Afrika kommt

Warum es sich lohnt, in Afrika zu investieren

von Bianca Buchmann, Präsidentin des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, geschäftsführende Gesellschafterin Hospital Engineering GmbH

Warum betrachten wir Afrika fast nur als Region, in der man Wohltaten von uns erwartet? Wann werden wir den schwarzen Kontinent als Ort der Hoffnung und der Chancen begreifen lernen?

Wirtschaftlich gesehen haben wir überwiegend ein einseitiges Bild von Afrika, nämlich als Rohstofflieferant. Aber wer weiß schon, dass bekannte deutsche Automarken aus Afrika heraus den Weltmarkt beliefern? Und dass diese lokalen Werke im internationalen "benchmarking", also in der Vergleichsanalyse mit den besten Konkurrenten, an vorderster Stelle liegen, lässt ebenfalls aufhorchen.

Derzeit leben über 900 Millionen Menschen in Afrika, das entspricht 14 Prozent der Weltbevölkerung auf einer Landmasse, die 21 Prozent des Globus darstellt. Afrika ist ein Kontinent reich an Bodenschätzen und mit hohem Agrarpotenzial. Mit seinen Regenwäldern und der Abwesenheit von schädlichen Emissionen stellt es noch eine ökologische Lunge dar, deren Wert wir mehr und mehr schätzen lernen.

Ein Gehaltsempfänger in Afrika ernährt in der Regel elf weitere Personen! Und Ruhestand bedeutet meistens ein „zweites“ Arbeitsleben, vielleicht mit einer bescheidenen Farm oder mit einem kleinen Geschäft.

Als Wirtschaftsstandort begreifen

Afrika hat sicherlich ein Imageproblem. Kriege, Chaos, Hungersnot, Armut: All das eignet sich für die Acht Uhr-Nachrichten. Und schnell entsteht die Gleichung un(ter)entwickelt = unattraktiv. Was viel seltener geschieht, ist die Darstellung und die Wahrnehmung des afrikanischen Kontinents als Wirtschaftsstandort – auch durch die Medien.

Dabei heißt die Aufgabe nicht „schön reden“, sondern differenzieren. Letztendlich betrachtet auch keiner die Europäische Union als einheitlichen Wirtschaftsraum, sondern als eine Vielzahl unterschiedlicher Wirtschaftsstandorte, die miteinander konkurrieren. Und genau diese Detailbetrachtung fehlt vielfach bei Afrika.

Und vor Ort mangelt es an dem Bewusstsein für die Positionierung als Konkurrenten um Kapital (sprich Investitionen), das sich weltweit frei bewegt und nach den besten Standorten sucht. Globalisierung verknüpft Märkte und Menschen und schafft somit Netzwerke. Leider sind für einzelne Länder Wettbewerb und Globalisierung unverändert noch Fremdwörter.

Weltweit betrachtet wurde Wohlstand immer da geschaffen, wo wirtschaftliche Kräfte sich frei entfalten durften. Daher sind Chancen das, was wir großzügig verteilen sollten, nicht Almosen.

Liebe e.velop-Leserinnen und -Leser, lassen Sie die folgenden zwei Beschreibungen einmal bewusst auf sich wirken:

Deutsch-Afrikanische Wirtschaftsbeziehungen

Der Warenaustausch stagniert seit Jahren bei rund zwei Prozent am gesamten Außenhandelsvolumen Deutschlands und bleibt somit im Bereich der Marginalität. Zudem sind die Handelsströme regional sehr unterschiedlich verteilt: Ein Drittel entfällt allein auf die Südspitze, inklusive der nördlichen Region sind wir bei 80 Prozent.

