Energie + Wohnen

Nachhaltigkeit gibt es auch aus Stein

Bild vom Gebäude des Bundesamtes für StrahlenschutzBild vergrößern Neu und nachhaltig: das Bundesamt für Strahlen-schutz in Berlin Foto: BfS

Unter redaktioneller Mitarbeit von Christine Wackernagel

Berlin-Karlshorst – hier gibt es viel Geschichte zu entdecken, etwa Bürgervillen aus dem 19. Jahrhundert oder das deutsch-russische Museum. Zugleich bietet der kleine Stadtteil aber auch neueste Baukultur.

Denn das Bundesamt für Strahlenschutz, in Karlshorst mit 130 Mitarbeitern vertreten, wurde Anfang dieses Jahres mit dem Gütesiegel "Nachhaltiges Bauen" in der Kategorie Silber ausgezeichnet. Erst wenige Gebäude in ganz Deutschland haben ein solches Zertifikat erhalten.

Auf den ersten Blick ist dem neuen Labor- und Bürogebäude seine Nachhaltigkeit nicht anzusehen. Ein grau-oranger Doppelgeschossbau aus Beton schließt an einen Rundbau aus den siebziger Jahren an.

Dem Nachhaltigkeitsgedanken entsprechend – Ökonomie, Umwelt und Soziales gleichrangig zu betrachten und auszugleichen – enthält der 2009 eingeweihte Bau jedoch viele Vorzüge.

Zahlreiche Pluspunkte

Die Planung des Gebäudes und der Bau selbst wurden von Fachleuten für ökologische Bautechnik betreut und überwacht. Zentraler Ansatzpunkt dabei war ein "Lebenszyklus" von 50 Jahren. Alle Phasen, die das Gebäude durchmacht – Errichtung, Nutzung und eventuell Entsorgung nach 50 Jahren – wurden von vorneherein mit bedacht.

Entsprechend überprüften die Bio-Bautechniker alle Bauteile auf ihre Nutzungseigenschaften. Außerdem fragten sie: Mit welchen Instandhaltungskosten ist in der genannten Zeitspanne zu rechnen? Wie lassen sich die Recyclingtauglichkeit und die Energieeffizienz des Gebäudes optimieren? Auf diese Weise konnten die Gebäudedämmung und Fenstertechnik so verbessert werden, dass der ursprünglich veranschlagte Energiebedarf des Gebäudes um dreißig Prozent sank.

Darüber hinaus wurden alle Baumaterialien auf gefährliche Inhalte wie etwa Lösemittel oder ozonschichtschädigende Stoffe überprüft. Nur gesundheits- und umweltverträgliches Material kam zum Einsatz.

Fällt Regen, so versickert er auf dem Grundstück oberirdisch. Das trägt zur Grundwasserbildung bei. Die Raumlufttechnik des Gebäudes gewinnt Wärme zurück.

Woran merken die Mitarbeiter am meisten, dass sie in einem nachhaltigen Gebäude arbeiten?  Pressesprecherin Anja Schulte-Lutz verweist auf das gute Innenraumklima. "Das Gebäude ist so gut isoliert, dass im Sommer keine Klimaanlage erforderlich ist. Trotzdem spenden große Fenster viel Tageslicht". Für die angenehmen Raumtemperaturen sorgt unter anderem das dichte Grün auf dem Hauptdach. 

Abstriche in puncto Nachhaltigkeit musste das Bundesamt für Strahlenschutz bei der Nutzungsqualität machen. Dies lag jedoch teilweise an den besonderen Anforderungen an Sicherheit und technische Ausstattung, die sich bei einem so sensiblen Thema wie Strahlenschutz automatisch stellen. Auch bei der so genannten Prozessqualität – Planung und Bausausführung – wurde das Optimum nicht erreicht. Das lag aber schlicht daran, dass die Beurteilungskriterien zum Zeitpunkt der Planung noch nicht ausreichend definiert waren.

