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Freitag, 20. August 2010

Hightech-Strategie

Dem Krebs auf der Spur

Krebs ist eine der Volkskrankheiten, die im Mittelpunkt der Forschung stehen. Neueste Erkenntnisse lassen hoffen, den Krebs langfristig zu besiegen. Kurzfristig sollen die Früherkennung und Vorbeugung verbessert werden.

Lehrlinge bei der Ausbildung zum Bio - LaborantenBild vergrößern Früherkennung ist besonders wichtig Foto: Grabowsky/photothek.net

"Seien Sie bloß vorsichtig, wenn Sie mit einer Krebserkrankung in die Hände eines Chirurgen gelangen", warnte mich mein Hausarzt vor einigen Jahren. "Die operieren gleich, auch wenn es andere Möglichkeiten gibt!" Dieses Vorurteil gehört hoffentlich der Vergangenheit an. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist gerade bei dieser Krankheit zur Selbstverständlichkeit geworden.

Fachrichtungen bündeln

Am Universitätsklinikum Ulm ist die enge Kooperation verschiedener Fachrichtungen jedenfalls gang und gäbe. Und nicht nur hier. Schon bald wird es flächendeckend so genannte CCCs geben. Die ungewöhnliche Abkürzung steht für den englischen Begriff „Comprehensive Cancer Center“, übersetzt etwa „übergreifendes Krebszentrum“. Gemeint ist eine Organisationseinheit des Krankenhauses, die das Wissen der verschiedenen Fachgebiete bündelt.

In Ulm hat sich das CCC zum Ziel gesetzt, die Versorgung von Krebserkrankungen im Einzugsgebiet zwischen Bodensee und Aalen noch weiter zu verbessern. Ein Kernstück der Einrichtung sind regelmäßige Expertentreffen verschiedener Fachrichtungen. So sind in der Runde immer die Innere Medizin, Chirurgie, Radiologie und die Pathologie vertreten. Hinzu kommen die Schmerzmedizin, das Institut für Experimentelle Tumorforschung sowie das Brust- und Darmzentrum. Die Fachleute erörtern Diagnosen und Therapiepläne für alle Tumorfälle. Vorteil für die Patientinnen und Patienten: Sie müssen nicht verschiedene Spezialisten aufsuchen.

Dabei arbeitet das CCC eng mit den niedergelassenen Ärzten und einer medizinisch-onkologischen Tagesklinik zusammen, um Therapien ambulant durchzuführen. Gleichzeitig pflegt das Centrum eine enge Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. So trägt jeder neue Fall zu Fortschritten der Forschung bei.

Und die Fortschritte der vergangenen Jahre sind gewaltig. Auch wenn niemand weiß, ob es eines Tages tatsächlich gelingen wird, diese Krankheit völlig zu besiegen. Professor Otmar Wiestler, Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, verweist darauf, dass inzwischen fast die Hälfte aller Patienten dauerhaft geheilt wird. Vor 20 Jahren waren es noch lediglich 25 Prozent.

Prof. Dr. Otmar D. Wiestler, Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg

Interview mit Prof. Dr. Otmar D. Wiestler zu Krebserkrankungen und Krebsforschung

Professor Wiestler, Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, erläutert, was Krebs ist. Er zeigt auf, welche Behandlungserfolge sich in der letzten Zeit durch eine Vielzahl von Forschungserfolgen ergeben haben und wirft einen Blick in die Zukunft.

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Leitlinien für die Behandlung

Natürlich reicht es nicht aus, wenn Fachleute zusammensitzen und die Fälle besprechen. Für eine bessere Vorbeugung, Diagnose, Behandlung und Nachsorge sind konkrete von den medizinischen Fachgesellschaften vereinbarte Leitlinien erforderlich. Solche differenzierten Empfehlungen gibt es bereits für Brust-, Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Für weitere Krebsarbeiten werden Leitlinien vorbereitet.

Ursachen erkennen

Für die Krebstherapie ist es vor allem wichtig zu erkennen, warum sich eine Zelle unkontrolliert vermehrt und auf diese Art Tumoren bildet. Aufschlüsse erwarten sich die Wissenschaftler von der Analyse genetischer Veränderungen von Zellen. Damit ist eine drohende Krebserkrankung unter Umständen schon sehr früh zu erkennen.

LL mcf7 ck3Bild vergrößern Brustkrebszellen Foto: DKFZ-Heidelberg

Vor allem lässt sich anhand der Art der Genveränderung mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen, welche Erfolge mit welcher Therapie möglich sind. Deutschland beteiligt sich deshalb seit Anfang 2010 am Internationalen Krebsgenomprojekt (ICGC), dem weltweit größtem biomedizinischen Großprojekt zur Klärung der molekularen Ursachen von Krebserkrankungen.

Professor Peter Lichter vom Deutschen Krebsforschungszentrum erläutert das am Beispiel Brustkrebs: Es gibt eine gängige Chemotherapie, die allerdings nur bei 20 Prozent aller Fälle sehr erfolgreich ist. Heute gibt man sehr vielen Patientinnen dieses Medikament. Mit Hilfe einer Genanalyse kann die Forschung  jedoch inzwischen mit hoher Treffsicherheit diejenigen Patientinnen herausfiltern, die auf das Medikament nicht ansprechen. Sobald diese Methode flächendeckend eingeführt ist, entfallen viele überflüssige Medikamentengaben.

