Sierra Leone

Sierra Leone: Chance für den Neuanfang

Sierra Leone ist eines der ärmsten Länder der Welt. Der überwiegende Teil der Menschen lebt von der Landwirtschaft. In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre kam Sierra Leone wegen eines äußerst brutal geführten Bürgerkriegs in die Schlagzeilen. Er wurde von allen Konfliktparteien auch mit zwangsrekrutierten Kindersoldaten geführt.

Finanziert wurde der Bürgerkrieg in erster Linie durch den illegalen Handel mit Diamanten. Der Krieg endete offiziell im Januar 2002.

Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) arbeitet im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums seit 1963 in Sierra Leone. Aufgrund des Bürgerkrieges musste die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit zwischen 1992 und 2002 unterbrochen werden.

Während dieser Kriegsjahre gehörte die GTZ zu den wenigen Organisationen, die im Land blieben und Nothilfemaßnahmen durchführten. Sie setzte Programme der Weltbank und des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen zur Demobilisierung und Reintegration von Milizen um. Auch Programme zur Wiedereingliederung und Betreuung von über 200.000 Flüchtlingen wurden durchgeführt.

Seit 1999 ist die GTZ wieder mit einem Vorhaben der entwicklungsorientierten Nothilfe im Land. Seit 2004 führt sie Vorhaben der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit in der Hauptstadt Freetown und in der Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts Kenema im Südosten des Landes durch. Gegenwärtig fördert sie Aktivitäten mit lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einheimischen Partnern in fast allen Distrikten des Landes.

Gesellschaftliche Auswirkungen des Krieges

Als Folge des Bürgerkrieges finden sich insbesondere Kinder und Jugendliche am Rand der Gesellschaft wieder. Viele sind durch die Kriegsereignisse traumatisiert. Sie sind von Familie und Gemeinde entfremdet, extrem gewaltbereit und entbehren einer Orientierung an sozialen Normen und Werten.

Die zunehmende Perspektivlosigkeit verschärft die Gewaltbereitschaft, sodass das Leben dieser Kinder und Jugendlichen häufig von Kriminalität und Drogenmissbrauch geprägt ist. Zudem besteht für sie eine erhöhte Gefährdung, an HIV/Aids zu erkranken. Not und Armut lassen die Kinder und Jugendlichen oft menschenunwürdige Abhängigkeitsverhältnisse eingehen, sodass ihnen ein ziviles Leben bislang weitgehend verwehrt bleibt.

In der Bevölkerung wächst die Sorge, dass von dieser vernachlässigten Generation mittelfristig eine Gefahr für den mühsam erreichten Frieden ausgeht. Dies wiederum behindert derzeit eine erfolgreiche Integration dieser Kinder und Jugendlichen.

Frieden schaffende Maßnahmen

Deshalb konzentriert sich die Zusammenarbeit der GTZ auf Frieden schaffende Maßnahmen wie Ernährungssicherung, Grundbildung, berufliche Bildung und die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten. Bevölkerungsgruppen am Rande der Gesellschaft und insbesondere die Jugendlichen erhalten somit eine Chance, sich aus diesem Teufelskreis zu befreien.

Im Bereich der Beschäftigungsförderung von Jugendlichen arbeitet die GTZ mit der deutschen KfW Entwicklungsbank zusammen und unterstützt lokale Nichtregierungsorganisationen im Bereich des Zivilen Friedensdienstes. Ihre Aktivitäten stimmt die GTZ zudem eng mit anderen internationalen Gebern ab. Das sind zum Beispiel Großbritannien, die Europäische Union, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen und die Weltbank.

Mobile Lehrwerkstätten auf Rädern

Vor allem Jugendliche sind von der ohnehin hohen Arbeitslosigkeit betroffen. Ein weiteres Problem: Oftmals gibt es auf dem Land keine oder kaum Betriebe, die überhaupt Lehrlinge ausbilden. In Sierra Leone fiel desahlb der Startschuss für ein innovatives Gemeinschaftsprojekt des Technischen Hilfswerks und der GTZ.

Mit Hilfe von mobilen Trainingscontainern können Jugendliche in ländlichen Gebieten grundlegende Kenntnisse und handwerkliche Fertigkeiten erwerben. Das Angebot erstreckt sich auf Bereiche wie Metallverarbeitung, Automechanik und Elektrik.

