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Sein Plädoyer: bewusster Konsum
Foto: BMU / Lüdecke
Herr Minister, viele sagen, der Einfluss des einzelnen Verbrauchers auf die gesellschaftliche Entwicklung hin zu einem nachhaltigeren Produktions- und Konsumstil sei begrenzt. Wie sehen Sie das?
Ich glaube, damit unterschätzt man die Menschen. Wenn viele Einzelne gezielt fragen, nach regionalen und saisonalen Lebensmitteln, nach Produkten mit Bio- und Fairtrade-Siegel, nach Produktionsbedingungen, nach Elektrogeräten mit geringem Energieverbrauch und so weiter, dann wirkt das. Wenn der Handel auf Produkten sitzen bleibt, die nicht nachhaltig sind, dann hat das Einfluss auf die Produzenten.
Aber es stimmt: Ohne eine gesellschaftliche Veränderung, auch jenseits der Ladentheke, wird es nicht gehen. Hier hat sich in den letzten Jahren schon viel getan – ein nachhaltiger Lebensstil ist heute positiv besetzt, auch viele Unternehmen setzen darauf. Der Klimawandel und der Verlust der biologischen Vielfalt sind Themen, die nicht mehr nur im Wissenschaftsteil der Tageszeitungen vorkommen. Sie sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, und das prägt nach und nach auch den Lebensstil.
Wenn ich Nachhaltigkeit in allen ihren drei Dimensionen – Ökonomie, Ökologie und Soziales – Ernst nehme, lande ich als Verbraucher schnell bei der Annahme, dass vieles nicht vertretbar erscheint: seien es etwa Flugreisen, exotisches Obst oder zum Beispiel Handys, die kostbare Metalle enthalten, die unter fragwürdigen sozialen Bedingungen gewonnen werden. Bedeutet nachhaltiger Konsum Verzicht?
Was heißt denn Verzicht? Eine Verhaltensänderung kann sehr oft mit gleichbleibender oder sogar höherer Lebensqualität einhergehen. Nachhaltiger Konsum bedeutet vor allem: bewusster Konsum. Das bedeutet, genauer hinzuschauen und die eigene "Gesamtbilanz" im Auge zu haben. Der eine oder die andere kann oder will vielleicht nicht auf das Autofahren verzichten, senkt dafür aber zu Hause die Raumtemperatur um ein Grad ab oder geht zum Bioschlachter oder kauft Bier und Limonade in Mehrwegflaschen. "Hundertprozentig öko", das geht nicht. Aber insgesamt umweltgerechter leben, das geht schon.
Es ist sicher keine Zumutung, den kaputten Toaster zur Sammelstelle für Altgeräte zu bringen, anstatt ihn in den Hausmüll zu werfen, und ein Fahrradurlaub kann der Familie mehr Spaß bringen als stundenlang auf der Autobahn Richtung Süden im Stau zu stehen. Wer fliegt – und oft sind Flüge sehr günstig zu bekommen –, kann einen freiwilligen Beitrag für die Klimabelastungen zahlen. Ökostrom wiederum muss nicht teurer sein als konventionell produzierter Strom. Das alles hat mit Verzicht nichts zu tun.
Das Bundesumweltministerium will verstärkt Orientierungshilfen geben, um einen bewussten Konsum zu erleichtern, ohne zu bevormunden und den Zeigefinger zu heben. Ich glaube, oft scheitert ein bewusster Konsum an Informationslücken oder daran, dass es oft mühselig ist, sich Informationen zu beschaffen, nicht, weil die Menschen zu bequem sind oder es sich nicht leisten könnten.
Wer hat Ihrer Meinung das stärkere Potential, unseren Konsum zu ändern – die Verbraucherinnen und Verbraucher in ihrer Gesamtheit oder die Wirtschaft?
Der Haupthebel für einen nachhaltigen Produktions- und Konsumstil liegt eindeutig bei den Produzenten, also beim Angebot. Denn was soll ich als Verbraucher tun, wenn es keine Fernseher gibt, die einen echten Aus-Knopf haben? Die nachhaltige Wahl muss die einfache Wahl werden. Hier setzen die meisten unserer Instrumente auf EU-Ebene und in Deutschland an. Zum Beispiel die Ökodesignrichtlinie, die Grenzwerte für Strom verbrauchende Produkte vorschreibt. Das Aus für die klassische Glühbirne – einen echten Stromfresser – geht darauf zurück.
Neben Vorschriften zur Produktgestaltung nutzen wir auch andere Instrumente, um die Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit zu lenken. Dazu zählen Standards im Rahmen der Umweltzeichensysteme und die Schaffung von Märkten durch eine nachhaltige öffentliche Beschaffung. Doch es geht nicht ohne die Verbraucher. Hier setzen Instrumente an, die die Nachfrage anregen sollen. So wird das älteste Umweltzeichen der Welt, der Blaue Engel, auf immer mehr Produktgruppen im klimarelevanten Bereich ausgedehnt, um ein größeres Angebot an nachhaltigen Produkten zu schaffen.
Nachhaltigkeit meint ja letztendlich nichts anderes als einen Wertewandel. Wie kann dieser gelingen? Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Politik dabei?
Die Politik muss den Rahmen setzen. Sowohl für die Angebots- als auch für die Nachfrageseite. Sie muss darüber hinaus Anstöße für die gesellschaftliche Debatte geben. Am Anfang eines Wertewandels in Richtung Nachhaltigkeit steht die Erkenntnis, dass unser Lebensstil in Anbetracht der wachsenden Weltbevölkerung und des mit unserem Lebensstil einhergehenden Umweltverbrauchs nicht auf den Rest der Menschheit übertragbar ist – sonst bräuchten wir zwei oder mehr Erden. Es geht also auch um eine Gerechtigkeits- und Verteilungsdebatte. Klar definiert sind die Grenzen des Umweltverbrauchs. Ansonsten bieten sich viele Chancen für wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Innovationen. Dafür stellt die Politik Weichen, über Förderprogramme und Investitionsanreize.
Wie gestaltet sich der Konsum einer so großen Behörde wie des Umweltministeriums?
Im Bundesumweltministerium achten wir sehr darauf, dass nachhaltige Produkte und Dienstleistungen beschafft werden. So benutzen wir fast ausschließlich Recyclingpapier mit dem Blauen Engel. Wir haben als erstes Ministerium den Stromverbrauch auf Ökostrom umgestellt und uns nach dem Umweltmanagementsystem EMAS zertifizieren lassen. In unserem Rechenzentrum in Bonn haben wir mit Modernisierungsmaßnahmen in den letzten zwei Jahren den Energieverbrauch um etwa 60 Prozent gesenkt, sparen also echtes Geld und schonen das Klima. Dies sind nur einige Beispiele von vielen. Wir wollen als Vorreiter auch anderen Institutionen zeigen, dass nachhaltiger Konsum möglich und auch mit dem Vergaberecht vereinbar ist.