Freitag, 20. August 2010
Hightech-Strategie
Energie: Grundlage unseres Lebens
Unsere Arbeit, unsere Freizeit, unsere Mobilität hängen von Energie ab: unser ganzes Leben. Der Energiehunger der hochtechnisierten Staaten ist immens. Bislang decken wir ihn vor allem mittels fossiler Energieträger wie Kohle, Erdgas und Erdöl. Doch die sind begrenzt, und ihre Verbrennung ist schädlich für das Klima des Planeten.
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Gaskraftwerk: Flexibel in der Versorgung
Foto: RWE
Wie viele Big Mac braucht eigentlich ein Motorrad auf 100 Kilometer? Eine blöde Frage? Keineswegs, denn Lebensmittel sind lebensnotwendige Energiespeicher des Menschen. Wir wandeln unsere Nahrung in Energie um. Drei Big Mac und eine Cola enthalten genügend Energie für einen Tag. So bescheiden ist unser Körper, so gering sein Energiebedarf. Weitaus weniger bescheiden ist dagegen die Technik, die uns umgibt. Ein Motorrad braucht die Energie von 56 Big Mac – und zwar alle 100 Kilometer.
Für Professor Eberhard Umbach vom Forschungszentrum Karlsruhe steht hinter der Energieversorgung und der Energieforschung ein vielschichtiges Problem. Es umfasst die Erzeugung von elektrischem Strom ebenso wie Treibstoffe für unsere Fahrzeuge und die Wärmeproduktion fürs Heizen.
Elektrische Energie ist die Basis unserer Versorgung. Produziert wird sie in riesigen Kraftwerken, die fossile Brennstoffe oder Kernenergie nutzen. Neue Forschungsergebnisse sollen dazu beitragen, die Energieumwandlung effizienter und klimaschonender zu machen.
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Windenergie: nicht immer verfügbar
Foto: RWE Imagebank
Der Aufwand, der nötig ist, um Kohlendioxid abzuscheiden und unterirdisch zu speichern, ist gewaltig, aber wohl unabdingbar. In der politischen Diskussion heißt es mitunter schon, das Problem bestünde gar nicht, wenn wir unsere Energie allein aus Sonnenenergie, Wind- und Wasserkraft, Erdwärme und Biomasse gewinnen würden. Tatsächlich nimmt Deutschland bei der Nutzung erneuerbarer Energien inzwischen eine Spitzenstellung ein. Aber auch auf diesem Gebiet gibt es noch viel zu forschen.
Problem Energiespeicherung
Neben allen Vorteilen der erneuerbaren Energien bleibt ein wesentlicher Nachteil: Die erzeugte elektrische Energie wird nicht immer zu dem Zeitpunkt benötigt, in dem sie entsteht. Umgekehrt steht sie nicht zuverlässig dann zur Verfügung, wenn sie gebraucht wird.
Strom aus Sonnenenergie steht reichlich zur Verfügung, wenn die Sonne scheint. Genau dann brauchen die Menschen jedoch wenig Strom für Heizung und Beleuchtung. Wenn am frühen Morgen ein starker Wind weht, nützt der Strom nur den wenigen Frühaufstehern. Ein wichtiges und bisher kaum gelöstes Problem für die Forschung ist deshalb die Speicherung von Energie.
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Pumpspeicher-Kraftwerk Goldisthal
Foto: Vattenfall
Pumpspeicherwerke sind eine Möglichkeit zur Lösung dieses Problems. Sie nutzen überschüssigen Strom, um Wasser in einen höher gelegenen See zu pumpen. Wird später wieder mehr Energie benötigt, fließt das Wasser durch eine Turbine zurück ins Tal und erzeugt elektrische Energie.
Es liegt auf der Hand, dass für solche Anlagen in Deutschland begrenzt ausreichende Plätze vorhanden sind. Eine Alternative sind Druckluftspeicher. Hier wird mit überschüssiger Energie Luft in unterirdische Speicher gepresst, etwa in Höhlen von Salzstöcken. Bei Bedarf betreibt die Druckluft dann einen Stromgenerator und erzeugt so wieder Strom.
Eine besondere Bedeutung, aber nach wie vor einen ebenso großen Forschungsbedarf, haben elektrochemische Speicher. Zu Deutsch: Batterien. Ihr besonderer Vorteil liegt darin, dass sie sich in ganz unterschiedlichen Größen herstellen lassen und daher auch in kleinen Geräten Platz finden. Allerdings ist ihre Leistungsfähigkeit begrenzt, etwa wenn es um den Antrieb eines Autos geht. Noch immer sind auch neueste Batteriegenerationen zu schwer, um sie wirtschaftlich und mit der erforderlichen Reichweite in Fahrzeuge einzubauen.
