Kernkraft
Kernkraft – ein Auslaufmodell: Wie schaffen wir den Ausstieg? Wie geschieht die Stilllegung alter Kernkraftwerke? Was ändert sich dadurch auf dem internationalen Energiemarkt.
- Kernkraft gibt es seit rund 50 Jahren in Deutschland. Warum aus der Kernenergie bis 2022 komplett aussteigen?
- Welchen Sinn hat es, die deutschen Kernkraftwerke abzuschalten, wenn unsere Nachbarstaaten weiter Atomstrom produzieren?
- Welche Auswirkungen hat der deutsche Atomausstieg auf die europäische Energieversorgung?
- Bleibt die Energieversorgung trotz Atomausstieg sichergestellt? Wie wird Deutschland die Kernkraft ersetzen?
- Könnte der Ausstieg nicht noch schneller gehen?
- Wird Deutschland auf andere Staaten einwirken, ebenfalls aus der Kernenergie auszusteigen?
- Wie ist zu verhindern, dass Deutschland in Zukunft Strom von Kernkraftwerken aus dem Ausland importiert?
- Begibt sich Deutschland mit dem Atomausstieg nicht international auf einen "Sonderweg"? Kann es überhaupt noch mitreden, wenn es international um höhere Sicherheitsstandards in Kernkraftwerken geht?
- Verliert Deutschland mit dem Ausstieg aus der Kernenergie nicht Kompetenz und Marktanteile auf dem internationalen Energiemarkt?
- Können wir die deutschen Klimaschutzziele trotz des Atomausstiegs erreichen?
- Wie geschieht der Rückbau der Kernkraftwerke? Und wer zahlt dafür?
- Welche Kosten sind mit dem schnelleren Ausstieg aus der Kernenergie verbunden?
- Wann haben wir ein Endlager für Abfälle aus den Kernkraftwerken?
Kernkraft gibt es seit rund 50 Jahren in Deutschland. Warum aus der Kernenergie bis 2022 komplett aussteigen?
Deutschland hat 2011 den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie bis spätestens 2022 beschlossen. Entscheidend dafür war eine Neubewertung der Risiken: Die nukleare Katastrophe im japanischen Fukushima machte deutlich, dass es unabsehbare Restrisiken gibt. Die von der Bundesregierung eingesetzte Ethikkommission "Sichere Energieversorgung" kam zum Ergebnis, dass sich die Kernkraft durch risikoärmere Technologien ökologisch, wirtschaftlich und sozial verträglich ersetzen lässt.
Welchen Sinn hat es, die deutschen Kernkraftwerke abzuschalten, wenn unsere Nachbarstaaten weiter Atomstrom produzieren?
Deutschland legt seit jeher großen Wert auf eine eigenständige und sichere Energieversorgung und ist damit bislang auch sehr gut gefahren. Das steht in keinem Widerspruch zur Einbindung in den Europäischen Binnenmarkt und zum Energiehandel mit unseren Nachbarn. Ein solch großer Markt hat unvergleichlich viele Vorteile für die Preise, die Versorgungssicherheit, stabile Netze, den Ausbau erneuerbarer Energien und die Verbreitung von Effizienztechniken.
Jedes Land hat im europäischen Konzert das Recht, über die Form seiner Energieversorgung selbst zu entscheiden. Die Rolle Deutschlands wird in Zukunft darin liegen, mit der Energiewende Alternativen zur Kernenergie und den fossilen Energieträger aufzuzeigen und so zur Nachahmung anzuregen.
Welche Auswirkungen hat der deutsche Atomausstieg auf die europäische Energieversorgung?
Deutschland hat auch in Zukunft den Anspruch, die notwendigen Kapazitäten vorzuhalten, um seinen Strombedarf vollständig selbst zu decken. Unabhängig davon befindet sich Deutschland im Zentrum des EU-Binnenmarkts, in dem der grenzüberschreitende Handel mit Strom zum Alltag gehört.
Bleibt die Energieversorgung trotz Atomausstieg sichergestellt? Wie wird Deutschland die Kernkraft ersetzen?