An der Art der Genveränderung können geübte Krebsärzte zudem ablesen, ob als erstes der Tumor operativ entfernt werden muss. Anschließend folgt traditionell die Chemotherapie, um verbliebene Krebszellen abzutöten und ihre weitere Ausbreitung zu verhindern. Die Genanalyse zeigt, wann die umgekehrte Reihenfolge der Therapien angeraten ist.

Zellen können nicht sterben

Die Wissenschaftler wollen wissen, wie Krebszellen arbeiten und warum erkrankte Zellen – anders als üblich – nicht mehr absterben. Gesunde Körperzellen werden ständig neu gebildet, und die alten sterben ab. Darmzellen etwa leben nur zwei Wochen. Wissenschaftler wie Professor Peter Krammer vom Heidelberger Krebsforschungszentrum sind dabei, diese Mechanismen zu verstehen. Dieses Verständnis könnte entscheidend dazu beitragen, den Krebs zu besiegen.

Laborantin führt eine Genanalyse durch. MÜglichst alt werden will jeder. Beobachtungen an Zwillingen zufolge ist Langlebigkeit zu einem Drittel genetisch bedingt. Aber welche Gene ermÜglichen es den Menschen, steinalt zu werden? Als Gene fŸr Lan....Bild vergrößern Genanalyse hilft bei der Krebstherapie Foto: BMBF/Nationales Genomforschungsnetz (NGFN)

Ein Kilogramm Tumorgewebe, so viel kann durchaus in einem befallenen Organ entstanden sein, besteht aus einer Billion Krebszellen. Ihr Kennzeichen: Sie haben die Funktion zum Absterben verloren und vermehren sich folglich unkontrolliert. Man müsste die Zellen also so umprogrammieren, dass sie sich wieder ganz normal verhalten und absterben. Erste Substanzen, die dieses Umprogrammieren leisten könnten, sind bereits in der klinischen Erprobung.

Impfen gegen Krebs

Die Ursachen für eine Krebserkrankung sind vielfältig. Seit einigen Jahren kennt die Wissenschaft Krebsformen, die von Viren ausgelöst werden. So ist die Infektion mit bestimmten Warzenviren meist die Ursache beim Gebärmutterhalskrebs, der zweithäufigsten bösartigen Tumorform, an der Frauen erkranken. Im Jahr 2006 erkrankten rund 5500 Frauen in Deutschland an diesem Krebs, 1492 starben im gleichen Jahr an der Erkrankung.

Inzwischen ist es gelungen, einen Impfstoff gegen diese Viren zu entwickeln. Das Serum sollte schon bei 12- bis 13-jährigen Mädchen eingesetzt werden. Die Impfung in diesem Alter ist deshalb sinnvoll, weil die Viren vorwiegend beim Geschlechtsverkehr übertragen werden. Haben sie sich erst einmal eingenistet, sind sie nicht mehr zu entfernen. Flächendeckende Impfungen könnten diese Krebsform mittelfristig ganz auslöschen.

Vorbeugen: Lebensgewohnheiten entscheiden mit

Jeder Raucher weiß um sein höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Auch wer sich um der Schönheit willen häufig und intensiv ultravioletter Strahlung aussetzt, im Sonnenstudio oder am Strand, kennt das erhöhte Hautkrebsrisiko. Begünstigen aber Alkoholkonsum, Übergewicht, bestimmte Nahrungsmittel oder Verhaltenweisen ebenfalls das Entstehen von Tumorerkrankungen?

Europaweit tragen 519.000 Menschen zur Klärung solcher Fragen bei. Im Rahmen des Projektes EPIC (European Prospectiv Investigation into Cancer and Nutrition) lassen sie sich seit mehr als anderthalb Jahrzehnten alle zwei Jahre untersuchen und befragen. Die Studie begann 1994. Von Beginn an haben die Forscherinnen und Forscher Blutproben der Probanden eingefroren. Die Befragungen haben unter anderem Aufschluss über die Ernährungsgewohnheiten der Menschen gegeben.

Was nützen diese Daten? Bei einer größeren Stichprobe von Personen mit der gleichen Erkrankung können mit ihrer Hilfe die Krankheitsursachen untersucht werden. So erlauben statistische Analysen etwa festzustellen, ob bestimmte Ernährungsgewohnheiten bei den Erkrankten überproportional häufig sind.

So zeigen erste Ergebnisse, dass der Verzehr von Obst und Gemüse bei Rauchern das Lungenkrebsrisiko vermindert. Wer besonders viel Wurst oder Rind- und Schweinefleisch isst, erkrankt leichter an Darmkrebs. Fisch verringert das Risiko.

Auch in Zukunft wird es entscheidend bleiben, Krebs früh zu erkennen. Dafür sind Vorsorgeuntersuchungen unverzichtbar. Die Ergebnisse von EPIC setzen aber schon vorher an: Je besser wir die Risiken kennen, denen wir uns mit unseren Lebensgewohnheiten aussetzen, desto besser können wir vorbeugen. Wir müssen es nur tun.