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Rundbrief Ausbildung Nr. 2 vom 12. Juni 2012

Fachkräftebedarf 2030

Die Bundesregierung reagiert auf den demografischen Wandel mit ihrer neuen Demografiestrategie. Sie berücksichtigt jedes Alter und zielt darauf ab, dass jeder seine Fähigkeiten nutzen kann.


Der demografische Wandel bedeutet: Wir leben länger und gesünder, wir sind mobiler als die Generationen vor uns – und wir erleben mehr kulturelle Vielfalt. Andererseits werden wir weniger, immer mehr Menschen leben allein, viele junge Menschen drängt es vom Land in die Städte. Da es mehr alte Menschen gibt, steigt aber auch die Zahl der Pflegebedürftigen.


Die Bevölkerung wird in Deutschland deutlich altern: Die Gruppe der Hochbetagten wird bis 2030 um die Hälfte wachsen, die Gruppe der Jüngeren um mehr als ein Zehntel abnehmen. Eine Entwicklung, die erhebliche Folgen für unser Land, unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben hat. Da mehr Menschen sterben als geboren werden und dies nicht mehr durch Zuwanderung ausgeglichen wird, geht die Bevölkerung insgesamt zurück. Bis 2030 könnten zwei Millionen und bis 2060 12 Millionen Einwohner weniger als heute in Deutschland leben. So hat es das Statistische Bundesamt errechnet.


Diese Entwicklung hat das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit veranlasst, Modellrechnungen vorzunehmen, wie der Arbeitsmarkt im Jahr 2030 aussehen wird. Die Ergebnisse sind im BIBB Report 18/2012 veröffentlicht.


Mangel an beruflich Qualifizierten


Während demografiebedingt die Zahl jüngerer Arbeitskräfte abnimmt, steigt der Anteil junger Menschen mit akademischen Abschlüssen. Das könnte rein quantitativ zu einem Mangel an Fachkräften auf der mittleren Qualifikationsebene in einigen Berufsfeldern führen. Darunter sind vor allem Ausbildungsabschlüsse im dualen System zu verstehen. Inwieweit Bachelorabschlüsse diese Lücken füllen werden müssen, ist derzeit nicht abschätzbar. Noch liegen keine ausreichenden Erkenntnisse über die Arbeitsmarktchancen von Menschen mit diesen Abschlüssen vor. Ein Überangebot von akademisch Ausgebildeten ist möglich.


Der Bedarf an Arbeitskräften ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung wird weiter sinken. Es bleibt daher auch langfristig notwendig, frühzeitig – möglichst schon während der Schulzeit - zu intervenieren. Auch sollten die Nachqualifizierungsangebote beibehalten und ausgebaut werden.


Engpass erst nach 2030


Bei einer Zuwanderung von jährlich 100.000 Fachkräften aus dem Ausland gehen die Forscher von einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt im Jahr 2030 aus. Erst danach ist ein gesamtwirtschaftlicher Engpass zu befürchten.


Es liegt auf der Hand, dass bis 2030 - wie schon heute - bestimmte Berufsbereiche stärker vom Fachkräftemangel betroffen sein werden als andere. Die Studie legt daher für die 12 BIBB-Berufshauptfelder separate Prognosen vor.


In drei Berufshauptfeldern wird dem Bedarf bis 2030 ein ausreichendes Angebot gegenüberstehen:


• Maschinen und Anlagen steuernde und wartende Berufe
• Büro-, kaufmännische Dienstleistungsberufe
• Rechts-, Management- und wirtschaftswissenschaftliche Berufe


In vier Bereichen sehen die Forscher eine angespannte Arbeitsmarktsituation voraus, denken aber, dass das projizierte Arbeitskräfteangebot den Bedarf rein rechnerisch decken wird. Im Einzelnen sind dies:


• Rohstoffgewinnende Berufe
• Verkehrs-, Lager-, Transport, Sicherheits- und Wachberufe
• Technisch-Naturwissenschaftliche Berufe
• Lehrende Berufe


Schließlich wird in fünf Berufshauptfeldern ein deutlicher Fachkräftemangel im Jahr 2030 prognostiziert:


• Be-, verarbeitende und instandsetzende Berufe
• Berufe im Warenhandel und Vertrieb
• Gastronomie- und Reinigungsberufe
• Medienberufe, geistes-, sozialwissenschaftliche und künstlerische Berufe
• Gesundheits- und Sozialberufe, Körperpfleger


Klar ist, dass sich durch die Zusammenfassung von Berufen zu Berufsfeldern die zwischen einzelnen Berufen bestehenden Unterschiede ausgleichen. So kann es durchaus Einzelberufe mit abweichender Prognose gegenüber der Berufshauptfeldprojektion geben. So umfasst das Berufshauptfeld "Technisch-naturwissenschaftliche Berufe" 247 Einzelberufe. Es kann also durchaus sein, dass es hoch spezialisierte Berufe darunter gibt, bei denen ein deutlicher Mangel zu erwarten ist, obwohl dies für die Hauptgruppe nicht gilt.

Flexibilität notwendig


Wie sich der Arbeitsmarkt tatsächlich entwickeln wird, hängt von zahlreichen Faktoren ab, die sich nicht kalkulieren lassen. Auch führen wissenschaftliche Prognosen mitunter dazu, dass die befürchteten Auswirkungen gerade nicht eintreten, weil Politik und Wirtschaft die Vorhersage ernst nehmen und gegensteuern.


Ein wesentlicher Aspekt ist die Flexibilität der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Diese Flexibilität ist gerade in hoch spezialisierten Berufen naturgemäß gering. Nimmt man dagegen den Gastronomie- und Reinigungsbereich, in dem viele gering Qualifizierte tätig sind, so besteht hier eine größere Flexibilität, Engpässe auszugleichen durch den Wechsel in ein anderes Tätigkeitsfeld.


Eine höhere Zuwanderung alleine kann den Rückgang beim Arbeitskräfteangebot nicht stoppen, sondern allenfalls verzögern. Ginge man beispielsweise statt von jährlich 100.000 Zuwanderern von der doppelten Zahl aus, so würde die Bevölkerung dennoch bis zum Jahr 2030 um rund 2,5 Mio. sinken. Dementsprechend sänke das Erwerbspersonenpotenzial weiterhin bis 2030 stark (-3,9 Millionen).


Insgesamt also zeichnet der Report ein wenig dramatisches Bild und gibt Orientierung für die Berufsorientierung.