Die Stromversorgung in Deutschland speist sich aus verschiedenen Quellen: aus Kohle und Erdgas, Mineralöl, Kernkraft und aus den unterschiedlichen erneuerbaren Energien. Für den notwendigen Strom konnten die Kapazitäten der acht bereits stillgelegten Kernkraftwerke durch bestehende Reserven ersetzt werden. Die verbleibenden neun Kernkraftwerke werden in den nächsten Jahren nach und nach durch den Zuwachs der erneuerbaren Energien, die bereits im Bau befindlichen fossilen Kraftwerke, Lastmanagement, Stromspeicher und zusätzliche hocheffiziente und flexible Gaskraftwerke (Kraft-Wärme-Kopplung, Gas-und-Dampf-Kraftwerke, Gasturbinen) ersetzt.
Der Ausstieg aus der Kernkraft bedeutet einen grundlegenden Wandel des Energiesystems in Deutschland. Daran müssen alle mitwirken. Die nötigen rechtlichen Maßnahmen sind auf den Weg gebracht. Entscheidend ist aber auch, dass die Bevölkerung die Veränderungen akzeptiert: neue Stromleitungen, neue konventionelle Kraftwerke und den Ausbau der erneuerbaren Energien. Darüber hinaus sind alle gefordert, so sparsam wie möglich mit Energie umzugehen.
Sparen wir mehr Energie ein, verringert sich der Bedarf für den Zubau an neuen Kraftwerken entsprechend und der Anteil der erneuerbaren Energien nimmt automatisch zu. Langfristig wird ein überwiegend auf erneuerbaren Energien basierendes Stromsystem die Versorgung sichern.
Könnte der Ausstieg nicht noch schneller gehen?
Die unabhängige Reaktorsicherheitskommission und die Ethikkommission haben geprüft, wie schnell wir aus der Kernkraft aussteigen können. Ergebnis: Der Ausstieg ist innerhalb eines Jahrzehnts möglich. Wir werden spätestens bis Ende 2022 auf die Kernkraft verzichten. Damit gibt es in Deutschland erstmals ein festes und verbindliches Datum für den Ausstieg, das durch einen breiten gesellschaftlichen Konsens getragen wird.
Mit dem Energiekonzept der Bundesregierung unternehmen wir erhebliche Anstrengungen beim Ausbau der erneuerbaren Energien, dem Ausbau der Netz- und Speicherkapazitäten, der Intensivierung der Gebäudesanierung, der Verbesserung der Energieeffizienz und der Bereitstellung zusätzlicher Kraftwerkskapazitäten. Dennoch ist ein vollständiger Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität faktisch vor dem Jahr 2022 nicht möglich.
Wird Deutschland auf andere Staaten einwirken, ebenfalls aus der Kernenergie auszusteigen?
Jedes Land entscheidet selbst über seine Energieversorgung. Doch international gibt es ein großes Interesse an der Energiewende in Deutschland.
Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern eine intensive Debatte ausgelöst. Italien zum Beispiel hat sich 2011 gegen den Wiedereinstieg in die Atomkraft entschieden. Japan will trotz seiner Armut an fossilen Brennstoffvorkommen bis zum Jahre 2040 schrittweise aussteigen.
Auch innerhalb der Europäischen Union hat nach Fukushima ein Diskussionsprozess zur Sicherheit der Kernkraftwerke begonnen. Auf die Durchführung von EU-weiten Stresstests schließt jetzt eine Phase an, in der die Mitgliedstaaten bis Ende 2012 nationale Aktionspläne erstellen.
Wie ist zu verhindern, dass Deutschland in Zukunft Strom von Kernkraftwerken aus dem Ausland importiert?
Im- und Exporte wird es weiterhin geben, denn Deutschland ist Teil des europäischen Strom-Binnenmarkts. Innerhalb von Deutschland genießt Strom aus erneuerbaren Energien einen Einspeisevorrang.
Begibt sich Deutschland mit dem Atomausstieg nicht international auf einen "Sonderweg"? Kann es überhaupt noch mitreden, wenn es international um höhere Sicherheitsstandards in Kernkraftwerken geht?
Die Bundesregierung respektiert es, wenn sich andere Staaten für eine weitere Nutzung der Kernenergie entscheiden. In jedem Fall ist es notwendig, Risiken umfassend zu analysieren und bestmöglich zu kontrollieren. Deutschland wird sich daher weiter in nuklearer Sicherheitsforschung engagieren und seine Erfahrungen und Kompetenz international einbringen, damit Unfälle verhindert werden.
Deutschland setzt mit der Energiewende Maßstäbe – in der EU und weltweit. Viele Länder folgen unserem Vorbild und stellen ihre Kernkraftwerke auf den Prüfstand.
