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Mittwoch, 2. Februar 2011

Ungleiche Chancen beim Eintritt in die Berufsbildung

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Erfolg bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz hängt nicht nur von einem guten Schulabschluss ab. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zeigt in einer Analyse, wie die soziale Herkunft, ein Migrationshintergrund und das Geschlecht der Bewerberinnen und Bewerber die Chancen auf einen Ausbildungsplatz beeinflussen.

Für die Studie wurden über 7.000 Personen telefonisch über ihren beruflichen Werdegang rückblickend befragt.

Wie der Vater, so der Sohn

Der soziale Status wird definiert durch den beruflichen Status des Vaters sowie Schul- und Berufsabschluss der Eltern. Er wirkt sich deutlich auf den Schulabschluss der Kinder aus. Haben Eltern beispielsweise keinen Schul- und Berufsabschluss oder einen niedrigen sozialen Status, so erreichen ihre Kinder meist maximal einen Hauptschulabschluss. Umgekehrt erlangen besonders viele Schülerinnen und Schüler das Abitur oder die Fachhochschulreife, wenn die Eltern über einen Hochschulabschluss verfügen oder der Vater einer hochqualifizierten Beschäftigung nachgeht.

Die Entscheidung für eine betriebliche Ausbildungsstelle wird ebenfalls von der sozialen Herkunft beeinflusst. Je höher die Schul- und Berufsbildung der Eltern ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ihre Kinder für eine betriebliche Ausbildung entscheiden. Studienberechtigte Schulabgänger, deren Familien dem Arbeiter- und unteren Mittelstand angehören, entscheiden sich häufiger wegen der hohen Kosten gegen ein Hochschulstudium und für eine Berufsausbildung.

Nach wie vor sind gute Schulnoten eine wichtige Voraussetzung für die Einmündung in eine betriebliche Lehre. Besonders schnell finden Jugendliche eine Ausbildungsstelle, wenn sie über einen mittleren Schulabschluss und gute Noten verfügen. Die (Fach-)Hochschulreife erweist sich nicht unbedingt als förderlich für die erfolgreiche Suche einer betrieblichen Ausbildungsstelle. Bei jungen Männern hat sie überraschenderweise sogar einen negativen Effekt.

Laut BIBB gibt es einen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und der erfolgreichen Bewerbung um eine Stelle: Verfügen die Eltern über einen Berufsabschluss, sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz unabhängig von der schulischen Qualifikation besonders hoch. Außerdem beeinflusst ein offenes, problemorientiertes Gesprächsklima in der Familie die Einmündungschancen der Jugendlichen insgesamt positiv. Die Ergebnisse deuten daraufhin, dass Eltern, die beide eine Berufsausbildung abgeschlossen haben, ihre Kinder besser bei der Berufswahl und bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützen können.

Junge Frauen haben es schwerer

Heute erreichen junge Frauen im allgemeinbildenden Schulsystem deutlich bessere Abschlüsse als Männer. Sie nehmen zwar wesentlich seltener eine betriebliche Ausbildung auf, sind aber dafür häufiger in schulischen Ausbildungsberufen zu finden. Eine Ursache dafür könnte die unterschiedliche berufliche Präferenz von Frauen und Männern sein. Deshalb entscheiden sich junge Frauen meist für ein sehr enges Spektrum frauentypischer Berufe vor allem im kaufmännischen oder Dienstleistungssektor.

Die fehlende Unterstützung durch das familiäre und schulische Umfeld beim Wunsch nach einem gewerblich-technischen Beruf könnte eine weiterer Faktor sein. Eventuell spielen auch die Auswahlverfahren in den Betrieben eine Rolle, die möglicherweise stark von geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen geprägt sind.

Migrationshintergrund bedeutet viel zu oft Bildungsnachteil

Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund besuchen selbst bei gleichem sozio-ökonomischen Status erheblich häufiger eine Hauptschule als Kinder aus deutschen Familien. Sie erreichen überproportional oft keinen Schulabschluss oder maximal einen Hauptschulabschluss und verlassen die allgemeinbildende Schule mit schlechteren Schulnoten als die Vergleichsgruppe.

Ihnen gelingt es vergleichsweise sehr viel schlechter, eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Diese schlechteren Chancen lassen sich nicht allein durch soziale Herkunft und schlechtere schulische Voraussetzungen erklären. Auch sind sie nicht weniger bildungsorientiert oder suchen weniger intensiv nach einer Ausbildungsstelle. Die Autorinnen der Studie vermuten, dass Betriebe Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund bei der Auswahl benachteiligen.

Wie finden Jugendliche einen Ausbildungsplatz?

Weit über die Hälfte der Schulabgänger, die eine betriebliche Lehrstelle suchen, nehmen die Hilfe der regionalen Arbeitsagentur in Anspruch. Bei schlechteren Schulnoten ist das häufiger der Fall. Studienberechtigte Jugendliche und Kinder, deren Eltern über eine Berufsausbildung verfügen, verzichten eher auf die Hilfe der Arbeitsagentur. Junge Frauen nutzen dieses Angebot häufiger als junge Männer.

Fast drei Viertel suchen auch in Zeitungen, im Internet oder anderen Medien. Je höher die schulische Qualifikation ist, desto mehr nutzen junge Menschen diese modernen Möglichkeiten. Jeder achte Jugendliche gibt ein Stellengesuch in einer Zeitung oder im Internet auf, besonders wenn Schwierigkeiten bei der Lehrstellen-suche bestehen.

Mehr als 70 Prozent werden von der Familie unterstützt. Jugendliche mit Migrationshintergrund, vor allem junge Frauen, bekommen seltener Unterstützung aus dem Umfeld.

Über 90 Prozent der Jugendlichen bewerben sich schriftlich bei den Betrieben. Im Durchschnitt versenden sie 28 Bewerbungen für drei bis vier unterschiedliche Ausbildungsberufe. Frauen bewerben sich deutlich häufiger als Männer. Außerdem ist bei ihnen die regionale Mobilitätsbereitschaft deutlich ausgeprägter als bei den männlichen Bewerbern. Durchschnittlich haben die Jugendlichen fünf bis sechs Vorstellungsgespräche, Frauen etwas häufiger als Männer. Junge Migrantinnen werden seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen als die übrigen Jugendlichen.

Es lässt sich festhalten, dass sich die meisten Schulabsolventen intensiv um eine betriebliche Ausbildungsstelle bemühen, wobei junge Frauen flexibler und aktiver als junge Männer sind.

Betriebe müssen Auswahlkriterien überdenken

Die BIBB-Studie zeigt, dass Jugendliche aus sozial schwachen Familien oder Zuwanderungsfamilien bei gleichem schulischem Bildungsstand bei der Ausbildungssuche benachteiligt werden. Vor allem leistungsschwächere Jugendliche, insbesondere solche mit Migrationshintergrund, bekommen selten eine Chance.

Angesichts der demografischen Entwicklung und des drohenden Fachkräftemangels werden die Betriebe zukünftig aber auch schwächeren Bewerberinnen und Bewerbern die Möglich­keit auf einen Ausbildungsplatz geben müssen.

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