Rundbrief Ausbildung Nr. 1 vom 09. Februar 2012
Weiter schlechte Beschäftigungschancen Ungelernter
Ungelernte Erwerbstätige sind im Vergleich zu ausgebildeten Fachkräften deutlich häufiger in geringfügigen und damit zumeist auch in prekären Beschäftigungsverhältnissen anzutreffen. Ihre Erwerbstätigkeit konzentriert sich zudem auf nur wenige Berufsfelder. Dies sind Ergebnisse einer Analyse des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zur Situation ungelernter beziehungsweise geringqualifizierter Erwerbstätiger.
Die Auswertungen lassen erkennen, dass die Erwerbssituation der Ungelernten durch den anhaltenden Abbau von Arbeitsplätzen, auf denen sie überhaupt Beschäftigung finden, zusätzlich verschärft wird. So liegt das Risiko einer Arbeitslosigkeit bei ihnen etwa dreimal so hoch wie bei Personen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung. Daran wird sich nach Auffassung von BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser auch durch die demografische Entwicklung grundsätzlich nichts ändern. "Gefragt sind qualifizierte Fachkräfte, die die Anforderungen am Arbeitsplatz erfüllen können. Das Risiko, dass Ungelernte auch in Zukunft keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden, bleibt groß."
Über fünf Millionen formal nicht Qualifizierte
Nach den Daten des Mikrozensus aus dem Jahr 2007 gelten rund 5,3 Millionen Menschen als "formal nicht qualifiziert" - jeweils zur Hälfte Männer und Frauen. Drei von vier Ungelernten haben einen Haupt- oder Realschulabschluss, rund 12 Prozent eine Studienberechtigung und etwa jeder Sechste verfügt über keinen Schulabschluss.
Gerade die Gruppe der Jüngeren ist von besonderer bildungs- und beschäftigungs-politischer Bedeutung, weil ihnen ein längeres Erwerbsleben von 30 bis 40 Jahren bevorsteht. Angesichts der demografischen Entwicklung und dem bereits in vielen Wirtschaftszweigen aufkommenden Fachkräftemangel zeigt sich gesellschaftlich eine große Chance, diese „noch“ Ungelernten durch geeignete Aus- und Weiterbildung nachzuqualifizieren, um ihren Berufs- und Erwerbsverlauf zu stabilisieren.
Bei den Befragungen des Mikrozensus in der Altersgruppe der 20- bis 34-Jährigen wurden weit mehr als 2 Millionen junge Menschen ohne Ausbildungsabschluss ermittelt. Die Ungelerntenquote beträgt rund 15 Prozent.
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Erwerbstätigenquoten
Foto: Statistisches Bundesamt, BIBB
Im Vergleich zu jungen Menschen mit Berufsabschluss kommen ungelernte junge Erwerbstätige in nur wenigen Wirtschaftszweigen unter: im Gastgewerbe (12 Prozent), im Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen und im Einzelhandel (jeweils 11 Prozent), in der "Erbringung wirtschaftlicher Dienstleistungen" (10 Prozent) oder im Baugewerbe (6 Prozent). Auffallend ist dabei die hohe Quote der geringfügig Beschäftigten (18 Prozent), während dieser Wert bei "Gelernten" bei 5 Prozent liegt.
Der Bericht kommt zu folgendem Schluss: Wenn man den Ungelerntenanteil nach-haltig senken will, sind Aus- und Weiterbildungsoptionen gezielt zu nutzen. Vor allem sollten sich Betriebe und Bildungsanbieter um Ungelernte und gering Qualifizierte mit ihren nicht immer direkt ersichtlichen Qualifizierungsanliegen als Zielgruppe mindestens genauso bemühen wie um gelernte Fachkräfte. Als Grundlage einer gezielten Personalentwicklung sind ihre vorhandenen bzw. informell erworbenen Kompetenzen zu erfassen und in ein Qualifizierungskonzept einzubetten.
Angesichts der Heterogenität der Zielgruppe wären Qualifizierungsangebote zweck-mäßig, die vom niederschwelligen Einstieg in Lernsituationen über Vorbereitung auf regionale Kammerprüfungen bis hin zu modularisierten Schritten mit dem Ziel eines anerkannten Berufsabschlusses reichen.
Denkbar wäre damit ein Personalqualifizierungskonzept „von unten nach oben“. Wenn bislang ungelernte Erwerbstätige durch geeignete Ausbildungsmaßnahmen zu Fachkräften aufsteigen, schaffen sie Entlastung auf der Fachkräfteebene. Potenzielle Freiräume könnten dann zur weiteren beruflichen Qualifizierung gelernter Fachkräfte genutzt werden.
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