Verliert Deutschland mit dem Ausstieg aus der Kernenergie nicht Kompetenz und Marktanteile auf dem internationalen Energiemarkt?
Der Export zeigt die Vorreiterrolle Deutschlands in puncto Energie: Mit einem Welthandelsanteil von 15,4 Prozent nimmt Deutschland einen Spitzenplatz bei der Ausfuhr von Umweltschutzgütern ein. Sowohl der Ausbau erneuerbarer Energien als auch die Steigerung der Energieeffizienz führen zur Entwicklung neuer Produkte, neuer Technologien und neuer Exportmöglichkeiten.
Deutsche Unternehmen sind in diesen Bereichen heute bereits erfolgreich. Sie haben beachtliche Wachstumschancen. Schon heute beschäftigt die Branche der erneuerbaren Energien rund 380.000 Menschen. Bis 2030 kann sich die Beschäftigung auf mehr als eine halbe Million weiter erhöhen. Das ist abhängig insbesondere von der Entwicklung der Energiepreise sowie den Exporterfolgen der Branche der erneuerbaren Energien. Ein weiterer Vorteil: Je mehr Strom und Wärme aus eigenen Quellen kommt, desto weniger Einfuhren von Öl und Erdgas benötigen wir. Insgesamt spart Deutschland schon jetzt jährlich 5,8 Milliarden Euro und ist auf der sicheren Seite, sollten die Rohstoff-Preise explodieren.
Können wir die deutschen Klimaschutzziele trotz des Atomausstiegs erreichen?
Ein Ausstieg aus der Kernkraft und der gleichzeitige Klimaschutz sind ambitioniert, aber zu schaffen. Durch das europäische Emissionshandelssystem wird der Ausstoß europaweit gedeckelt, so dass sich der Ausstieg aus der Kernenergie insgesamt nicht negativ auf den Klimawandel auswirkt.
Da der Anteil der erneuerbaren Energien wächst und Energie immer effizienter eingesetzt wird, sanken 2011 die CO2-Emissionen in Deutschland. Und das, obwohl zum Teil vermehrt Kohlekraftwerke eingesetzt werden mussten, um ausreichend Strom zur Verfügung zu stellen. Die Emissionen lagen in 2011 um 26,5 Prozent unter dem Wert des Referenzjahrs 1990. Damit wurde das Minderungsziel des Kyoto-Protokolls von 21 Prozent erneut deutlich unterschritten.
Werden nach dem Atomausstieg nun Kohle und Gas Energieträger wieder eine größere Rolle für die Energieversorgung spielen?
Die Stromversorgung in Deutschland speist sich aus verschiedenen Quellen: aus Kohle und Erdgas, Mineralöl, Kernkraft und aus den unterschiedlichen erneuerbaren Energien. Vorübergehend werden auch andere konventionelle Energieträger (Kohle und Gas) die Lücke schließen; perspektivisch werden die erneuerbaren Energien dazu in der Lage sein. Die Stromversorgung kann durch den Bau neuer Stromleitungen, neuer hocheffizienter konventioneller Kraftwerke, neuer Pumpspeicherwerke und den Ausbau erneuerbarer Energien gesichert werden.
Bis 2013 werden neue Gas- und Kohlekraftwerke, die bereits im Bau sind, mit einer Leistung von rund 10 Gigawatt ans Netz gehen. Bis 2020 muss noch einmal dieselbe Kraftwerksleistung hinzukommen. Die Novelle des Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetzes ist am 19. Juli 2012 in Kraft getreten. Damit wurden insbesondere die Zuschläge auf Strom aus KWK-Anlagen erhöht, die Unterstützung der Modernisierung von Anlagen und von Wärmenetzen ausgeweitet und die Förderung von Wärmespeichern neu in das Gesetz aufgenommen.
Wie geschieht der Rückbau der Kernkraftwerke? Und wer zahlt dafür?
Der Rückbau eines nicht mehr betriebenen Kernkraftwerks ist Sache des Betreibers. Er entwickelt hierzu zunächst ein Stilllegungskonzept und beantragt eine Genehmigung nach Paragraph 7 Absatz 3 des Atomgesetzes bei der zuständigen atomrechtlichen Landesbehörde. Die Kosten des Rückbaus muss er aus den Rückstellungen tragen, die er während des Betriebs des Kernkraftwerkes angelegt hat. Dazu gehört auch die Entsorgung der bestrahlten Brennelemente und radioaktiven Abfälle einschließlich deren Endlagerung.
