von Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts
Auf dem afrikanischen Kontinent, einst die Wiege der Menschheit, leben heute mehr als 850 Millionen Menschen. In den 53 Ländern werden mehr als 1.000 Sprachen gesprochen.
Allein diese nüchternen Fakten machen deutlich: Der südliche Nachbarkontinent Europas weist eine Vielfalt und damit auch einen kulturellen Reichtum auf, die wir nur schwer angemessen erfassen können.
Die Menschen und die Kultur Nordafrikas sind uns dank historischer Bindungen und im Zuge des Austauschs über das Mittelmeer relativ vertraut. Die 47 Länder Schwarzafrikas aber, mit einer Bevölkerung von 650 Millionen Menschen, scheinen immer noch in einer exotischen Ferne zu liegen.
Dabei ist uns zumeist nicht recht bewusst, dass unsere eigene Kulturtradition maßgebliche Anstöße von afrikanischen Kulturen erfahren hat. Das spiegelt sich in den vereinfachten Formen bei Picasso und anderen bildenden Künstlern der Moderne wider. Oder auch in der kulturellen Wanderung rhythmusbetonter Musik aus Afrika über Nord- und Südamerika in mittlerweile die ganze Welt.
Das heutige Afrika hingegen ist sich seiner kulturellen Ausstrahlung zunehmend gewiss. Auf der kulturellen Weltkarte nimmt Afrika, aufbauend auf seinen starken Traditionen, heute eine herausragende Stellung ein. Von Mali bis Südafrika, von Salif Keta bis Miriam Makeba reicht das Spektrum der weltweit einflussreichen Musikszene des modernen Afrika.
Afrikanische Filmemacher gehen heute eigene Wege und können sich dabei auf international anerkannte Filmfestivals in Ougadougou, Nairobi oder Kapstadt stützen. Von Lesotho bis Ghana, von Addis Abeba bis Dakar wächst die Zahl der nationalen Kulturfestivals. Sie sind Ausdruck einer gefestigten und selbstbewussten kulturellen Identität Afrikas.
Auch im Rahmen der weltweiten Vermarktung von Kultur hat der schwarze Kontinent, etwa im Rahmen der Zirkusproduktion „Afrika, Afrika“ von André Heller, Anschluss an internationale Strömungen gefunden. All dies sind gute Gründe, die partnerschaftliche kulturelle Zusammenarbeit mit Afrika weiter zu verstärken.
Das Goethe-Institut ist zur Zeit mit neun Instituten im Afrika südlich der Sahara vertreten. Diese sind zumeist nach der Unabhängigkeit ihrer Gastländer von kolonialer Herrschaft zu Beginn der Sechzigerjahre gegründet worden. Die jüngste Neugründung fand 1995 nach dem Ende der Apartheid in Johannesburg statt, wo sich heute das Goethe-Regionalinstitut befindet. In sechs Ländern, in denen kein Goethe-Institut vertreten ist, werden örtliche Kulturgesellschaften unterstützt. In Tansania besteht seit Oktober 2007 ein Verbindungsbüro, das mit der dortigen Alliance Française zusammenarbeitet.
Das Interesse der Afrikaner an Deutschland, an deutscher Kultur einschließlich der Studienmöglichkeiten und an deutscher Sprache ist vergleichsweise groß. Dies ist auch auf die – mit Ausnahme Namibias – eher unbelastete koloniale Vergangenheit zurückzuführen.
Im Gegensatz zu manchen anderen Weltregionen steigt in Afrika das Interesse am Erlernen der deutschen Sprache. 500.000 junge Afrikanerinnen und Afrikaner lernen zurzeit Deutsch in der Schule. Die Goethe-Institute erteilen eigene Sprachkurse und bilden Deutschlehrer an den Schulen, insbesondere in frankophonen Ländern aus. In Kamerun ist die Nachfrage besonders stark. Aber auch in einem Ort wie Soweto, dem vormaligen Zentrum des Kampfes gegen die Apartheid, wird Deutschunterricht mittlerweile nachgefragt und angeboten.
Das Goethe-Institut fördert einheimische Künstler, ermöglicht Kontakte zu deutschen Künstlern und unterstützt den innerafrikanischen Austausch. Durch Zugang zu aktuellen Tendenzen in Deutschland trägt das Goethe-Institut zur eigenständigen Weiterentwicklung afrikanischer Künstler und Experten bei.
Herausragende künstlerische Projekte werden in Deutschland präsentiert. Die weltbekannte Tänzerin Henrietta Horn hat gerade in Yaoundé eine Choreographie mit kamerunischen Tänzern erarbeitet. In Addis Abeba, Nairobi und Johannesburg finden Projekte mit behinderten Tänzern hohe Beachtung.
Durch die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern vor Ort weisen die Goethe-Institute auf das positive politische und kulturelle Modell der Europäischen Union hin. Am Goethe-Institut in Johannesburg findet regelmäßig die Verleihung des jährlichen EU-Literaturpreises für Südafrika statt.
Die Goethe-Institute vermitteln Wissen und Informationen aller Art über Deutschland, vom Hotelnachweis bis zu Kontakten mit Nobelpreisträgern. Der Zugang zu elektronischen Medien in den Informationszentren und Bibliotheken der Goethe-Institute ist sehr hilfreich. Er trägt dazu bei, Lücken in der Versorgung und im Umgang mit modernen Kommunikationsformen zu schließen. Der Zugang zu den Bibliotheken des Goethe-Instituts ist gerade in armen Ländern für die Studierenden unverzichtbar.
Die Bundesregierung und der Deutsche Bundestag haben die wachsende kulturelle Bedeutung Afrikas und die Bedeutung der Kultur erkannt. Dazu gehört auch der kulturelle Austausch, der für die weitere Entwicklung Afrikas unverzichtbar ist.
Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim G8-Gipfel in Heiligendamm eingeleitete Erhöhung der Mittel für Entwicklungsprojekte schlägt sich positiv nieder. So auch folgerichtig in einem erhöhten Budget für die Auswärtige Kulturpolitik. Diese Initiative fügt sich ein in die von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier eingeleitete positive Trendwende in der Förderung der Goethe-Institute.
Dank dieser politischen Anstrengungen wird das Goethe-Institut, vorbehaltlich des endgültigen Beschlusses des Parlaments, seine für Afrika zur Verfügung stehenden Mittel ab 2008 ganz erheblich erhöhen können. Dies wird sich in einer Stärkung des Netzwerkes der Institute und Partner niederschlagen. Es ermöglicht den weiteren Ausbau des Angebots im Bereich der deutschen Sprache und vor allem in einer erheblich erweiterten Angebotspalette bei den Kulturprogrammen.
Auf diese Weise wird das Goethe-Institut sicherlich noch besser dazu beitragen können, die Beziehungen zwischen Deutschland beziehungsweise Europa und Afrika fortzuentwickeln. In Politik und Öffentlichkeit beginnt sich die Einsicht durchzusetzen: Neben politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Aspekten schließt Entwicklung immer auch die kulturelle Weiterentwicklung gleichberechtigt mit ein.
(Autorin: Professorin Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts, München)