Winter adé – Filmische Vorboten der Wende
Die von der Kulturstiftung des Bundes und der Deutschen Kinemathek initiierte Reihe „Winter adé – Filmische Vorboten der Wende“ rückt ein filmhistorisches Kapitel in den Fokus, dem in der Erinnerung an die Friedliche Revolution 1989 besondere Bedeutung zukommt: Fünfzehn abendfüllende Programme präsentieren deutsche und osteuropäische Filme, die im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges entstanden sind – und in denen sich die Ahnung des bevorstehenden, tief greifenden Wandels bereits abzeichnet.
Jeder der Filme hat auf inhaltliche oder formale Weise Grenzen erweitert und durch seine mutige künstlerische Artikulation Veränderungsbedarf eingeklagt. Und fast alle in der Filmreihe „Winter adé“ vertretenen Künstler hatten mit Nachstellungen, Behinderungen und Verboten zu kämpfen. Ihre Filme wurden zensiert und verstümmelt, jahrelang auf Eis gelegt oder der Öffentlichkeit vorenthalten.
Um zu verstehen, warum sich die einzelnen Länder Osteuropas im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges genau so entwickelten, wie sie uns heute als historische Wahrheit begegnen, bieten sich die Ausnahmefilme jener Epoche als ergiebige Untersuchungsobjekte an. In diesen Filmen spiegeln sich Sehnsüchte und Enttäuschungen, vor allem aber die Widersprüche.
Und, wie Brecht meint: „Die Widersprüche sind die Hoffnungen.“ Denn ein geschlossener Block war der Ostblock nie, weder in sozialer noch in politischer oder kultureller Hinsicht. Sowohl innerhalb der einzelnen Länder als auch zwischen den verschiedenen Mitgliedsstaaten des „Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) oder des „Warschauer Pakts“ lagen Unterschiede von teils dramatischen Ausmaßen vor. In der finalen Phase des Realsozialismus hatten sich die Unterschiede eher noch verstärkt als verschliffen. In den Filmen der Regionen zwischen Elbe und Amur – in den „guten“ ebenso wie in den „schlechten“ – spiegeln sich die Widersprüche dieser Entwicklungen.
In dem Lenin zugeschriebenem Diktum vom Kino als dem „wichtigsten aller Künste“ formuliert sich der hohe Stellenwert, der dem bewegten Bild in den mehr oder weniger unter Kreml-Einfluss stehenden, totalitären Systemen eingeräumt wurde. Film war in all diesen Ländern Chefsache; dies ist noch das eindeutig kleinste gemeinsame Vielfache, das im Nachhinein konstatiert werden kann.
Bei genauerer Betrachtung offenbart sich jedoch schnell die differenzierte Handhabe dieser kulturpolitischen Priorität. Wirklich vergleichen im Sinne des Anlegens von ähnlichen Bewertungsmaßstäben lassen sich schon die filmgeschichtlichen Entwicklungen zweier Nachbarländer wie Rumänien und Ungarn nicht. Noch komplizierter gestalten sich tri- oder multilaterale Relationen.
Dennoch bieten gerade filmische Zeugnisse einzigartige Gelegenheit für „Re-Visionen“ im wörtlichen Sinne. Mit einem solchen Wieder-Sehen vergessener Filme können sich hoch differenzierte Einblicke in Zustände offenbaren, die zum Zeitpunkt des Entstehens nicht in ihrer Gänze überschaut werden konnten. Oft sogar losgelöst von rationalen Entscheidungen der Regie, pulsieren in diesen sensitiven Arbeiten unbewusst Veränderungen, die erst Jahre später gesamtgesellschaftlich evident wurden. Während „schlechte“ Filme lediglich vom ohnehin offensichtlichen Scheitern der deklarierten Ansprüche zeugen, künden die guten, innovativen, mutigen, subversiven und deshalb bleibenden Filme von realer Utopie – nämlich von der Integrität schöpferischer Energie, die sich gegen die allgegenwärtige Entmündigung durchzusetzen vermochte.
Mit der vorliegenden Filmreihe bietet sich nun eine Möglichkeit, einen konzentrierten Blick auf bislang nur wenig ausgeleuchtete filmhistorische Phänomene zu werfen. Repräsentanz kann und soll mit diesem ersten Aufriss nicht erreicht werden. Wohl aber können Facetten sichtbar gemacht werden, die sonst im Überangebot medialer Angebote leicht aus dem Blickfeld geraten.