Zunächst werden 36 Lehrlinge, darunter 14 Frauen, in den drei Ausbildungseinheiten geschult. Alle Lehrwerkstatt-Container sind dafür mit den notwendigen Werkzeugen ausgestattet. Zur Ausrüstung gehören Bohrmaschinen, Winkelschleifer, Schleifböcke, Werkbänke und Zelte. Spezielle Generatoren garantieren den Antrieb der elektrischen Maschinen. Die drei Trainingscontainer ermöglichen bis Ende 2007 mehr als 200 jungen Menschen eine Ausbildung. Finanziert werden sie vom Bundesentwicklungsministerium.

Die Ausbildung läuft nach dem dualen Lehrprinzip, also in enger Verbindung von Theorie und Praxis. Von den Ausbildungskursen profitieren nicht nur junge Arbeitsuchende, sondern auch die ortsansässigen Handwerker.

Ihr neu erworbenes Wissen sollen die Jugendlichen zukünftig als Multiplikatoren für Innovation und Qualität in den abgelegenen Provinzen Sierra Leones weitergeben. 

Den privaten Sektor fördern

Berufliche Bildung ist nicht alles: Arbeitsplätze schafft die GTZ vor allem durch die Förderung des privaten Sektors. Sie ist die erste Institution, die in Sierra Leone nach dem Ende des Bürgerkrieges eine landesweite Erhebung über das Beschäftigungspotenzial durchgeführt hat. Sie bezog sich auf die Landwirtschaft, die verarbeitende Industrie sowie den Dienstleistungssektor.

Untersucht wurden private Initiativen im informellen Sektor, jedoch auch Klein-, Mittel- und Großunternehmen. Sie alle arbeiten oft mit nur geringfügiger technischer Ausstattung und wenig finanziellen Mitteln. Bekommen diese Initiativen und Betriebe Kapital und technische Unterstützung, entstehen überlebensfähige Betriebe mit Tausenden von neuen Arbeitsplätzen.

Betriebe wieder flott machen

In Freetown beispielsweise hat die GTZ 42 Jugendgruppen im Bereich der Müllentsorgung organisiert. Die Kosten werden durch den Verkauf dieser Service-Leistungen an Abonnenten gedeckt. Nach der Rehabilitierung der Mülldeponie von Freetown werden weitere Jugendgruppen durch Recycling-Aktivitäten ein Einkommen haben.

Ein weiteres Beispiel: In der Umgebung von Freetown ist die Rehabilitierung verlassener landwirtschaftlicher Betriebe geplant. Dort werden arbeitslose Jugendliche unter Anleitung von Landwirtschaftsexpertinnen und -experten in nachhaltigen und kostendeckenden Anbaumethoden geschult.

Viele kleine Handwerksbetriebe, Verarbeitungstätten von Agrarprodukten und Metallverarbeitungsbetriebe werden von Fachleuten unterstützt. Sie helfen bei der Suche nach Lösungen für technische, organisatorische, finanzielle und Marketing-Probleme. Gleichzeitig werden so Probleme beseitigt, die Betriebe daran hindern, Arbeitsplätze zu erhalten oder zu schaffen.

Kapitalquellen erschließen

Durch den Krieg ist bei vielen mittleren und größeren Unternehmen die Produktionskapazität stark zurückgegangen oder gar ganz zerstört worden. Ihnen hilft die GTZ, neue Kapitalquellen zu erschließen. Dies gilt etwa für Plantagen, Großanbau- und Viehzuchtbetriebe.

Den privaten Sektor fördert die GTZ außerdem im Hinblick auf die Schaffung demokratischer Strukturen. Zum Beispiel unterstützt sie Interessenvertretungen wie den Verband kleinerer- und mittlerer Unternehmen sowie eine Koordinierungsstelle für zivilgesellschaftliche Gruppen.

Fazit: Private Unternehmer und alle Teile der Gesellschaft müssen die Möglichkeit haben, sich am Politikdialog mit dem Staat und den internationalen Gebern zu beteiligen. Nur dann wird die Entwicklung Sierra Leones hin zu einem Staat mit guter Regierungsführung erfolgreich sein.

(Autoren: Salua Nour, GTZ-Büro Sierra-Leone, Jörg Hilger, Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, Eschborn)

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