"Wir haben uns zum 'Homo Urbanus' (Stadtmenschen) entwickelt!" Im Jahr 2008 wird zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Hälfte der Menschen in Stadtgebieten leben. Viele davon werden in Städten mit mehr als 5 Millionen Einwohnern, den Megastädten, und erweiterten Vorstädten wohnen. Mit am schnellsten wachsen die Städte in Afrika.
Menschen in Städten benötigen für ein Leben in Zufriedenheit, Gesundheit und Würde einen angemessenen Wohnraum in der städtischen Enge. Sie benötigen eine angemessene Unterkunft sowie einen rechtlich sicheren Zugang zu Wasser und Elektrizität. Die Systeme der Abfall- und Schmutzwasserentsorgung müssen sauber und gesundheitsfreundlich sein. Schließlich benötigen sie Verkehrswege und Transportmöglichkeiten, die sie mit ihrer Arbeit im städtischen Raum verbinden. Auch Märkte und Orte des sozialen Austauschs sowie Orte der Kommunikation und Information müssen erreichbar sein. Sind diese Bedingungen erfüllt, können sie an der "Lebensgemeinschaft Stadt" teilnehmen.
In den Mega- und Großstädten der Länder des Südens ist jedoch ein großer Teil der Stadtbewohner von einer solchen Basisversorgung ausgeschlossen. Menschen, die zu den Armen zählen, haben in der Regel kein vom Staat oder der Stadt anerkanntes Recht auf eine Ansiedlung. Diese so genannten "Squatter" haben damit auch kein Anrecht auf die benötigten Versorgungsleistungen. Sie finden sich ausgeschlossen – ja bedroht durch moderne Entwicklungsprozesse. Diese verwehren ihnen jeglichen Zugang zu den Grundbestandteilen eines menschenwürdigen Lebens.
Der Prozess der Stadtentwicklung und Stadtplanung wird heute maßgeblich von der Wirtschaft in Gestalt privater Investoren und großer Konzerne geprägt. Zum Anreiz für solche Investoren versprechen die Regierungen attraktive Standorte nahe der Innenstadt mit ihren zentralen Einrichtungen und Geschäften. In diesen Stadtvierteln leben und wohnen jedoch Menschen! Sie haben sich dort niedergelassen, eben jene "Squatter" ohne ausdrückliche Baugenehmigung und rechtliche Absicherung.
Addis Abeba befindet sich zu Beginn des Jahres 2007 an der Schwelle zu einer "Megastadt". Die Hauptstadt und Schaltzentrale von Äthiopien wächst mit einer enormen Geschwindigkeit. So schnell wachsen selbst urbane Zentren in den Boom-Regionen China und Indien nicht!
Die Einwohnerzahl von Addis Abeba wird zurzeit auf 4,2 Millionen geschätzt. Bei anhaltendem Bevölkerungswachstum von heute sechs Prozent wird sie sich in 20 Jahren verdoppelt haben. Mehr als 80 Prozent dieser Menschen wohnen dabei nach Schätzungen von UN-Habitat in Slums mit entsprechend mangelhafter Infrastruktur und unzureichender Versorgung.
Addis Abeba ist dabei eine besondere Stadt! Sie wurde niemals von einer Kolonialmacht beherrscht. Und sie ist nicht wie viele Hauptstädte der Nachbarstaaten kolonial gegliedert – in Weiß und Schwarz oder Reich und Arm. Die Stadt ist noch bis heute durch ein vielfältiges soziales Nebeneinander geprägt. Das bedeutet auch, dass die Armen zuweilen eine kleine Unterstützung von den reichen Nachbarn erwarten konnten.
Dieses System wird heute aus vielfältigen Gründen aus den Angeln gehoben. Zum einen kann die Flut täglich hinzukommender armer Menschen auf diesem Weg nicht mehr aufgefangen werden. Mehr als die Hälfte der Bewohner von Addis lebt unter der Armutsgrenze und etwa ein Drittel leidet unter extremer Armut.
