Mittwoch, 9. Juni 2010
Demografie und Ausbildungsangebot
Die Bevölkerungszahl in Deutschland wird sinken. Wissenschaftler gehen von einem Rückgang auf 77 bis 79 Millionen bis 2030 aus, also bis zu 5 Millionen weniger Menschen als heute. Auf den Arbeitsmarkt wird sich besonders die veränderte Altersstruktur auswirken. Durch die steigende Lebenserwartung und die rückläufigen Geburtenzahlen stehen immer mehr ältere Menschen immer weniger jungen gegenüber.
Erste Auswirkungen sehen wir bereits heute auf dem Ausbildungsstellenmarkt. Der diesjährige Berufsbildungsbericht zeigt, dass ein Fachkräftemangel droht, wenn es nicht gelingt, alle Potenziale auszuschöpfen.
Neue Situation
Viele Jahre lang waren die Ausbildungsstellen knapp. Die Partner im Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs bemühten sich daher, möglichst viele neue Ausbildungsplätze zu schaffen. Trotzdem reichten sie nicht für alle Schulabgängerinnen und Schulabgänger aus. Viele schwächere Interessenten blieben ohne Ausbildung.

Der Berufsbildungsbericht zeigt nun, dass trotz Wirtschaftskrise inzwischen mehr Stellen zur Verfügung stehen als Bewerberinnen und Bewerber. Grund dafür: Es gibt immer weniger Schülerinnen und Schüler. Gleichzeitig steigt die Zahl der Studierwilligen an.
Die Bilanz in Zahlen: Vom 1. Oktober 2008 bis zum 30. September 2009 wurden bundesweit 566.004 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das sind 50.338 oder 8,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zahl der Jugendlichen aus allgemein bildenden Schulen fiel im Jahr 2009 um rund 34.000 Jugendliche oder 3,7 Prozent niedriger aus als im Jahr 2008. Am Stichtag, dem 30.September 2009 noch vor Beginn der Nachvermittlungsaktion, registrierte die Bundesagentur nur noch knapp 10.000 unversorgte Bewerberinnen und Bewerber. 2006 waren es noch fast 50.000.
Weniger erfreulich für die Wirtschaft

Was für die Jugendlichen erfreulich ist, macht der Wirtschaft zunehmend Sorgen. In zahlreichen Berufen gelang es im vergangenen Jahr nicht, alle Ausbildungsstellen zu besetzen. Für das neue Ausbildungsjahr könnte die Lage kritisch werden.
"Wir werden viele Tausend Lehrstellen nicht besetzen können", sagte Hans Heinrich Driftmann, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Bis Ende Mai 2010 registrierten die Industrie- und Handelskammern 131.531 Ausbildungsverträge. Das sind nur 1,2 Prozent weniger Neuverträge als im Mai 2009 Dabei geht die Zahl der Schulabgänger in diesem Jahr um fast 3 Prozent – bei Real- und Hauptschulen sogar um 4 Prozent – zurück. Laut Driftmann schließen Unternehmen Verträge früher ab, "um sich die besten Azubis und damit die Fachkräfte von morgen zu sichern".
Alle Partner des Nationalen Pakts für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs appellierten an Unternehmen, Freiberufler und Behörden: "Sichern Sie sich rechtzeitig Ihren Fachkräftenachwuchs! Schaffen Sie Ausbildungsplätze! Bilden Sie möglichst über den eigenen Bedarf hinaus aus und melden Sie Ihre Ausbildungsplätze den Agenturen für Arbeit und den Lehrstellenbörsen der Kammern und Verbände."
In diesem Appell am "Tag des Ausbildungsplatzes" am 11. Mai 2010 sprachen die Partner auch die Jugendlichen an. Sie plädierten für frühzeitiges Bewerben und dafür, nicht nur einen Wunschberuf im Blick zu haben und örtlich flexibel zu sein. Vor allem baten sie, nicht durch Mehrfachzusagen an Betriebe Ausbildungsplätze zu blockieren.
Alle Potenziale nutzen
Die Bundesregierung ist besorgt über die mangelnde Ausbildungsreife vieler Jugendlicher. Fast 65.000 Jugendliche verließen 2008 die Schule ohne Abschluss. Etwa jeder fünfte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig aufgelöst. Rund 15 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren haben keinen Berufsabschluss.
Mit dem Programm "Bildungsketten" will die Bundesregierung lerngefährdeten Hauptschülerinnen und Hauptschülern zu Schulabschluss und Einstieg in eine Ausbildung verhelfen. Gedacht ist an 60.000 Schülerinnen und Schüler ab Klasse 7, die nach einem Kompetenztest individuell betreut und dann in Betriebe vermittelt werden. 3.200 Berufseinstiegsbegleiter in rund 200 Regionen sollen bei der Berufsorientierung und Bewerbung helfen.
Migranten stärker einbinden
Um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken, müssen insbesondere auch junge Menschen mit Migrationshintergrund zu einer Ausbildung motiviert werden. Die Integrationsbeauftragte, Staatsministerin Maria Böhmer, forderte dafür echte Chancengleichheit. "Es ist nicht hinnehmbar, wenn ausländische Jugendliche bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz gegenüber gleichaltrigen Deutschen bei gleicher Eignung benachteiligt werden", sagte sie. "Wegen seiner Herkunft darf in unserem Land niemand ausgegrenzt werden."
Laut Bericht haben es junge Ausländer mit einem mittleren Bildungsabschluss deutlich schwerer, einen Ausbildungsplatz zu finden, als deutsche Jugendliche. Insgesamt liegt der Anteil der Ausländer an einer Berufsausbildung bei 32,2 Prozent. Bei den deutschen Jugendlichen sind es 68,2 Prozent.
Künftig soll die Prüfung im Ausland erworbener Berufsabschlüsse schneller, einfacher und unbürokratischer gehen. Darüber hinaus erhalten Menschen Hilfe, bei denen ihre Ausbildung nicht als gleichwertig einem deutschen Abschluss anerkannt werden kann. In diesen Fällen werden die vorhandenen Kompetenzen dokumentiert. Es erfolgt eine Beratung über geeignete Anpassungsmaßnahmen.
Die Bundesregierung appelliert an die Wirtschaft, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht in den Ausbildungsanstrengungen nachzulassen. Sie hofft auf eine enge Kooperation, wenn es darum geht, wirklich allen jungen Menschen eine Ausbildungschance zu geben. Deshalb wird der Nationale Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs im Herbst verlängert.

