Hightech-Strategie

Gesund bleiben bei der Wissensarbeit

Die Arbeitswelt verändert sich - weg von körperlicher Arbeit hin zu Wissensarbeit in internationalen Teams. Vorreiter ist die Software-Industrie. Eine geeignete Branche, um die gesundheitlichen Folgen im Rahmen des Zukunftsfeldes "Innovationen der Arbeitswelt" der Hightech-Strategie der Bundesregierung zu untersuchen.

Ein Trainer zeigt einem Mitarbeiter der Wieland-Werke-AG wie er am besten seinen Rücken trainiert.

Wer lange sitzt, braucht körperlichen Ausgleich.

Foto: Wieland-Werke-AG

"Der Krankenstand liegt bei unserer Firma bei zwei Prozent, und das sind Erkältungen oder ein gebrochener Fuß. Dagegen kann man nichts machen kann", sagt Natalie Lotzmann, Leiterin des Gesundheitsmanagements bei SAP. Sie führt diesen im Vergleich zu anderen Unternehmen und Institutionen niedrigen Krankenstand auf verschiedene Gründe zurück. Ein Grund ist die Zusammensetzung der Belegschaft: zu 90 Prozent Akademikerinnen und Akademiker. Weiterhin seien die Arbeitsbedingungen dadurch gekennzeichnet, dass jeder arbeiten kann, wann er will und wann er das für persönlich und sachlich am besten hält.

Hightech-Strategie

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Erst das Vergnügen?

Das Berufsethos der älteren Generation "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen" hält sie für überholt. Da die Arbeit in einem Softwareprojekt niemals zu Ende ist, käme niemand zum Vergnügen. Wer seine Kinder abzuholen und zu versorgen hat, der tut dies und arbeitet später weiter. Wer gern lange schläft, kommt eben später. Die Arbeit in international besetzten Software-Projekten geht ohnehin rund um die Uhr.

Arzt und Patient im Gespräch

Der Betriebsarzt ist selbstverständlich

Foto: Burkhard Peter

Die Gefahr liegt eher bei der Selbstausbeute. Hierauf muss das Gesundheitsmanagement stärker achten als auf schädliche Arbeitsbedingungen. Das Engagement einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihrem Projekt ist teilweise so hoch, dass sie ihre Gesundheit durch zu viel Stress oder die Erreichbarkeit rund um die Uhr gefährden. Sie müssen daher lernen, auch einmal nicht oder nur im äußersten Notfall erreichbar zu sein.

Arbeitsmedizin vor neuen Fragestellungen

Die Fragestellungen für die Arbeitsmedizin haben sich gewandelt. Früher richtete sie sich vor allem auf körperliche Belastungen oder Belastungen durch ungesunde Umgebungsbedingungen wie Lärm, Staub, Gase oder Hitze. Heute spielen bei Computerarbeitsplätzen der Wissensarbeiter die körperlichen Bedingungen auch eine, aber nicht entscheidende Rolle. Das lange Sitzen ist schlecht für den Rücken, der Monitor schlecht für die Augen. Was dagegen zu tun ist, ist Gegenstand arbeitsmedizinischer Untersuchungen des Arbeitsplatzes. Auch Rückenschulungen helfen.

Entscheidend aber sind die psychischen Belastungen und das so genannte "Burnout". Burnout ist nicht als Krankheit anerkannt, jedoch eine Gefahr psychisch zu erkranken. Es gilt als Problem der Lebensbewältigung und ist gekennzeichnet durch körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung. Es ist somit eine Gefahr für Beschäftigte in IT-Berufen, wenn diese durch den äußeren oder innerlich empfundenen Druck an die Grenze ihrer psychischen Gesundheit stoßen.

Rückenschule

In der Gruppe an der Gesundheit arbeiten

Foto: picture alliance / dpa

Beschäftigte befragen

Die Forschung befasst sich in den vom Bundesforschungsministerium unterstützten Projekten Diwa-IT und pinowa mit der Wirkung der neuen Arbeitsanforderungen auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In Interviews erfassten sie die Problemsituationen und leiteten daraus Handlungsempfehlungen für die Betriebe ab, um Gesundheitsgefahren vorzubeugen. Eine wesentliche Empfehlung der Forscher besteht darin, die Gesundheitsvorsorge im Betrieb nicht zu einem Randthema zu erklären, sondern sie zu einem integralen Bestandteil der Unternehmenspolitik und Organisationsentwicklung zu machen.

Zunächst gilt es, die Arbeit in den Teams so zu verbessern, dass sich Stresssituationen besser bewältigen lassen. So werden neue Ansätze der Teamarbeit, die ohnehin die Arbeit in der IT-Branche verändern, angereichert durch Fragen der Gesundheitsvorsorge. Es fanden Schulungen statt sowie die Erarbeitung eines Arbeitskonzepts unter wissenschaftlicher Begleitung.

Aufgabe für die Führung

Ein zweiter Aspekt ist es, die Gesundheitsvorsorge auch zum Thema für die Führungseben zu machen. Zu diesem Zweck fanden bei SAP beispielsweise Workshops zu unterschiedlichen Teilfragen statt.

Unternehmensgespräch

Die Vorgesetzten können einen Beitrag zur Gesundheit leisten.

Foto: Ulf Dieter

Schließlich spielen Beratungsangebote eine zunehmende Rolle. Berater können externe Fachleute sein, ebenso speziell geschulte Beschäftige und Führungskräfte des Unternehmens.

SAP unterscheidet in seinem Gesundheitsmanagement drei Stufen. Auf der ersten Stufe stehen die ohnehin gesetzlich geregelten Maßnahmen, wie ein Betriebsarzt, Kontrollen von Sicherheit und allgemeinen Arbeitsbedingungen. Die zweite Stufe umfasst Sportangebote, Rückenschule, Raucherentwöhnung und ergonomische Arbeitsplatzanalysen.

Dritte Stufe der Vorsorge

Bisher für die meisten Betriebe nicht selbstverständlich sind die Maßnahmen der dritten Stufe. Hier gibt es bei SAP zahlreiche Angebote. Dazu gehören Gespräche mit dem Betriebsarzt, dem Psychologen aber auch mit dem Vorgesetzten. Darüber hinaus führt das Unternehmen regelmäßig Befragungen nach Zufriedenheit, Arbeitsbedingungen und Problemen durch. Die Rücklaufquote liegt bei beachtlichen 85 Prozent. Dies zeigt, dass der Befragung vertraut wird und die Erwartung besteht, dass sich die Resultate positiv auswirken.

Natalie Lotzmann macht aber auch deutlich, dass jeder für seine Gesundheit selbst verantwortlich ist. Alle betrieblichen Angebote können natürlich freiwillig in Anspruch genommen werden. Die Verpflichtung des Unternehmens bestehe jedoch darin, den Mitarbeitern die Wertschätzung zu zeigen. Menschen, die sich geschätzt, anerkennend und mit Respekt behandelt fühlen seien weniger krank, motivierter und engagierter. "Und dann haben wir die klassische Win-Win-Situation", sagt sie.

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