Zu Beginn der 1980er Jahre war es weltpolitisch noch völlig unklar, wie lange die fragile Balance zwischen den Machtblöcken Bestand haben würde. Erst mit dem Amtsantritt Michail Gorbatschows im Jahr 1985 und seiner neuen Politik von Öffnung, Transparenz und Umgestaltung machte sich vorsichtige Hoffnung breit, dass es gelingen könnte, den „gefährlichen und primitiven Zustand des bipolaren Weltmodells“ (György Konrád) zu überwinden. Bis Gyula Horn im Juni 1989 die ungarischen Grenzanlagen zu Österreich demontieren ließ und schließlich in Berlin am 9. November desselben Jahres die Mauer fiel, war es noch ein weiter Weg. Im Rückblick erscheinen diese Entwicklungen folgerichtig. Aus der Perspektive des damaligen Erlebens stellten sich die Ereignisse jedoch keineswegs als zwangsläufig dar.
In den Geschichten, Figuren und Bildern der ausgewählten Filme spiegeln sich scheinbar versunkene Lebenswirklichkeiten, die uns heute noch so viel zu sagen haben. Sie erzählen vom Hoffen und Scheitern, von Aufbrüchen und Rückzügen, von Liebe und Hass. Es sind universelle Geschichten – wenn auch die Kulissen, vor denen sie angesiedelt waren, inzwischen im Schnürboden der Weltgeschichte verstaut sind. Freilich zeigt sich in ihnen nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was die Menschen seinerzeit bewegt und schließlich zum Aufbegehren gegen die als unhaltbar empfundene Situation getrieben hat.
Die Auswahl der Filme konnte auf Grund des zwangsläufig begrenzten Rahmens einer solchen Reihe nicht anders als subjektiv ausfallen. Sie bezieht große Namen der Filmgeschichte ebenso ein wie Arbeiten weniger bekannter Regisseurinnen und Regisseure. Gemeinsam sind allen Filmen ihre ungewöhnlichen Perspektiven und ein hohes künstlerisches Niveau. Teils sind die Filme in den offiziellen Studios Ungarns, Polens, Bulgariens, Rumäniens, der Tschechoslowakei, der DDR und der Sowjetunion entstanden. Andere wurden in den Randbereichen des Kinos, von Einzelgängern oder im künstlerischen Untergrund realisiert. Gezeigt werden Spiel- und Dokumentarfilme ebenso wie experimentelles Kino oder Animationsfilme. Damit bietet sich ein erster Blick auf unterschiedlich ausgeprägte totalitäre Systeme und eine Reihe außergewöhnlicher, visionärer Filme, die diesen Systemen abgetrotzt werden konnten.
Von den ausgewählten Filmen wurden je zwei neue Kopien mit deutschen Untertiteln hergestellt, die über den Verleih der Deutschen Kinemathek den kommunalen Kinos und anderen interessierten Abspielstätten zur Verfügung stehen. Darüber hinaus werden ein Katalog, Werbematerialien wie Plakate und Faltblätter sowie Filminformationen zum Download bereitgestellt.
Autor: Claus Löser (Kurator der Filmreihe)
Seit dem Auftakt der Reihe im Februar 2009 wurden die Filmprogramme bundesweit bereits in über 24 Städten – von Lübeck bis Freiburg – gezeigt. Wegen anhaltender Nachfrage verlängern die Kulturstiftung des Bundes und die Stiftung Deutsche Kinemathek die Tournee der Filmreihe Winter adé – Filmische Vorboten der Wende bis Ende 2010. Alle Filme können bis dahin kostenlos über den Verleih der Deutschen Kinemathek gebucht werden. Kontakt: Anke Hahn, Tel.: 030 – 300 903 32, Fax: 030 – 300 903 13, Email: filmverleih@deutsche-kinemathek.de.
Mehr Informationen zu „Winter adé“ und zu weiteren Projekten der Kulturstiftung des Bundes zum Gedenkjahr 2009 finden Sie unter www.kulturstiftung-bund.de. Kontakt: Friederike Tappe-Hornbostel, Leiterin Kommunikation, presse@kulturstiftung-bund.de, Tel.: 0345/2997-120
