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Montag, 25. Februar 2013

Energiebotschafter

Wärme für Bollewick

450 Rinder – im Leben des Landwirts Henk van der Ham sind sie ein echter Stimmungsfaktor. Geht es ihnen gut, ist auch er glücklich. Der Niederländer im mecklenburgischen Bollewick weiß seine Tiere gut zu nutzen. Neben Milch und Fleisch liefern sie auch Energie.

Familie Hank und Petra van der Ham, Energiebotschafter, auf ihrem Hof Das Ehepaar van der Ham: Die Biogas-Anlage auf ihrem Hof wurde 2011 in Betrieb genommen. Foto: Burkhard Peter

"Als Landwirt denkt man erst mal an Lebensmittel und nicht gleich an Energie. Aber keiner kann mehr ohne Energie, Fernseher muss laufen und so was", erklärt der Landwirt seine Entscheidung, mit einer Biogas-Anlage Strom zu erzeugen. Doch was sollte aus der Wärme werden, die dabei entsteht? Die Vision des Bürgermeisters Bertold Meyer kam da gerade recht: Die 670-Seelen-Gemeinde Bollewick soll "Bio-Energie-Dorf" werden.

Biogasanlage als zweites Standbein

"Man muss in Bewegung bleiben, über eine Weiterentwicklung nachdenken, den Betrieb stabilisieren", sagt van der Hams Ehefrau Petra. Eine Biogas-Anlage als zweites Standbein schien eine gute Lösung.

Die van der Hams sind Bauern mit Leidenschaft – mit Kühen, Feldern, Wiesen und allem was dazu gehört. In den Niederlanden sahen sie keine ausreichende Perspektive für ihren landwirtschaftlichen Betrieb. Nach zweijähriger Suche wurden sie 2004 in Bollewick fündig. Ihre Kinder Matthijs und Joelle wurden noch in den Niederlanden geboren. Rebecca und Ariena-Dianne sind echte Mecklenburgerinnen.

Ja – wir machen mit bei der Energiewende. Wir tun etwas und zwar gemeinsam mit dem Dorf, so sieht es die junge Familie. Die Biogas-Anlage auf ihrem Hof wurde 2011 in Betrieb genommen. Die Gemeinde hat inzwischen in ein Nahwärmenetz investiert: Der Wunsch, auch die Wärme zu nutzen, erfüllte sich.

"Es ist schön, wenn man wieder etwas für die Familie geschaffen hat und dabei noch das ganze Dorf mit einbeziehen kann", so van der Ham. Wärme aus der Biogas-Anlage wird von privaten Abnehmern und in kommunalen Gebäuden genutzt. Ganz besonders auch in dem kulturellen Zentrum von Bollewick und Umgebung, in der "Scheune".

Generationen mit Energie

Im Dorf steht die größte Feldsteinscheune Deutschlands. Sie ist über 130 Jahre alt und energetisch auf dem neuestem Stand. Wo einst Hunderte von Kühen standen und Bauern in kleinen Wohnungen hausten, finden sich heute Läden und Werkstätten. Doch das Wichtigste: Die Scheune liefert Strom. Für das 750 Jahre alte Dorf Bollewick, seine Einwohnerinnen und Einwohner und die Stadt Röbel. Zusammengenommen könnten mit dem Strom der Bollewicker Solar- und Biogasanlagen über 2800 Haushalte versorgt werden.

Die Idee hatte Bürgermeister Meyer – im Dorf aufgewachsen, für das Dorf engagiert und manchmal, so die Leute, ein echter "Mecklenburger Dickschädel". Nachdem die Initiatoren von ihrem Besuch des ersten deutschen Bioenergiedorfes Jühnde berichteten, fasste die Gemeinde 2008 den Beschluss, Bioenergiedorf zu werden. Heute produzieren fast 1000 Quadratmeter Solaranlagen auf dem Scheunendach umweltfreundlichen Strom. So auch über dem Büro des ehrenamtliche Bürgermeisters: "Für uns ist das ein Schritt in Richtung Unabhängigkeit und Ressourcennutzung", sagt Meyer. Hauptamtlich gibt er seine Erfahrungen in der Akademie für Nachhaltige Entwicklung Mecklenburg-Vorpommern weiter und unterstützt andere Regionen eigene Ressourcen zu nutzen.

Den demografischen Wandel leben

Inzwischen hat ein weiterer Landwirt im Dorf eine Biogas-Anlage gebaut. Im Februar geht das Nahwärmenetz mit Wärme aus den zwei Biogas-Anlagen in Betrieb. Dann wird man im Ort nichts mehr von den Gräben sehen, in die 3.400 Meter Leitung verlegt wurden.

54 Häuser sind bis jetzt angeschlossen. Die Zahl wird voraussichtlich steigen, denn das Dorf hat ein neues Projekt: Die "Generationensiedlung 55+" soll älteren Menschen den Rück- oder Umzug nach Bollewick schmackhaft machen. Bereits drei altersgerechte Niedrigenergiehäuser sind fertig. Die Fernwärme dafür stammt aus den Biogas-Anlagen im Dorf. Der Bürgermeister verspricht sich davon, vorhandene Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen.

An weiteren Ideen, die Region lebenswert zu machen, mangelt es der Gemeinde Bollewick nicht. Alle Fäden laufen in der ARGE (Arbeitsgemeinschaft Bioenergie Bollewick) zusammen. Aktuell überlegt man zum Beispiel: Wie könnte die überschüssige Wärme aus den Biogas-Anlagen genutzt werden, die das Dorf, vor allem in den Sommermonaten, nicht verbraucht.

Familie van der Ham hat ebenfalls neue Pläne: Sie wird bald einen Teil der Milch ihrer Kühe im Ort direkt vermarkten. Das Pumpenhaus des Wärmenetzes bietet Platz für eine Infotheke und eine Milch-Zapfanlage für die Dorfbewohner.