Weltbevölkerung

Ein Plädoyer für Familienplanung

Allein in den letzten 40 Jahren hat sich die Weltbevölkerung auf heute 6,5 Milliarden Menschen verdoppelt. Zwar hat sich die Bevölkerungszunahme in den letzten Jahrzehnten ein wenig verlangsamt. Jedes Jahr kommen weltweit aber immer noch 75 Millionen Menschen hinzu.

Grund für die Verlangsamung des Bevölkerungswachstums ist vor allem, dass immer mehr Menschen Familienplanung nutzen. Seit den Sechzigerjahren ist der Anteil der Paare, die moderne Verhütungsmittel anwenden, von 9 auf 61 Prozent angestiegen.

Zugang zu Verhütungsmitteln nicht selbstverständlich

Mehrere hundert Millionen ungewünschte Schwangerschaften konnten so in den letzten Jahrzehnten in aller Welt durch Familienplanung verhütet werden. Trotzdem ist nach wie vor jede dritte Schwangerschaft nicht nur ungeplant, sondern auch ungewollt.

Immer noch haben mehr als 200 Millionen Frauen keinen Zugang zu modernen Verhütungsmitteln, obwohl sie verhüten wollen. Und der Bedarf wird weiter wachsen. Aktuellen Schätzungen zufolge wird die Nachfrage bis 2025 um weitere 40 Prozent zunehmen. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Zahl der Paare im fortpflanzungsfähigen Alter bis dahin um 23 Prozent steigen wird.

Afrika wächst am schnellsten

Die Bevölkerung in den Entwicklungsländern wächst weiterhin sehr viel stärker als in den Industrieländern. Grund dafür sind die junge Altersstruktur und hohe Fruchtbarkeitsraten.

So sind beispielsweise die Bevölkerungszahlen von Äthiopien (77,4 Millionen) und Deutschland (82,5 Millionen) heute annähernd gleich. Die deutsche Bevölkerung wird bis 2050 um fast neun Prozent schrumpfen. Die Bevölkerung in Äthiopien hingegen wird sich im selben Zeitraum mehr als verdoppeln. Insgesamt entfallen heute 98 Prozent des Bevölkerungswachstums auf die Entwicklungsländer. 

In einigen der ärmsten afrikanischen Ländern sind die Kinderzahlen mit sechs bis sieben Kindern pro Frau besonders hoch. Der Kinderreichtum in Afrika südlich der Sahara wird daher zu führen, dass sich die Bevölkerung des schwarzen Kontinents mehr als verdoppelt. Trotz der verheerenden Folgen von HIV/Aids wird sie von heute 752 Millionen Menschen bis zum Jahr 2050 auf 1,73 Milliarden zunehmen. Damit verzeichnet Afrika bis zur Jahrhundertmitte prozentual das höchste Bevölkerungswachstum der Welt.

In absoluten Zahlen wird Asien bis 2050 den größten Anteil am Wachstum der Weltbevölkerung haben. Leben heute bereits 3,8 Milliarden Menschen in der bevölkerungsreichsten Region der Erde, werden es 2050 weitere 1,5 Milliarden sein.

Gefahr von Hunger und Armut steigt

Das rasante Bevölkerungswachstum setzt die Gesundheits- und Bildungssysteme vieler armer Länder schon heute erheblich unter Druck. Zudem erhöht es die Gefahr von Hunger und Armut.

Deshalb ist es wichtig, das Bevölkerungswachstum zu verlangsamen. Darüber hinaus muss den Menschen der Zugang zu Familienplanung, Aufklärung und Gesundheitsdiensten ermöglicht werden.

Die Geberländer – darunter auch Deutschland – haben dies erkannt. Maßnahmen, um das des Bevölkerungswachstum zu verlangsamen, gehören explizit zu ihren Entwicklungsstrategien für schnell wachsende Länder wie Uganda. 

Politische Weichenstellung: das Kairoer Aktionsprogramm von 1994

Ob es tatsächlich gelingt, das Bevölkerungswachstum in den armen Ländern nachhaltig zu verlangsamen, hängt wesentlich von politischen Entscheidungen der nächsten Jahre ab.

