"Es ist unmöglich!" Leicht verärgert kommt die einheimische Kollegin aus dem traditionellen Versammlungshaus der Ca Tu, eine der ethnischen Minderheiten Vietnams. "Wir können mit den Frauen keine 'Small Business Development Trainings' durchführen!"
Der Besuch der weit abgelegenen Bergregion in Zentralvietnam hatte zum Ziel, Teilnehmerinnen für Kurse zur Entwicklung von Kleinstunternehmen auszuwählen. Nach einigen Treffen mit Frauen aus den umliegenden Dörfern ist jedoch klar: Es ist nicht machbar.
Der Grund: Die Ca Tu-Frauen leben sehr zurückgezogen und wagen es nicht, zu sprechen. Kaum eine der unter 30-Jährigen kann lesen und schreiben oder ist des Vietnamesischen mächtig. Nur wenige der rund 4.500 Frauen in Tay Giang gingen zur Schule. Denn bis vor kurzem besuchten nur Jungen die Schule, während die Mädchen meist im Haushalt und in der Landwirtschaft eingesetzt wurden.
Auch oder gerade deshalb können die Kurse nicht abgehalten werden. Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten sind beim "Einstieg in die Marktwirtschaft" Voraussetzung.
Ethnische Minderheiten zählen zu den ärmsten und am stärksten benachteiligten Gruppen in Vietnam. Obwohl sie nur knapp 14 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, leben sie unterhalb der Armutsgrenze mit weniger als einem Dollar pro Tag.
Seit zwei Jahren kooperieren der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) und Malteser International bei der Durchführung eines Armutsminderungsprojekts in Tay Giang. In diesem Distrikt sind dem beinahe ausschließlich Ca Tu ansässig. Das Projekt zielt darauf ab, den Gesundheitszustand der Bevölkerung zu verbessern und Unterernährung bei Kindern zu reduzieren. Außerdem sollen Möglichkeiten für Einkommen schaffende Maßnahmen für Haushalte gestaltet werden, die bislang ausschließlich für die Selbstversorgung produzieren.
Der Analphabetismus der Ca Tu-Frauen führt nicht nur zur Benachteiligung im Wirtschaftsleben. Keine einzige der politischen oder administrativen Positionen auf Gemeindeebene ist von einer weiblichen Ca Tu besetzt.
Tay Giang nutzt somit nicht nur 50 Prozent seines Entwicklungspotenzials - die weibliche Bevölkerung. Auch Entwicklungsmaßnahmen sind deshalb nur bedingt nachhaltig und wirksam. Die Frauen können ihr Mitsprache- und Gestaltungsrecht bei der sozio-ökonomischen Entwicklung ihrer Region nicht einfordern.
Geschlechtergleichberechtigung hat einen hohen Stellenwert in der vietnamesischen Gesellschaft. Das Land gilt in dieser Beziehung als Musterbeispiel Asiens mit der höchsten Rate weiblicher Abgeordneter im Parlament (26 Prozent seit dem Jahr 2007). Trotzdem herrschen traditionelle Rollenverteilungen und Stereotype vor, die Frauen dreifach mit produktiver, reproduktiver und haushaltsbezogener Arbeit belasten. Dies gilt für die meisten der offiziell 54 ethnischen Minderheiten Vietnams.
Zusammen mit den Dorfbewohnerinnen, der Frauenunion und den Distriktbehörden wird beschlossen, die "Small Business Development Trainings" durch Alphabetisierungskurse zu ersetzen. Ein erster Schritt, um zukünftige Einkommen schaffende Maßnahmen mit den Frauen durchführen zu können.
Die Artikulations- und Kommunikationsfähigkeiten der Ca Tu-Frauen sollen gestärkt werden, damit sie sich später wirtschaftlich verbessern und so der Armut entkommen können. Ihre gesellschaftliche Teilhabe soll zunehmen.
Die Beziehung zwischen mangelnder Bildung, eingeschränkter politischer Handlungsfähigkeit und Armut ist offensichtlich. Daher soll Erwachsenenbildung mit Dorfentwicklung und Empowerment verbunden werden. Alphabetisierungskurse sind in 25 Dörfern für rund 1.300 Frauen geplant.
Wochen später werden 70 Grundschullehrerinnen und motivierte Freiwillige aus jedem der Dörfer entsprechend ausgebildet. Der DED unterstützt die mehrwöchigen Kurse. Malteser International finanziert sie in den Dörfern.
Die resolute Frau Kim feuert die noch schüchternen zukünftigen Trainerinnen in ihrer Eröffnungsrede an, ihr Bestes für die Entwicklung der Region und die Förderung der vietnamesischen Frau zu geben. Sie ist Vorsitzende der Distriktfrauenunion und selbst Ca Tu.
Die zukünftigen Trainerinnen begreifen schnell die Grundlagen in partizipativer Kommunikation. Und sie lernen, wie beispielsweise Gruppendiskussionen, Rollenspiele und Visualisierung für die Alphabetisierungskurse eingesetzt werden können.
Für die Ca Tu-Frauen wichtige Themen sollen in abendlichen Treffen in den Dörfern der Anlass für das Erlernen von Lesen, Schreiben und der vietnamesischen Sprache sein. Respekt vor den Erfahrungen und Bedürfnissen der Zielgruppe und das Einbeziehen lokalen Wissens sind wichtige Komponenten. Informationen sollen von den Ca Tu-Frauen kritisch betrachtet werden, um sie dann gezielt für sich und ihre Familien zu verwenden. Die Frauen sollen sich auch mit ihrer Dorfentwicklung beschäftigen und dabei ihre Ideen artikulieren und Meinungen vertreten.
Kleine Aktionspläne, die Dorfentwicklungsmaßnahmen im Miniformat darstellen, sollen in den Abendsitzungen entworfen und im Dorf unter Anleitung der Frauen umgesetzt werden.
Schritt für Schritt werden auf diese Art Machtverhältnisse in den Dörfern der Ca Tu modifiziert. Die weibliche Bevölkerung, die bisher kein Mitspracherecht und wenig Möglichkeiten hatte, an Entwicklungsprozessen teilzunehmen, soll Verantwortung übernehmen.
Dabei geht es nicht nur um ungleiche Geschlechterverhältnisse. Sprachbarrieren und die Fähigkeit oder Unfähigkeit zu kommunizieren sind Faktoren, die zur Benachteiligung ethnischer Minderheiten führen.
Über mehrere Jahre werden so gesellschaftliche Prozesse in Gang gesetzt, die zur nachhaltigen Armutsbekämpfung beitragen. Sie treiben die Entwicklung in Tay Giang voran und verhelfen den Ca Tu-Frauen zu ihren Rechten. Der Motor für diese Entwicklung werden die Frauen der Region sein.
Aus dem einstmals geplanten Business Training entwickelte sich ein langfristiger Prozess. Er hat das Ziel, struktureller sozialer Ungleichheit und der politischen Dimension von Armut - Sprachlosigkeit, Geschlechterungleichheit und mangelnder Partizipation - entgegenzuwirken. Die Frauen in Tay Giang wurden als Trägerinnen von Entwicklung erkannt. Nichts ist mehr unmöglich.
(Autorin: Barbara Heinzelmann, Ethnologin und Entwicklungshelferin des Deutschen Entwicklungsdienstes in Vietnam, aus DED-Brief 3/2007)