Chinesisch-Afrikanische Wirtschaftsbeziehungen

Exponentielle Zuwachsraten. Allein in den Neunzigerjahren stieg das Handelsvolumen um 700 Prozent. Von 2002 auf 2003 verdoppelte es sich – um dann 2004 noch einmal nahezu 100 Prozent zuzulegen. Großbritannien wurde inzwischen von Platz drei als wichtigster Handelspartner verdrängt, nur noch die USA und Frankreich liegen weiter vorn. Diese Verschiebung der traditionellen Handelswege wird in Deutschland meiner Meinung nach noch nicht entsprechend wahrgenommen.

Wie man Afrika bewertet, ist eine Frage der Perspektive und der Interessen. Im Gegensatz zu Deutschland, Europa und den Vereinigten Staaten sieht China in Afrika nicht zuallererst den Hunger- und Katastrophenkontinent. Für China sind es mit Rohstoffen gesegnete Regionen und nach Konsumgütern lechzende Populationen. Überall, wo es Öl, Kupfer, Kobalt, Platin und dergleichen gibt, sind die Chinesen vor Ort.

Gute Regierungsführung zieht Investoren ins Land

Bekannt sind in Deutschland oft die gängigen Vorstellungen und Argumente, die man gemeinhin gegen ein Engagement in Afrika vorbringt. Das sind fehlende Kaufkraft, Vertragsunsicherheit, Korruption, gering qualifizierte Arbeitskräfte, mangelnde Infrastruktur bis hin zu instabilen politischen Rahmenbedingungen - um nur einige zu nennen.

Solche Argumente haben sicherlich ein gewisses Gewicht. Ich persönlich und als Unternehmerin habe mit nahezu allen genannten Problemen schon Bekanntschaft gemacht.

Dennoch stehen dieser Wahrnehmung auch andere Zahlen gegenüber: Afrika weist insgesamt seit einigen Jahren eine reale Wachstumsrate von über fünf Prozent auf, Tendenz weiter steigend. Und da dies ein Durchschnittswert ist, liegen einzelne Volkswirtschaften deutlich darüber – eine Perspektive, von der wir hier in Deutschland nur träumen können. Wir sollten deshalb viel optimistischer sein und die Arme als Investor und Handelspartner hochkrempeln.

 

Und politische Prozesse geben Hoffnung, etwa die nach dem Vorbild der Europäischen Union gegründete Afrikanische Union und „Nepad“, die „Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung“. Auch gute Regierungsführung wirkt sich positiv aus. Solche Neuerungen stellen einen wesentlichen Beitrag zur Selbstbestimmung und zur Demokratisierung Afrikas dar. Damit hat Afrika selbst die Verantwortung für die Definition seiner Probleme und deren Lösung übernommen.

Der Privatwirtschaft ist in diesem Prozess eine wichtige, tragende Rolle zugewiesen. Sie wird gemeinhin als der „Motor“ der Entwicklung bezeichnet. Und funktionstüchtige Privatunternehmen schaffen sich erfahrungsgemäß im Laufe der Zeit automatisch auch funktionstüchtige privatwirtschaftliche Institutionen, die im besten Fall einen handlungsfähigen Gegenpol zu Regierungen bilden.

Chinas Fuß in Afrika

Doch noch einmal kurz zurück zu China: Ob das erwähnte starke chinesische Engagement für Afrika Fluch oder Segen ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Der deutschen Industrie jedenfalls entgehen eindeutig massive Geschäftschancen. Staudämme, Flughäfen, Kraftwerke, Straßen, Eisenbahnnetze: Wir sind nur noch bei der Konzeption gefragt, vielleicht noch im Projektmanagement, nicht mehr aber bei der Umsetzung. Wir können preislich nicht mithalten oder haben erst gar keine Chance, da Lieferbindungen an chinesische Firmen bei Krediten Vorschrift sind.