Welche Kosten sind mit dem schnelleren Ausstieg aus der Kernenergie verbunden?
Ziel der Energiewende ist es, die Energieversorgung zu sichern und wirtschaftlich sowie umweltverträglich zu gestalten. Denn die Energiepolitik muss sich neuen Herausforderungen stellen: unter anderem dem Klimawandel und der Tatsache, dass die Preise für fossile Energieträger in den vergangenen Jahren angestiegen sind. Dies geht auf die zunehmende Nachfrage aus globalen Wachstumsregionen zurück.
Kosten und Investitionen in eine moderne Energieversorgung und in energieeffiziente Produktionsprozesse fallen unmittelbar an, können sich aber zum Teil in kurzer Zeit amortisieren. Volkswirtschaften, die effizient und innovativ produzieren, können besser im internationalen Wettbewerb bestehen. Das gilt gerade in wirtschaftlich schwächeren Zeiten, so wie Europa sie gegenwärtig durch die Euro-Krise erfährt.
Abschätzungen zu den Kosten der Energiewende sind mit Unsicherheiten behaftet. Nach den von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Szenarienberechnungen liegt das zu erwartende Investitionsvolumen in einer Größenordnung von rund 20 Milliarden Euro jährlich – von heute bis zum Jahr 2050. Andere Einzelschätzungen besagen, dass allein für die Gebäudesanierung Investitionen in Höhe von rund 300 Milliarden Euro nötig sind. Die Übertragungsnetzbetreiber schätzen derzeit den Aufwand für den Trassenausbau bei den Stromautobahnen auf 20 Milliarden Euro.
Jede Investition setzt auch Impulse. Beispiel Wind- und Solaranlagen: Allein im Jahr 2011 wurden 22,9 Milliarden Euro in derartige Anlagen investiert. Das brachte Arbeit und Umsatz für einen Sektor, der weiterhin im Kommen ist. 2011 beschäftigte die Branche 382.000 Menschen und erreichte damit ein neuen Höchststand. Von den Bauaufträgen für die energetische Gebäudesanierung profitieren vor allem örtliche Handwerksbetriebe aus dem Mittelstand. Allein das Gebäudesanierungsprogramm der staatlichen KfW-Bank sichert und schafft jährlich etwa 300.000 Arbeitsplätze. Ein weiterer Vorteil: Je mehr Strom und Wärme aus erneuerbaren Quellen kommen, desto weniger Einfuhren von Öl und Erdgas werden benötigt.
Untersuchungen lassen insgesamt erwarten, dass mit der Umstrukturierung des Energiesystems auch für den Einzelnen Kosten verbunden sind, denen andererseits aber auch Entlastungen in Form von niedrigeren Energiekosten gegenüberstehen.
Wann haben wir ein Endlager für Abfälle aus den Kernkraftwerken?
Die Bundesregierung stellt sich der Verantwortung einer geordneten Endlagerung hochradioaktiven Materials. Sie hat deswegen 2010 das Moratorium aufgehoben, mit dem zehn Jahre lang der Endlagersuche ausgewichen wurde.
Die sichere Entsorgung und Endlagerung radioaktiver Abfälle gehört zu den großen generationsübergreifenden Aufgaben. Deshalb ist es richtig, die hierfür erforderlichen gesetzgeberischen Grundentscheidungen in einem fraktions- und länderübergreifenden Konsens zu erarbeiten. Damit wird verhindert, dass sie durch Wahlen und Regierungswechsel stets erneut in Frage gestellt werden.
Vorgehen:
- Einigung über den Verfahrensrahmen zur Suche eines Endlagers für hochradioaktive Abfälle und Vorlage eines Standortauswahlgesetzes bis Ende 2012.
- Umsetzung der EU-Richtlinie "Nukleare Entsorgung" bis zur Sommerpause 2013 (derzeit läuft die Notifizierung bei der EU-Kommission).
- Vorlage und Verabschiedung (bis Ostern 2013) eines Asse-Gesetzes, um eine Beschleunigung der sicheren Stilllegung der Schachtanlage Asse II zu ermöglichen.
Für die Stilllegung und den Rückbau der Kernkraftwerke werden die notwendigen Maßnahmen ermittelt und erste Gespräche mit den Betroffenen geführt (Masterplan Stilllegung).
