Als Timo Christians endlich Sangdaht erreicht, hat er den Ältestenrat der Provinzhauptstadt bereits drei Stunden warten lassen. Erst konnte der Buschflieger in Kabul nicht abheben, dann forderten die Staubpiste und die 3.500 Meter hohen Berge ihren Tribut.
Das afghanische Hochland lehrt Geduld. Graubärten und Honoratioren in Sangdaht geht es da nicht anders als dem Projektleiter von Caritas international. Andererseits: Was sind schon drei Stunden verglichen mit den Jahrzehnten und Jahrhunderten, die Sangdaht auf diesen Moment gewartet hat? Schließlich verheißt die Ankunft von Christians, dem Projektleiter von Caritas international in Afghanistan, den Beginn einer neuen Zeit für die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes: Morgen soll die erste Klinik des Ortes eingeweiht werden.
Zweieinhalb Jahre haben Caritas international und die Dorfbewohner gemeinsam geplant und gebaut. Ein Gebäude wie die Klinik hat es in der Geschichte der Region noch nicht gegeben. 164.000 Euro hat sie gekostet, bezahlt vom deutschen Entwicklungsministerium und Spendern von Caritas international.
Jahrzehnte der Unterdrückung hat die Bergregion Hazarajat im Zentrum Afghanistans hinter sich, die erst 2002 mit dem Sturz der Taliban endeten. Viele Hände in der Region haben mitgeholfen, bis die Klinik fertig war. Es hat Streit und Auseinandersetzungen gegeben, wie es ihn überall auf der Welt bei einer so umstürzenden Veränderung gegeben hätte. Aber jetzt sind alle zufrieden. Nie zuvor hatten die Menschen der Region die Gelegenheit, so viel Geld für ihre Familien zu verdienen und zugleich etwas Bleibendes für ihre Heimat zu schaffen. Die Menschen im Hazarajat sprechen von der "goldenen Chance".
Heute ist der Tag, an dem Timo Christians sich ein letztes Mal mit dem Ältestenrat der Stadt trifft, um die morgige Übergabe zu besprechen. Die Erwartungen der so genannten Schura sind hoch, Christians hat viele Fragen zu beantworten. "Wir sind unendlich dankbar dafür, dass Caritas die Klinik gebaut hat, aber wir fragen uns, was passiert jetzt", setzt einer der Sprecher des Ältestenrates an. "Die Klinik ist fertig, aber werden wir auch Ärzte, Krankenschwestern und Medikamente bekommen?"
Bei aller Dankbarkeit der Menschen wird deutlich: Im Hazarajat hätte man gern noch mehr. Nie hat sich jemand um diesen Teil der Welt gekümmert, bis die Caritas kam. Der Ältestenrat versteht nicht, warum nie jemand kam. Man hat gehört, dass in anderen Regionen Afghanistans mehr Hilfe ankommt als bei den Hazara, der schiitischen Minderheit im Hazarajat.
"Müssen auch wir erst zur Waffe greifen, damit uns geholfen wird?", fragt einer in der Versammlung. In Sangdaht fühlt man sich für seine Friedfertigkeit bestraft. Die Paschtunen erhielten von der internationalen Gemeinschaft jede erdenkliche Hilfe, nur weil im Süden und Osten Afghanistans die Bevölkerung zur Waffe greife, vermutet man im Hazarajat.
Auch Christians würde sich mehr internationale Hilfe für das friedliebende Volk der Hazara wünschen. Um den Unmut aber nicht zusätzlich anzufachen, antwortet er mit einem Bild: "Es ist wie bei einer Mutter, die ein krankes und ein gesundes Kind hat. Sie liebt beide, aber erst einmal kümmert sie sich um das kranke Kind, weil es seine Aufmerksamkeit momentan dringender braucht."
Dass das Hazarajat, das zu den drei ärmsten Regionen Afghanistans zählt, nicht gesund ist, weiß er selbst am besten. Schließlich ist er in der bitterarmen Region seit zwei Jahren so oft unterwegs wie kein anderer Europäer. Doch er weiß auch, wie vieler kleiner Schritte es bedarf, bis sich das Leben grundlegend verbessert. Und wie groß die Not in allen Teilen Afghanistans, dem sechstärmsten Land der Welt, ist.
Christians erklärt dem Ältestenrat noch einmal, dass er und seine Kollegen nur den Anstoß geben, damit die Region selbst auf die Beine kommt. Hilfe zur Selbsthilfe. Die ersten Schritte sind gemacht, jetzt soll das Projekt "Gesundheitsversorgung Sangdaht" ganz in afghanische Hände übergehen.
Das afghanische Gesundheitsministerium hat sich verpflichtet, für das Personal zu sorgen. Eine afghanische Hilfsorganisation wird die nächsten Jahre den Prozess begleiten. Diese "Afghanisierung" der Projekte ist grundlegendes Ziel der Arbeit von Caritas international. Christians und seine Kollegen werden nun nur noch von Ferne beobachten, ob auch alle Vereinbarungen eingehalten werden.
Schon jetzt strahlt die Klinik von Sangdaht wie ein Leuchtturm in die ganze Region. So auch nach Bander. Der Ort liegt vier Stunden von Sangdaht entfernt, hinter dem Sharistan-Pass. Nur im Sommer kann man den Ort für einige Monate über das ausgetrocknete Flussbett erreichen. Im Winter werden hier wieder zwei Meter Schnee liegen und im Frühjahr die Schneeschmelze den Fluss in ein reißendes Ungetüm verwandeln. Dann haben die Bewohner des abgeschlossenen Tales von Bander keine Möglichkeit, zu den Ärzten in Sangdaht zu kommen.
Als sie von den Fortschritten in Sangdaht hörten, haben sie Caritas international deshalb gebeten, auch in ihrem Dorf zu helfen. Gerade werden die Fundamente für eine Klinik ausgehoben, im nächsten Jahr soll auch hier Eröffnung gefeiert werden.
Während Christians afghanischer Kollege Rahmatullah die Fundamente begutachtet, ist er selbst auf dem Weg zur Frauen-Schura von Bander. Es ist ungewöhnlich in Afghanistan, dass Frauen die Initiative ergreifen, gar einen eigenen Rat bilden wie hier. Anderthalb Stunden sind einige der 60 Frauen gelaufen, um an der Versammlung mit Christians teilnehmen zu können und ihr Anliegen vorzubringen. Einen Lehrer wünschen sie sich. Sie möchten lernen, wie man mit einem Computer umgeht, und sie möchten Englisch lernen.
Ein Sprachkurs gehört sicherlich nicht zu den drängendsten Problem für die Menschen im Ort. Aber für Christians zeigt sich daran einmal mehr, dass die Menschen im Hazarajat verstanden haben: Fortschritt wird es nur geben, wenn sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.
(Autor: Achim Reinke, Pressereferent, Caritas international, Freiburg)