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Nr. 56   09/2007 
 

Nutztiere - ein wichtiger Faktor in der Entwicklungszusammenarbeit

Die Landwirtschaft ist weiter wichtigster Wirtschaftszweig in fast allen Entwicklungsländern. Nutztiere sind dort nicht nur Fleisch-, Eier-, Milch- oder Lederproduzenten. Sie sind ein entscheidender Faktor für die Ernährungssituation und die Produktion zahlreicher Güter. Auch als Arbeitsmittel sind sie nicht wegzudenken.
 
Welchen Stellenwert Tiere in einer Volkswirtschaft haben, hat das Beispiel Großbritannien vor wenigen Wochen gezeigt. Bei einigen Rindern hatte sich der Verdacht eines Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche (MKS) bestätigt. Der Premierminister unterbrach sofort seinen Urlaub und leitete die nationalen Maßnahmen zum Schutz vor der Ausbreitung der Tierseuche. Welch ein Aufwand für ein paar kranke Tiere, für die MKS zwar sehr schmerzhaft, aber nicht notwendigerweise tödlich ist?
 
Keineswegs. Denn der letzte MKS-Seuchenzug im Jahr 2001 hatte die britische Volkswirtschaft über zwölf Milliarden Euro gekostet. Argument genug, um das Thema Tierseuchen ernst zu nehmen. Dies gilt insbesondere in Entwicklungsländern mit Volkswirtschaften, die noch stärker von landwirtschaftlicher Produktion abhängig sind.
 

Mangelnde Infrastruktur und fehlende Veterinärdienste

 
Doch das ist leicht gesag. Oft fehlt die notwendige Infrastruktur für die Erkennung und Bekämpfung von Tierseuchen. Funktionierende Veterinärdienste stehen meist nicht oben auf den Wunschlisten in der Entwicklungszusammenarbeit. Zudem kostet die Ausbildung von Tierärzten neben den Finanzmitteln auch viel Zeit - und so sind Erfolge nur mittelfristig vorzeigbar.
 
Durch die weltweit völlig unterschiedlichen Tierkrankheiten wird eine gemeinsame Ausbildung ebenfalls erschwert. Wobei gerade die Ausbreitung der gefährlichen Blauzungenkrankheit in Mitteleuropa zeigt, dass der Klimawandel auch neue Lebensräume für Krankheitsüberträger mit sich bringt.
 
Wer sich ernsthaft Ernährungssicherung und wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten durch Exporte von tierischen Produkten aus Entwicklungsländern auf die Fahnen schreibt, muss im Veterinärbereich investieren. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO (Food and Agriculture Organization of the UN) und die internationale Organisation für Tiergesundheit OIE sind dabei unverzichtbare Partner.
 

Unterweisung in Tierhygiene unverzichtbar

 
Projekte mit einfachen Unterweisungen von Kleinbauern in Tierhygiene sind eine Art Lebensversicherung für deren Existenz, die nicht selten an wenigen Tieren hängt. Aber sie sind auch eine Versicherung gegen die Ausbreitung von Tierkrankheiten – wie der Vogelgrippe – auf Menschen. Sie werden durch ein zu enges Zusammenleben von Menschen und Nutztieren verursacht. Gerade die Angst vor einer daraus resultierenden Mutation von für Tiere tödlichen Viren findet weltweit Beachtung. Sie hat zum Beispiel im Falle der Vogelgrippe - wie so oft erst recht spät - zu hoher internationaler Spendenbereitschaft geführt.
 
Ein Umdenken im Umgang mit Nutzgeflügel hat etwa in Asien durch gelungene Kommunikationskampagnen begonnen. In entlegenen ländlichen Regionen traditionelle Verhaltensweisen zu ändern, bleibt allerdings eine Mammutaufgabe für die Zukunft.
 
Wer über die entwicklungspolitische Dimension von Tieren nachdenkt, kommt schnell auf das Thema Tierernährung. Immer wieder wird als Beispiel für eine entwicklungspolitisch bedenkliche Entwicklung der massive Sojaanbau in Südamerika dargestellt. "Die Ernährung der Nutztiere in den Industrieländern auf Kosten der Ernährungschancen von Kleinbauern im Süden" heißt hier das Schlagwort.
 

Druck auf landwirtschaftliche Flächen steigt

 
Einkommenszuwächse in bislang ärmeren Regionen der Welt – wie in einigen Teilen Asiens – erhöhen den Bedarf an fleischlicher Ernährung gegenüber Lebensmitteln aus pflanzlicher Produktion. Das sorgt für Druck auf die landwirtschaftlichen Flächen zur Erhöhung der Produktion von Tiernahrung. Denn für ein Kilo Fleisch müssen mehrere Kilo pflanzliches Futter eingesetzt werden. Gleichzeitig verursacht die absehbare Endlichkeit des Erdöls mit ihren Preisschüben zusätzlichen "Landhunger" für die Produktion von nachwachsenden Energieträgern.
 
Das inzwischen bekannte Beispiel aus Mexiko wird vermutlich Schule auf anderen Kontinenten machen. Dort gab es massive Preiserhöhungen beim Maismehl durch die Nachfrage aus den USA nach Mais für die Äthanolproduktion. Damit wurden Tortillas als Grundnahrungsmittel für die arme Bevölkerung plötzlich zum Luxusgut. Auch die Ernährung von Nutztieren wurde deutlich teurer.
 

Suche nach politischen und praktischen Lösungen

 
Die Konkurrenz um landwirtschaftliche Flächen für die Ernährung von Menschen und Tieren sowie für die Energiegewinnung wird die entwicklungspolitische und die Agrardebatte der kommenden Jahre prägen. Daneben bringt die Veränderung der Ernährung hin zum Fleisch für Entwicklungsländer einen weiteren "Pferdefuß" mit sich.
 
So ist Dickleibigkeit als Folge einer Ernährung mit zuviel tierischen Fetten längst kein Thema mehr, dass der Gesundheitspolitik nur in den Industrieländern Kopfzerbrechen bereitet.
  
Die Bezüge des Themas Tiere und Entwicklung in anderen Politikbereichen gelten auch für die Umweltpolitik. Zu intensive Tierhaltung in Regionen, die vom Verlust von landwirtschaftlichen Flächen durch Wüstenbildung bedroht sind, hat oft doppelt tragische Folgen.
 
Neben dem meist unwiederbringlichen Verlust von landwirtschaftlich nutzbaren Böden fallen auch die Ernährungsgrundlagen für Nutztiere und damit die Ernährungsgrundlage für die Tierzüchter fort. Daher muss sich die Nutztierhaltung gerade in umweltsensiblen Regionen in besonderem Maße an Nachhaltigkeitskriterien ausrichten.
 
Daher bleibt festzuhalten: Tiere sind für die Entwicklungszusammenarbeit ein tierisch spannendes und weitgefächertes Thema.
 
(Autor: Martin Nissen, Ernährungsreferent, Deutsche Botschaft Paris, Mitglied im Beirat der französischen Stiftung FARM, eine Stiftung zu Landwirtschaft und ländlicher Entwicklung in der Welt (La Fondation pour l'agriculture et la ruralité dans le monde).