Große Hoffnung setzen Wirtschaft und Wissenschaft daher auf Wasserstoff als Energieträger. In Brennstoffzellen reagiert Wasserstoff mit Luft, wobei neben Strom nur Wasser als Abgas entsteht. Denkbar wäre die Wasserstofferzeugung mit Sonnenenergie in Ländern, in denen diese überreichlich zur Verfügung steht. Zu lösen sind dann aber noch Transport- und Speicherprobleme.
So zeigt sich deutlich, wie jede neue Entwicklung auch ihre Schattenseiten hat. Unlösbar? Eigentlich nicht, denn wir hätten eigentlich zuerst davon sprechen müssen, welche Möglichkeit wir haben, Energie zu sparen.
Zukunftsvision Fusionskraftwerke
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Spule für Fusionsreaktor Iter wird mehr als dreimal so groß
Foto: Forschungszentrum Karlsruhe
Schauen wir schließlich ganz weit in die Zukunft. Wissenschaft und Wirtschaft erhoffen sich die Lösung der Rohstoff- und Umweltproblematik von Fusionskraftwerken. In einem Fusionskraftwerk entsteht Energie so wie auf der Sonne: durch die Verschmelzung von Atomen zu Helium. Dabei werden als Brennstoffe lediglich Deuterium und Tritium benötigt. Und die stehen unbegrenzt zur Verfügung.
Walter Fietz vom Institut für Technische Physik beim Forschungszentrum Karlsruhe macht das ganz drastisch deutlich. Er stellt zwei Mineralwasserflaschen und einige Steine auf den Tisch. „Das reicht als Brennstoff für ein Jahr aus,“ erläutert er. Hier entstehen weder große Mengen Jahrtausende lang strahlender radioaktiver Abfälle, noch kommt es zu einer Umweltbelastung durch Kohlendioxid.
Um diesen Prozess in Gang zu setzen, braucht es zunächst eine Temperatur von 100 Millionen Grad Celsius: ein Vielfaches der Hitze im Sonneninneren. Erst bei dieser Temperatur zündet der Fusionsprozess.
Es liegt auf der Hand, dass es kein Material auf der Welt gibt, in dem sich eine derart hohe Temperatur halten ließe, ohne dass es verdampfen würde. Die Lösung bieten extrem starke Magnetfelder, die die Minisonne auf Distanz halten. Die dabei zu lösenden wissenschaftlichen und technischen Probleme lassen ein wirtschaftlich nutzbares Kraftwerk jedoch frühestens in einigen Jahrzehnten erwarten.
Entscheidend dabei auch ein Problem, dem sich Forscherinnen und Forscher in Karlsruhe widmen: der Supraleitfähigkeit. Kühlt man einen Stromleiter auf extrem niedrige Temperaturen ab - nur wenige Grade über dem absoluten Nullpunkt -, so besitzen sie keinen Stromwiderstand mehr. Nur mit dieser Technik sind Magnete effizient genug, so dass sie bei künftigen Fusionsmaschinen eingesetzt werden können. Das Kühlen der Leiter auf diese Temperaturen etwa mit flüssigem Helium kostet zwar Energie, aber sehr viel weniger als Magnete mit herkömmlichen Stromleitern.
Extreme Hitze und Kälte für unbegrenzte Energieversorgung
An einer Pilotanlage, die in Südfrankreich entstehen soll, arbeiten Forscher aus Europa, den USA, Russland, Japan, Indien, China und Korea im Projekt Iter zusammen. Iter ist lateinisch und heißt „der Weg“. Mehrere Milliarden Euro fließen in den Reaktor, der etwa zehnmal mehr Energie erzeugen soll, als er verbraucht. Langfristig erwarten Fachleute, dass ein Fusionsreaktor noch wesentlich mehr Energie erzeugen wird, als er selbst benötigt.
Fietz ist überzeugt, dass die komplizierten technischen Prozesse beherrschbar sein werden. Für viel schwieriger hält er die Abstimmung zwischen den vielen beteiligten Staaten. Noch ist die Entwicklung der Technik auf staatliche Finanzierung angewiesen, da die Investitionen immens hoch sind. Zudem wird es noch sehr lange dauern, bis ein derartiges Kraftwerk wirtschaftlich nutzbar ist.
Noch wissen wir also nicht, ob die Kernfusion eines Tages alle mit der Energieversorgung zusammenhängenden Rohstoff- und Umweltprobleme auf einen Schlag lösen wird.
So bleibt es dabei: Wir müssen die eingeschlagenen Wege zu Energieeinsparung, effizienten Kraftwerken und erneuerbaren Energien intensiv weiter verfolgen. Noch für lange Zeit dürfte der Bedarf nach intensiver Forschungsförderung also fortbestehen. Gleich mehrere Bundesministerien sorgen dafür, dass ihm entsprochen wird.

