Freitag, 1. Februar 2013
Energiebotschafter
Der Stundenplan zur Energiewende
Pellworm ist nur ein kleiner Fleck im friesischen Meer. Trotzdem hat die Insel einen langen Schatten - bis hin zum Karlsruher St.-Dominikus-Gymnasium.
Ingrid Geschwentner und Siegfried Oesterle
Foto: Judith Affolter
Eine Fortbildung führte dessen Physik- und Chemielehrer, Siegfried Oesterle, 1999 in den hohen Norden. "Auf Pellworm habe ich viele Eindrücke gewonnen, was Erneuerbare Energien anbelangt. Dass diese Energien insgesamt jedoch in Deutschland so zurückhaltend eingesetzt wurden, das war für mich ein wichtiger Ausgangspunkt", erzählt der Mittfünfziger. Nach Karlsruhe zurückgekehrt, fiel ihm in der Schule auf, dass die Heizung nicht richtig funktionierte, weil sie nicht richtig bedient wurde. "Das war dann der Punkt, an dem wir gesagt haben, da muss man was tun."
Seitdem hat der Studiendirektor als Umweltbeauftragter zusammen mit einer Kollegin die Beschäftigung mit Umwelt und Energie zu einem der Markenzeichen des Gymnasiums gemacht. Kräftig unterstützt von Schuldirektorin Ingrid Geschwentner, die 1999 die Schule mit 700 Mädchen und rund 60 Lehrern übernahm: "Ich habe gesehen, was hier für Kräfte schlummern", sagt sie, "und beschlossen, diese zu nutzen".
Umwelt vom Dach bis in den Keller
Heute wählt jede Klasse Jahr für Jahr aus den eigenen Reihen zwei Umwelt- beziehungsweise Energiemanagerinnen. Die passen auf, dass zum Beispiel die Heizventile im Klassenzimmer richtig eingestellt sind, dass richtig gelüftet wird, der Abfall korrekt entsorgt wird und die Lichter nach dem Unterricht aus sind.
"Wichtig ist, dass man sich kümmert", sagt Oesterle über die Energiemanagerinnen. Die Mädchen würden mit dem Amt nicht alleine gelassen. Zu Beginn des neuen Schuljahres erhalten sie eine konkrete Einweisung in ihre Aufgaben. Um Erfahrungen und mögliche Probleme zu besprechen, folgen ein, zwei weitere Sitzungen im Laufe des Schuljahres. Am Schuljahresende bescheinigt ein Beiblatt zum Zeugnis das Engagement.
Dass die Schülerinnen im Schulgebäude direkt und praktisch Umwelt-Verantwortung übernehmen, ist nur eine Facette. Außerdem hat das Gymnasium eine Umwelt-AG eingerichtet. Es gibt Umwelt-Projekte, Umweltaktionstage, Seminarkurse und Schwerpunktstunden etwa zum "Ökoaudit". Auch die Teilnahme an Schülerwettbewerben auf dem Gebiet von Umwelt, Energie oder Nachhaltigkeit gehört zum Standardrepertoire des Gymnasiums im Zentrum der badischen Stadt.
Es ist nur konsequent, dass Umwelt und Energie nicht nur in den dafür typischen Fächern behandelt werden, etwa in dem 2007 landesweit eingeführten Fach "Naturwissenschaft und Technik". Auch zum Beispiel in Deutsch, Kunst, Chemie, Religion steht das Themenfeld auf der Tagesordnung.
Eigener Strom – klimabewusstes Reisen
Eine riesige Solaranlage auf dem Dach sorgt seit 2011 dafür, dass sich die Schule nahezu komplett aus Eigenstrom versorgen kann. Sie löste eine Drei-Kilowatt-Anlage ab, die die Schule 2000 mit dem Konzept der Energiemanagerinnen bei einem Wettbewerb gewonnen hatte. Der sonst benötigte Strom kommt aus der Wasserkraft.
Für Ausflüge und Fahrten kaufen die Klassen nach Möglichkeit klimaneutrale Bahntickets. Seine sonstigen Kohlendioxid-Emissionen, die durch Reisen und Ausflüge entstehen, gleicht das Gymnasium aus, indem es klimaneutrale Projekte fördert. Vor zwei, drei Jahren startete eine Fenstersanierung in allen Räumen.
Hans lernt von Hänschen
Für die Schuldirektorin wie für den Fachlehrer ist der Bezug zwischen Schulbank und Energiewende ganz eng: "Bildung ist die Vorbedingung, um all diese Probleme zu lösen." Aber beim Thema "Umwelt und Energie" können sich auch die Erwachsenen etwas von den Schülerinnen abgucken. Schuldirektorin Geschwentner beeindruckt "die Unbefangenheit, mit der Kinder an diese Dinge herangehen und Gewohnheiten, über die man gar nicht mehr nachdenkt, hinterfragen".
Das Lernen in umgekehrter Richtung betrifft nicht nur die Lehrer. Die Kinder tragen, zumeist begeistert von der Sache, das Gelernte auch nach Hause. Immer wieder, so Geschwentner, berichten Eltern von Fragen ihrer Töchter: ob das Duschwasser denn so heiß sein müsse. Und der Laptop kann durchaus vom Stromnetz genommen werden, bevor die Familie in den Urlaub startet.
Von der EU zertifiziert
Ingrid Geschwentner freut sich immer wieder, wenn ihre Schülerinnen einen Wettbewerb gewinnen. Den größten Stolz empfindet sie jedoch für das Zertifikat zum EU-Ökoaudit (EMAS), das seit 2004 im Treppenhaus hängt. Es bescheinigt ein nachhaltiges Umweltmanagement. Auch hier war es maßgeblich Kollege Oesterle, der die Idee hatte, sich für das europäische Umweltsiegel zu bewerben und das aufwändige Verfahren zu stemmen.
An dessen Anfang steht eine Bestandsaufnahme, anschließend müssen anspruchsvolle Ziele bestimmt und zu einem Programm formuliert werden. Wenn das erst einmal steht, muss jeder EMAS-Träger regelmäßig eine neue Umwelterklärung abgeben. Spätestens alle drei Jahre kommt ein Gutachter.
Das Gütesiegel immer wieder zu verteidigen ist für eine Schule neben dem Unterrichtsbetrieb ein Kraftakt, birgt aber aus Sicht der Direktorin auch das größte Potenzial: "Wir erwirken Nachhaltigkeit nur, wenn wir dran bleiben."
Und das Lieblingsprojekt von Siegfried Oesterle? Einzelne Dinge vermag er nicht hervorzuheben. Seine Antwort – ganz der Lehrer: "Dass die Schülerinnen etwas lernen, das ist das Wichtigste."