Zum anderen ist die Stadt heute politischen und wirtschaftlichen Kräften unterworfen, die in der Tendenz auf eine Trennung zwischen Arm und Reich abzielen. Die stadtpolitischen Entscheidungsträger sind bemüht, jeden finanzkräftigen Investor, der sich in Addis ansiedeln möchte, willkommen zu heißen. In der Regel werden Baurechte auf städtischem Boden garantiert. Dabei sind besonders jene Grundstücke und Viertel begehrt, die möglichst der Innenstadt nah und über das Straßennetz gut zu erreichen sind.
Gerade diese Flächen sind jedoch nicht unbewohnt! Hier haben sich vielmehr besonders jene angesiedelt, deren Überleben davon abhängt, dass möglichst viele Familienmitglieder zum Haushaltseinkommen beitragen. Das geschieht über kleinen Handel oder sporadische Dienstleistungen, die eine Anbindung an das innerstädtische Leben erfordern. Und in diesem Spannungsfeld gewinnt die Frage des Zugangs zu städtischen Landflächen höchste politische Brisanz.
Die Politik einer Privatisierung und Öffnung in Richtung globaler Märkte und Investoren wird von der internationalen Gebergemeinschaft begrüßt. Auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds und mit diesen auch die Bundesregierung unterstützen diese Entwicklung. Hiervon verspricht man sich nachhaltige Impulse für eine wirtschaftliche Stabilisierung.
Auf der anderen Seite setzt sich die Weltgemeinschaft in den Millenniumserklärungen 2000 jedoch das oberste Ziel, bis zum Jahr 2015 die Armut weltweit um die Hälfte zu verringern.
Sind beide Ziele miteinander zu vereinbaren?
Ganz offensichtlich sind die Prozesse einer modernen Stadtentwicklung in Addis Abeba weder "allein positiv" noch "nur negativ" zu bewerten. Es gibt Gewinner und Verlierer! Zu den Gewinnern zählen all jene, die nun einen gesicherten Zugang zu profitablen Landparzellen haben. Dort können sie Geschäftsgewinne erzielen oder komfortabel wohnen. Zu den Gewinnern zählt aber auch die Stadtverwaltung, die mit gesicherten Steuereinnahmen rechnen und planen kann.
Auf der Verliererseite sind jene zu finden, die sich macht- und rechtlos dem politischen Kalkül beugen müssen. Die Klage der Betroffenen beschreibt eine Lebenssituation, in der sie sich von der Gesellschaft ausgeschlossen finden. Nun sind ihnen alle Mittel – ökonomische, soziale und kommunikative – genommen. Zuvor nahmen sie zumindest in mancher Hinsicht an dem Leben der Stadtgemeinschaft teil. Nun bleibt für die Gegenwart festzustellen: Es sind die Armen, die schließlich den Preis für moderne Entwicklungen – in Addis Abeba wie anderswo – zahlen.
In Addis Abeba wendet sich das Programm der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit "Urban Governance and Decentralisation (UGDP)" an die äthiopischen Partner in der Stadtplanung und Stadtverwaltung. Es will sie unter anderem darin unterstützen, diesen bisher macht- und rechtlosen Stadtbewohnern Möglichkeiten zu eröffnen, ihre Bedürfnisse zu benennen. Sie sollen sich schließlich selbst aus der Situation ihres gesellschaftlichen Ausschlusses befreien können.
Wie viel nachhaltiger Erfolg dem Programm beschieden sein wird, muss die Zukunft zeigen.
(Autorin: Sabine Tröger, Geographisches Institut der Universität Bonn)
Geographisches Institut der Universität Bonn - Arbeitsgruppe Sabine TrögerDeutsche Stiftung Weltbevölkerung - Weltbevölkerungsbericht 2007BMBF: Forschung für die nachhaltige Entwicklung der Megastädte von morgenGTZ: Megacities und ihre Armen: Krise oder ChanceKonrad-Adenauer-Stiftung: Megacities III - Handlungsmodelle und strategische Lösungen (PDF)