Wir waren so frei ... Momentaufnahmen 1989/1990
Der Fall der Mauer im November 1989 gehört zu den glücklichsten Ereignissen der deutschen Geschichte im vergangenen Jahrhundert. Jeder, der dieses Ereignis bewusst erlebt hat, erinnert sich bis heute daran, wo er damals war und was er empfunden hat.
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Jugendliche am 40. Jahrestag der DDR auf dem Alexanderplatz
Foto: Deutsche Kinemathek / Uta Grundmann
In zweifacher Hinsicht war der Fall der Mauer ein Medienereignis, das Journalisten aus aller Welt nach Deutschland und vor allem nach Berlin brachte, und das umgekehrt durch die Medien erheblich beschleunigt worden war. Entsprechend existiert eine Vielzahl von Fernseh- und Pressebildern, die bis heute in immer wieder neuen Zusammenstellungen gedruckt, ausgestellt beziehungsweise gesendet werden. Diese Bilder sind, nicht zuletzt durch die unzähligen Wiederholungen in das gesellschaftliche Gedächtnis eingegangen.
Doch der tatsächliche Reichtum an Bildern und Erinnerungen übersteigt die Zahl der bekannten Medienbilder um ein Vielfaches: In den Monaten nach dem Mauerfall bis zur Deutschen Einheit wurde nahezu jeder, der Gelegenheit dazu hatte und über eine Film- oder Fotokamera verfügte, zum Dokumentaristen, der die Ereignisse und ihre Auswirkungen auf seinen Alltag für das Familienarchiv festhielt.
Deutsche Zeitgeschichte in Bildern
Es sind die unzähligen unbekannten Bilder, gleich ob Schnappschüsse oder ambitionierte Aufnahmen von Amateuren oder professionellen Fotografen oder Filmemachern, um die sich das Projekt „Wir waren so frei ... Momentaufnahmen 1989/1990“ bemüht. In einem 2008 veröffentlichten bundesweiten Presseaufruf und vielen persönlichen Briefen und Gesprächen baten die Deutsche Kinemathek und die Bundeszentrale für politische Bildung um Zusendung privater Filme und Fotos.
Jeder, der die Ereignisse auf Film, Video oder Fotografien festgehalten hat, war angesprochen. Ziel war es, möglichst vielen Zeugen Platz zu bieten, möglichst viel von der bunten Vielfalt der Erinnerungen zu sammeln und vorzustellen. Dabei waren die Bilder von Amateuren und von Profis gleichermaßen willkommen.
Maßgeblich war nur der private Charakter der Bilder – sie sollten ohne einen Auftrag durch Presse oder Fernsehen entstanden sein. Bewusst verzichtet wurde außerdem auf Bilder, die durch Überwachungsmaßnahmen des MfS entstanden sind. Tausende von Fotos und etliche Stunden Filmmaterial wurden bislang für das Projekt aus Schränken, Kisten und Kellern hervorgeholt und der Deutschen Kinemathek übergeben.
Ausstellung im Museum für Film und Fernsehen
Seit dem 1. Mai 2009 werden diese Bilder in der Ausstellung „Wir waren so frei ... Momentaufnahmen 1989/1990“ in den Räumen des Museums für Film und Fernsehen und in einem Internetarchiv unter www.wir-waren-so-frei.de präsentiert.
Für die Ausstellung wurden rund 300 Fotos und etwa 40 Minuten Filmausschnitte ausgewählt. In sechs Kapiteln kann man dort die Entwicklung von der scheinbaren Normalität, die die DDR-Regierung im Frühjahr und Sommer 1989 noch aufrecht zu erhalten suchte, über Protest und Mauerfall bis zur Deutschen Einheit in privaten Bildern verfolgen.
Einen Schwerpunkt bilden die Aufnahmen zur anwachsenden Protestbewegung und zur Flucht aus der DDR. Mutige Fotografen und Filmemacher waren dabei, als der Protest gegen das SED-Regime in der DDR im Laufe des Jahres 1989 immer lauter wurde. Und je mehr Menschen sich auf die Seite der oppositionellen Gruppen stellten, desto häufiger wurden ihre Demonstrationen und Versammlungen auch im Bild festgehalten. Lange bevor die internationalen Medien ihre Aufmerksamkeit diesen Protesten zuwandten.