Von zentraler Bedeutung ist die Umsetzung der Beschlüsse der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz von 1994. Zu den Kernpunkten des Kairoer Aktionsprogramms gehören eine qualitative und quantitative Verbesserung der reproduktiven Gesundheitsversorgung, inklusive Familienplanung. Ein weiterer Aspekt ist das Empowerment, also die Stärkung der rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Stellung von Frauen.

In den vergangenen zehn Jahren haben zahlreiche Entwicklungsländer wichtige bevölkerungspolitische Weichenstellungen im Sinne der Kairo-Konferenz vorgenommen. Sie haben Bevölkerungsaspekte in ihre entwicklungspolitischen Maßnahmen und Strategien integriert. Außerdem haben fast alle Länder Schritte unternommen, um die Rechte von Mädchen und Frauen besser zu schützen.

Wie ist das Verhältnis von Religion und Familienplanung?

Die Konferenz von Kairo hat viel in Bewegung gesetzt. Dies gilt auch für islamische Länder. Familienplanung und Islam werden oft als unvereinbar angesehen. Doch entgegen weit verbreiteter Vorstellungen ist das Verhältnis des Islam zur Familienplanung nicht grundsätzlich ablehnend.

So haben beispielsweise Bangladesch und der Iran die Versorgung der Bevölkerung mit Dienstleistungen der reproduktiven Gesundheit und Familienplanung bereits seit Jahren zu einer Aufgabe des Staates gemacht. Im Iran arbeitet das Ministerium für Gesundheit und Medizinische Bildung sogar eng mit den muslimischen Geistlichen zusammen. Ein erfolgreiches Konzept.

Heute hat der Iran die höchste Verhütungsrate aller islamischen Länder. 73 Prozent aller iranischen Frauen verhüten. Die Geburtenrate ist von durchschnittlich mehr als fünf Kindern pro Frau in den Achtzigerjahren auf 2,5 Kinder im Jahr 2004 gesunken.

Auch auf den Philippinen haben sich muslimische Geistliche im vergangenen Jahr für Familienplanung eingesetzt. Doch 80 Prozent der philippinischen Bevölkerung sind Katholiken. Der katholische Klerus stellt sich entschieden gegen moderne Verhütungsmethoden. Dieselbe Haltung vertritt die konservative Regierung der philippinischen Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo. Sie unterstützt mit Staatsgeldern sogar religiöse Organisationen, die „natürliche Familienplanung“ propagieren und vom Kondomgebrauch abraten. 

Kairo plus zehn: Rückhalt und Widerstand

Äußerst problematisch für die Umsetzung des Kairoer Aktionsprogramms in der Zukunft ist, dass sich die politische Lage in den vergangenen zehn Jahren entscheidend verändert hat. Einerseits hat der Konsens von Kairo nach wie vor weltweit starken Rückhalt. So greifen beispielsweise vier der acht Millenniums-Entwicklungsziele Kernpunkte des Kairoer Aktionsprogramms auf. Andererseits formiert sich Widerstand gegen die Ziele von Kairo.

Bereits 1994 gab es heftigen Protest von Seiten des Vatikans und einiger islamischer und lateinamerikanischer Staaten. Er richtete sich vor allem gegen das Konzept der reproduktiven Rechte, wozu auch das Recht von Jugendlichen auf Aufklärung und Verhütung gehört. Neu ist heute die Zusammensetzung im Lager der Opposition. Die USA waren 1994 noch wortgewaltige Verfechter der Frauen und reproduktiven Rechte. Unter der Präsidentschaft von George W. Bush gehören sie inzwischen zu den schärfsten Gegnern der Kairoer Beschlüsse.

Die künftige Entwicklung der Weltbevölkerung hängt maßgeblich von der Umsetzung des Kairoer Aktionsprogramms ab.

Fachleute gehen zwar davon aus, dass die Kinderzahlen pro Frau in den Entwicklungsländern insgesamt weiter sinken werden. Gerade in den ärmsten, auf Entwicklungszusammenarbeit angewiesenen Ländern verläuft der Geburtenrückgang jedoch häufig langsamer als in der Vergangenheit angenommen. Teilweise ist er sogar zum Stillstand gekommen ist.

(Autorin: Mirjam Hägele, Pressereferentin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, Hannover)

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