist insofern kein Thema, das nur Politiker angeht. Wir alle prägen die politische Kultur, wenn man darunter ganz allgemein das soziale Miteinander versteht. Wir prägen es mit unserer Art zu urteilen, mit unserem Blick auf andere, mit unserer Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen. Durch uns alle kann Barmherzigkeit Wurzel der Gerechtigkeit, Wegbereiterin für Verständigung und Toleranz und Begleiterin unserer demokratischen Freiheiten sein. Das macht eine humane Gesellschaft aus.

Die wichtigste und kostbarste Ressource dafür ist heute sicherlich - Zeit. Es ist ja oft die Geschwindigkeit unseres Alltags, die uns blind macht für die Bedürfnisse unserer Mitmenschen. Inne zu halten und den Menschen vor uns wirklich zu sehen, braucht Zeit. Zuhören und helfen, braucht Zeit. Verzeihen und versöhnen, braucht Zeit. Gemeinsamkeiten zu finden mit Fremden, braucht Zeit.

Wie wäre es deshalb, wenn wir in der Fastenzeit statt auf Alkohol und Süßigkeiten jeden Tag auf eine viertel Stunde in unseren überfüllten Terminkalendern verzichteten - auf eine viertel Stunde im Büro, auf eine viertel Stunde Sport, auf eine viertel Stunde Shoppen oder Fernsehen. Macht fast zwei Stunden pro Woche, um stehen zu bleiben, wo wir sonst vorüber hasten, weil wir - wie vielleicht auch der Priester und der Levit im Gleichnis - vermeintlich wichtigere Pflichten zu erfüllen haben.

Zeit-fasten in der Fastenzeit - das wäre eine Möglichkeit, Jesu Worte über den barmherzigen Samariter zu erhören: "Geh hin und handle genauso."

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