Private Bilder, internationale Berichterstattung und Dokumentarfilme
Ein weiterer Akzent liegt auf den zahlreichen, bisher weitgehend unbeachteten Bildern, die der Entdeckung des Landes und der Menschen auf der jeweils anderen Seite der Grenze gewidmet sind. Sie zeigen private Begebenheiten wie Familientreffen oder Wiederbegegnungen von Freunden, neue Bekanntschaften oder einfach auf Ausflügen oder Urlaubsreisen gemachte Beobachtungen. Diese Bilder zeigen, wie tief greifend sich das Ende der Teilung auf das Leben der Einzelnen auswirken konnte.
Der private Blick auf die Ereignisse wird ergänzt durch eine vergleichende Zusammenstellung von Ausschnitten aus den Nachrichtensendungen der DDR und der Bundesrepublik vom 9. und 10. November 1989. Eine weitere Perspektive bieten Berichte internationaler Korrespondenten, die für amerikanische, britische, französische und russische Sender aus Berlin berichtet haben. In Interviews, die eigens für die Ausstellung geführt wurden, erinnern sich diese Korrespondenten daran, wie sie die Novembertage 1989 erlebt haben.
Der dritte Teil der Ausstellung zeigt die Sicht deutscher Dokumentarfilmer aus Ost und West auf die Entwicklung von den Kommunalwahlen in der DDR über die Revolution bis zu den Feiern am 3. Oktober 1990. Die Bilder ähneln denen, die von privaten Kameras festgehalten wurden, doch erfahren sie durch Interviews zwischen den Akteuren und den Filmemachern eine zusätzliche Deutung.
Allen drei Teilen der Ausstellung gemeinsam ist, dass sie die Ereignisse im Prozess betrachten, und nicht vom Ende her. Für die Demonstranten in der DDR und die Grenzgänger in der Zeit unmittelbar nach dem Mauerfall war der Ausgang der Entwicklung ungewiss. Dies ist bei jedem Bild spürbar und das ist es, warum die Bilder und Berichte dieser Ausstellung so berührend sind.
Internetarchiv
Während die Ausstellung einen repräsentativen Ausschnitt der Bildersammlung zeigt, sind im gleichnamigen Internetarchiv alle privaten Aufnahmen der Öffentlichkeit zugänglich. Dieses Archiv wird ständig vergrößert und erweist sich bereits jetzt als wertvolles Recherche-Instrument.
Dennoch bleibt noch manche Leerstelle. So wünschen wir uns noch mehr Bilder und Erinnerungen aus den kleineren Städten der ehemaligen DDR. Auch würden wir gern den damals skeptischen oder besorgten Stimmen aus dem In- und Ausland mehr Gesicht und Gehör verschaffen.
Das Projekt „Wir waren so frei ... Momentaufnahmen 1989/1990“ sucht nicht nach einer abschließenden Deutung oder gar nach einem Urteil über die Ereignisse. Statt dessen gibt es den zahlreichen Bildern und Geschichten, den vielfältigen Möglichkeiten der Wahrnehmung Raum. Es gewährt tiefe Einblicke in eine Zeit, in der Dinge möglich waren, die zuvor undenkbar und danach unmöglich waren, vielseitiger und genauer, als die überlieferten Medienbilder es können. So wird unsere Erinnerung weit über den von den Medien festgelegten Bilderkanon hinaus lebendig.
Zur Ausstellung erschien unter dem Titel „Wir waren so frei ... Momentaufnahmen 1989/1990“ ein großzügig bebilderter Begleitband mit vielen Erinnerungen von Zeitzeugen sowie vier Essays.
Autorin: Ulrike Schmiegelt (Projektleiterin „Wir waren so frei ... Momentaufnahmen 1989/1990“)
Ausstellung „Wir waren so frei … Momentaufnahmen 1989/1990“
bis 9. November 2009, Museum für Film und Fernsehen
Filmhaus am Potsdamer Platz
Di – So 10 20 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
Gefördert durch den Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