Um Geschäftschancen ringen

Das Anbieten von Komplettlösungen von der Finanzierung über das Engineering und den Bau bis hin zur Schulung von einheimischem Personal, das war und ist deutsches Terrain. Wir dürfen uns aber nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen. Das, was uns traditionell auszeichnet, diese Felder müssen wir nun mit anderen teilen. China spielt Trumpfkarten aus, wie staatlich geförderte Investitionspolitik, weiche Kredite, gar zinslose Darlehen, denen wir nichts entgegenzusetzen haben. Und die Projektdurchführung geschieht auch noch in einem Bruchteil der Zeit, die ein solches Projekt bei westlicher Finanzierung benötigen würde.

Die staatlichen und manchmal auch die privaten chinesischen Firmen agieren dabei als der verlängerte Arm nationaler Interessen. Sei es in der Rohstoffsicherung, beim Aufbau von Absatzmärkten für chinesische Produkte oder bei der Übernahme lokaler afrikanischer Produktionsstätten, womit Privilegien auf internationalen Vertriebeswegen verbunden sind.

Da sich China zudem nicht in die inneren Angelegenheiten der Länder einmischt (ganz im Gegenteil zum Westen und den internationalen Finanzinstitutionen, die zu Recht gute Regierungsführung verlangen), erscheint es als attraktiver Partner für nach Souveränität strebende Regierungen. Dass bei vielen Infrastrukturprojekten überwiegend chinesische Arbeitskräfte zum Einsatz kommen, wird dann schon mal großzügig übersehen. Auch über die Nachhaltigkeit macht man sich keine Gedanken, denn dafür ist die Entwicklung noch zu jung, und das Etikett „billig“ lässt nahezu alles erst einmal in einem attraktiven Licht erscheinen.

Haben wir Deutsche da überhaupt noch Chancen? Auf jeden Fall wird es immer schwieriger und enger. Unser Verständnis von Außenwirtschaftsförderung und das der Chinesen haben wenig miteinander zu tun. Wir müssen deshalb agieren und durch gute Partnerschaft und Leistung überzeugen. Beispielsweise müssen wir unsere Spitzenposition in der Umwelttechnologie erhalten und ausbauen.

Signale der Bundesregierung

Dass Afrika mit seinem ungeheuren Entwicklungspotenzial deutschen Unternehmen mannigfaltige Geschäftsmöglichkeiten bietet, ist auch die Meinung der Politik. Bereits vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die deutsche Wirtschaft ermutigt, ihr Engagement auf dem Nachbarkontinent zu verstärken: "Wer heute Afrika als Investitionsstandort akzeptiert, wird morgen die Früchte ernten“, denn Afrika habe ein unglaubliches Entwicklungspotenzial.

Auch die Afrikabeauftragte der Bundeskanzlerin, Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul ist überzeugt: "Der Schlüssel zu Afrikas Entwicklung ist ein Wirtschaftswachstum, von dem auch die Armen profitieren." Beiden kann ich da als Unternehmerin und als Präsidentin des Afrika-Vereins nur zustimmen.

Bei den Möglichkeiten, die sich deutschen Unternehmerinnen und Unternehmern bieten, sollte unser Blick aber nicht nur auf die spektakulären Investitionen der Großindustrie gerichtet sein. Hierbei spielen insbesondere die Chancen für kleinere und mittlere Betriebe eine herausragende Rolle.

Eine dabei bildlich gesprochen hilfreiche „Lupe“ ist der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft mit Sitz in Hamburg, dessen Vorsitzende ich bin. Wir bündeln zum einen die Interessen der deutschen Industrie und Dienstleister im Afrikageschäft gegenüber den Regierungen in Deutschland, Europa und Afrika. Zum anderen sind wir mit mehr als 500 Mitgliedern der Know-how Pool, was Afrika betrifft.

Wir müssen immer wieder Innovationsführer sein und die Nähe zu Afrika als Chance begreifen. Deutschland hat die Kraft und die Werkzeuge dazu. 

(Autorin: Bianca Buchmann, Präsidentin des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, geschäftsführende Gesellschafterin von Hospital Engineering GmbH)

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