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Freitag, 20. August 2010

Hightech-Strategie

Gesundheitsforschung für den Menschen

Wie sehr Forschung unmittelbar dem Menschen dient, wird nirgends so deutlich wie bei der Gesundheitsforschung. Dazu gehören modernste bildgebende Verfahren ebenso wie Überlegungen, wie sich Informationen über den Patienten und seine Krankheit am besten bündeln und auswerten lassen. Der Mensch steht hier wirklich im Zentrum der Wissenschaft.

Zwei Personen testen ein MRT-Gerät Bild vergrößern Der Mensch im Mittelpunkt Foto: Sebastian Bolesch

"Eigentlich muss man sich die Depression vorstellen, als einen Vorgang, wo man nur auf einer Schiene läuft, nämlich auf einer negativen Schiene. Man spricht bei der Depression auch von einer Tunnelfahrt oder einem schwarzen Loch. Das Schwarz könnte man übersetzen mit negativ. Ich bin einfach nicht mehr in der Lage, all das, was als Positives gilt zu erleben, all die Gefühle, die stimulierend sind, die Freude machen, die Lust machen. All das ist weg, nicht mehr da. Ich wusste absolut klar, was mit mir vorgeht. Aber ich war nicht in der Lage, kontrollierend, verändernd, einzugreifen." So schildert der Schweizer Filmemacher Rolf Lissy seine inzwischen überwundene Krankheit.

Forschung und medizinische Versorgung koppeln

Experten gehen davon aus, dass in Deutschland vier Millionen Menschen ernstlich an depressiven Störungen erkrankt sind. Die geschätzte Dunkelziffer ist noch einmal so hoch. Über die unheimlichen psychischen Erkrankungen sprechen die Betroffenen nur ungern. Jeder fünfte dauerhaft depressive Mensch nimmt sich das Leben.

Psychotherapeut im Gespräch mit Patienten. Bild vergrößern Psychotherapie: Wichtiger Teil der Behandlung von Depressionen Foto: BMBF/PT-DLR

Um das öffentliche Bewusstsein für die Krankheit zu schärfen und die medizinische Versorgung zu verbessern, finanziert das Bundesforschungsministerium das "Kompetenznetz Depression, Suizidalität". Forschung und Diagnose sollen dazu beitragen, an Depressionen erkrankte Menschen gezielter versorgen zu können. Und die Selbstmordrate zu senken.

Besonders unheimlich sind Depressionen, weil die Wissenschaft ihre Ursachen nach wie vor nicht kennt. Es gibt sehr wirksame Medikamente. In Verbindung mit Psychotherapie können sie viele Menschen heilen. Wenn Medikamente nicht helfen, kommen Methoden zum Einsatz, die direkt im Gehirn ansetzen. Neuerdings setzen die Mediziner Hoffnungen in die "Tiefe Hirnstimulation". Dabei reizt eine implantierte Elektrode gezielt bestimmte Hirnregionen. Das Verfahren ist noch in der Erprobung.

Die Erforschung einer Krankheit, die Entwicklung wirksamer Medikamente und Therapiemethoden und der dafür erforderlichen Hightech-Anwendungen gehören heute eng mit der Patientenbetreuung zusammen. Technik, die den Menschen dient: Das ist das zentrale Anliegen der vom Bundesforschungsministerium im Zuge der Hightech-Strategie geförderten Gesundheitsforschung.

Prof. Dr. Guido Adler, Prorektor Medizin der Universität Ulm und Vorsitzender des Gesundheitsforschungsrats im Bundesministerium für Bildung und Forschung

Interview mit Prof. Dr. Guido Adler zur Gesundheitsforschung

Professor Adler, Prorektor Medizin der Universität Ulm und Vorsitzender des Gesundheitsforschungsrats im Bundesministerium für Bildung und Forschung, erläutert die Gesundheitsforschung im Rahmen der Hightech-Strategie. Er spricht über Fortschritte der Forschung und der Medizintechnik und wirft einen Blick in die Zukunft.

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Zur Erforschung der Ursachen für Depressionen untersuchen amerikanische Forscher die Erbinformationen von Patientinnen und Patienten. Dabei stehen sie noch ganz am Anfang. Anders als bei anderen Krankheiten: Insbesondere bei den nicht weniger unheimlichen Krebserkrankungen spielt eine Untersuchung der Erbanlagen heute eine wichtige Rolle.