Das Notensystem für nachhaltige Gebäude

Logo Nachhaltiges BauenBild vergrößern Das Gütesiegel "Nachhaltiges Bauen" Foto: BMVBS

Der Neubau des Strahlenamts macht klar: Hinter dem Gütesiegel "Nachhaltiges Bauen" verbirgt sich ein aufwändiges Bewertungssystem für Architektur. Es entstand im Jahr 2008 auf Initiative des Bundesbauministeriums und der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen. Ziel war, umfassende Gütekriterien für nachhaltigen Gebäudebau auf wissenschaftlicher Grundlage zu schaffen.

Entsprechend besteht das Zertifikat aus einer Gebäudenote und einer Bewertung des Standorts. Die Gebäudenote setzt sich zusammen aus fünf Teilen:

  • ökologische Qualität (Ökobilanz, Wirkungen auf die lokale und globale Umwelt, Inanspruchnahme von Wasser und anderen Ressourcen, Abfallaufkommen),
  • ökonomische Qualität (Lebenszykluskosten, Wertstabilität),
  • soziokulturelle und funktionale Qualität (zum Beispiel Barrierefreiheit, hohe thermische Qualität im Sommer wie Winter, Flächeneffizienz, Möglichkeit der Umnutzung),
  • technische Qualität des Bauwerks (Instandhaltungs- und Reinigungsfreundlichkeit, Rückbau- und Recyclingmöglichkeit),
  • Prozessqualität (integrale Planung, Qualität der bauausführenden Firmen, laufende Qualitätskontrolle beim Bau, richtige Bewirtschaftung durch systematische Inspektion).

Die Standortnote bewertet zum Beispiel die Verkehrsanbindung des Gebäudes und die natürlichen Gefahren durch Erdbeben, Sturm, Hochwasser oder elektromagneteische Felder.  Pluspunkte erhält ein Standort, wenn er bereits für Erdgas, Fern- oder Nachwärme und durch einen DSL-Anschluss erschlossen ist.

Die Bewertungsregeln "Nachhaltiges Bauen" gelten zur Zeit nur für den Neubau von Büro- und Verwaltungsgebäuden. Aber sie sollen nach und nach auf weitere Bauwerksarten wie Schulen, Wohngebäude und Brücken übertragen werden.

Wieso sind nachhaltige Gebäude wichtig?

Bauen verbraucht viele Ressourcen und einiges Geld. Pro Jahr werden circa 123.000 Häuser in Deutschland fertiggestellt. Wie der Bau so ist auch die Nutzung eines Gebäudes ohne Energie nicht möglich: Über drei Viertel der im Privathaushalt direkt genutzten Energie wird laut Deutscher Energieagentur für das Heizen benötigt. Und Bauen heißt oft auch immer noch, natürliche Flächen zu versiegeln. Tag für Tag werden über 35 Hektar Land allein für Gebäude neu bebaut.

Deswegen ist es wichtig, Nachhaltigkeit auch im Bauwesen stärker zu verankern. Um eine Umstellung des Planens, Bauens und der Nutzung zu fördern, hat das Bundesbauministerium 2001 den Leitfaden "Nachhaltiges Bauen" veröffentlicht. Für Baumaßnahmen des Bundes ist er Vorschrift. Noch in diesem Jahr wird er vollständig überarbeitet neu herauskommen.

Hereinspaziert ins "Plus-Energie-Haus" Um konkret zu machen, welche Möglichkeiten für ressourcenbewusstes Bauen heute bestehen, hat das Bundesbauministerium ein Musterhaus entwickeln lassen: das "Plus-Energie-Haus".Das Modellhaus erzeugt mehr mehr Energie als es verbraucht.  Es besteht aus neuesten Dämmstoffen wie Vakuumdämmungen, hoch dämmenden Fenstern sowie so genannten Latentwärmespeichern. All das drosselt den Energieverbrauch. Außerdem demonstriert das Modell, wie sich Raumwärme, Warmwasser und Strom effizient bereitstellen lassen. Auch am Markt verfügbare Techniken wie Mini-Blockheizkraftwerke, Brennstoffzellen, Wärmepumpentechnologien, Photovoltaik und "intelligente" Stromzähler werden gezeigt.Das Plus-Energie-Haus wandert zur Zeit als Informations-, Ausstellungs- und Veranstaltungspavillon durch das Land. Noch bis zum 4. Oktober kann man es in Düsseldorf besichtigen. Vom 1. November bis zum 28. Februar 2011 ist es in Hannover zu Gast.

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