Krebs wird meist mit Unheilbarkeit assoziiert. Über 400.000 Menschen in Deutschland erkranken jährlich neu an dieser Krankheit. Nicht alle Fälle sind hoffnungslos. Berücksichtigt man, dass die Menschen heute deutlich älter werden als noch vor 20 Jahren, ist die Krebssterblichkeit in Deutschland sogar rückläufig.

Verstärkte Vorsorge hat dafür gesorgt, dass Tumoren heute früher entdeckt werden. Auch bei der Heilung hat es enorme Forschritte gegeben: ein Ergebnis der Forschung.

Die Technik spielt in der Krebsforschung und -therapie heute eine kaum zu überschätzende Rolle. Immer größere und leistungsfähigere Geräte gestatten Einblick in den Körper. Immer kleinere Instrumente ersparen den Patientinnen und Patienten Schmerzen und langwierige Heilungsphasen. In der Forschung sind Roboter unverzichtbar geworden.

Techniker vor einem MagnetresonanztomografenBild vergrößern Hightech funktioniert nur mit Ingenieuren Foto: DKFZ-Heidelberg

Im Verbund erhöhen die innovativen Entwicklungen  die Heilungschancen beträchtlich. Dabei ist die Medizintechnik auch ein Wirtschaftsfaktor. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen sind es, die das Feld der Krebsforschung bestimmen.

Dass die Menschen immer älter werden, wirkt sich ebenfalls deutlich auf das Auftreten von Demenzerkrankungen aus. Rund 1,1 Millionen Menschen sind hierzulande an Demenz erkrankt. Bis zum Jahr 2030 dürfte diese Zahl auf etwa 1,7 Millionen steigen. Die bekannteste Form ist die Alzheimer-Krankheit. Betroffen sind vor allem Kurzzeitgedächtnis, Denkvermögen, Sprache und Motorik. Viele Patienten können sich nicht mehr orientieren.

Demenzkranke nicht ausgrenzen

Demenzkranke gehören in die Mitte unserer Gesellschaft. Wir dürfen sie, ihre Angehörigen und die Pflegenden nicht alleine lassen. Der Umgang mit demenzkranken Menschen ist an ihrer Würde auszurichten. Dazu gehört auch eine bedarfsgerechte Versorgung, bei der der Demenzkranke im Mittelpunkt steht. Durch die Reform der Pflegeversicherung wurden die Leistungen für diese Patienten verbessert.

Das Leuchtturmprojekt Demenz des Bundesgesundheitsministeriums zielt in erster Linie darauf, die Versorgung von demenziell erkrankten Menschen zu verbessern.  Um die Forschung zu den Krankheitsursachen zu stärken und zur schnelleren Erkennung und wirkungsvolleren Therapien von Demenz zu kommen, hat das Bundesforschungsministerium kürzlich ein Deutsches Zentrum zu Neurodegenerativen Erkrankungen (DZNE) eingerichtet, das unterschiedliche Forschungsdisziplinen bündelt. Darüber hinaus arbeiten Forscher aus vielen Universitäten und Forschungsinstituten im Krankheitsbezogenen Kompetenznetz Degenerative Demenzen (KNDD) zusammen, um gemeinsam Lösungswege zur Bekämpfung der Demenzerkrankung zu finden. Für dieses große Netzwerk sind über 12 Jahre hinweg insgesamt rund 50 Millionen Euro vorgesehen.

Heilung durch neue Zellen

Bis heute verfügt die Medizin nicht über Heilungsmöglichkeiten für Demenzerkrankungen. Wird die Krankheit jedoch rechtzeitig diagnostiziert, können die Ärzte ihr Fortschreiten in begrenztem Umfang aufhalten. Wie bei der Parkinsonschen Krankheit wird aber auch bei Alzheimer ein großer Teil der Gehirnzellen unwiederbringlich zerstört.

Die große Zukunftsfrage lautet deshalb hier wie auch beim Krebs: Wie lassen sich neue Zellen, neues Gewebe züchten? Das Zauberwort –verbunden mit dem Schreckensszenario vom geklonten Menschen und des ethisch fragwürdigen Embryonenverbrauchs – lautet: Stammzellen.

Gibt es eine Chance, Alzheimer mit Hilfe neu eingepflanzter Gehirnzellen zu heilen? Kann das Gehirn selbst angeregt werden, neue Zellen zu produzieren? Kann man die Leber aktivieren, neues Gewebe zu bilden, wenn mit einem Tumor ein großer Teil des Organs entfernt wurde? Können Forscher ein neues Organ im Labor züchten und es dann implantieren? All diese Fragen sind noch weitgehend ungeklärt und werden teilweise heftig und kontrovers diskutiert. Erste Erfolge lassen aber hoffen.