Zwanzig Zehnjährige im kleinen Schullabor, aber das Menschenskelett vorne neben dem Lehrerpult lässt sie alle kalt. An diesem Freitagmorgen haben die Viertklässler kein Auge für den gruseligen Blickfang. Sie wollen nur einen guten Sitzplatz erobern und endlich die schweren Rucksäcke und Plastiktüten ablegen. Auch das Thema der nächsten Stunde sorgt für zündende Atmosphäre: Die Klasse 4a der Mercator-Grundschule in der Berliner "Thermometersiedlung" startet mit dem Unterricht für den Ernährungsführerschein.
"Das ist schon was besonderes" – die Augen der kleinen Fatima leuchten. Sie hat wie jeder Schüler etwas für den Projektunterricht von zu Hause mitgebracht. Auf den Tischen türmen sich Schürzen, Küchentücher, Messer, Holzbrettchen, Schnittlauch, Möhren, Paprika und Gurken.
Wie bei der Autolizenz ist auch der Weg zum Ernährungsführerschein gepflastert mit Theorie und Praxis. Das heißt in der ersten Stunde, die Ernährungspyramide kennenzulernen. Kursleiterin Sabine Hamm, vom "aid infodienst" entsandt, hat zum Auftakt der Lernreihe für jedes Kind ein DIN-A4 großes rotes Heft mitgebracht. In den Arbeitsblättern führt "Kater Cook" durch die Welt des Kochens. Auch Frühstück machen, den Tisch abräumen, Essens-Benimmregeln und Gäste bewirten gehören zum Lernprogramm.

"Kater Cook" besucht in der ersten Arbeitseinheit seine Freunde, die in den verschiedenen Etagen der Ernährungspyramide wohnen. Die Kinder sollen die Klingelzeichen der Freunde auf den verschiedenen Etagen anbringen. Die Kinder können es kaum erwarten, zu antworten. Manch einer muss ermahnt werden, mit der Antwort nicht einfach herauszuplatzen.
Im Erdgeschoß wohnt zum Beispiel "Familie Durstig". Dass Wasser die richtige Basis für die tägliche Ernährung ist, ist schnell klar. Dass die "Frischs" und die "Fruchtigs" darüber wohnen, können die Kleinen anhand der aufgemalten Symbole noch erkennen. Kurze Verblüffung, als Frau Hamm ihnen die eigene Hand als Maßeinheit für den täglichen Bedarf empfiehlt. "Große Hand: größerer Bedarf. Kleine Hand – kleinerer Bedarf". In einer Großstadtkindheit voller Technik mag das eine erstaunlich einfache Orientierung sein.
Richtig schwierig wird es erst im dritten Stock: Getreide. Dass ihre geliebten Nudeln daraus bestehen, war vielen Schülern nicht klar. Anderes Fleisch als Wurst aufzuzählen, fällt auch nicht leicht. "Kartoffelpüree" schlägt der zarte Leslie aus der ersten Reihe mehr fragend als wissend als Beispiel für Milchprodukte vor. Quark und Joghurt sind Fehlanzeige.
Das überrascht die Sozialpädagogin der Schule, Tanja Dannenberg, nicht. "Viele Kinder bringen als Pausenbrot ungetoastetes Toastbrot mit Nutella, Chips, Schokolade und Eistee mit", berichtet sie. Bei der letzten Klasse, die den Ernährungsführerschein machte, sollten einige Kinder Vollkornbrot mitbringen. Sie kamen mit Graubrot in die Schule, dunkleres Brot kannten sie nicht. In der Kantine der Schule sei das grassierende Fastfood ein echtes Problem. Um die dort angebotene Rohkost überhaupt essen zu können, müssten manche Kinder erst wieder lernen, richtig zu kauen.
Wer einen Ernährungsführerschein macht, der schärft auch seine Sinne für das Essen. Beim Test dreier verschiedener Brotsorten bittet Frau Hamm die Kinder, in das Schüler-Heft einzutragen: Wie sieht das Brot aus, wie riecht es und wie schmeckt es? Wieder schnellen die Kinderarme hoch, als es darum geht, die eigenen Prüf-Ergebnisse vorzulesen. Damit die Schüler auch begreifen, was den Unterschied von hellem, Grau- und Vollkornbrot ausmacht, hat Frau Hamm auch gleich die entsprechenden Mehlsorten mitgebracht.

Jetzt kommt der echte Praxisteil: belegte Brote. Vorher müssen aber alle nochmals raus, die Hände waschen. Kurze Abfrage nach den notwendigen Utensilien: Fast alle haben ein Brett dabei, manche aber ein Tafelmesser vergessen. Die projektbegleitenden Lehrerinnen holen Ersatz aus der Teeküche nebenan. Als Kochbekleidung dienen Kinder- und Erwachsenenschürzen, Küchentücher oder das ausgediente Hemd des Vaters.
Frau Sulke, die Hortvertreterin, geht durch die Reihen. Jedes Kind darf sich von ihrem Tablett eine Scheibe seiner Wahl nehmen. Zuerst kommt etwas Frischkäse auf das Brot. Aus Möhren, Paprika und Gurke legen die Kinder mit Feuereifer ein Gesicht darauf. Schnittlauch bildet den Haarkranz. Ausnahmeweise haben die Lehrerinnen diesmal das Gemüse kleingeschnitten. Schnibbeln kommt nächsten Freitag dran.
"Halt, noch nicht essen!" schimpft Frau Hamm, als die Mädchen in der letzten Reihe einfach schon mal in ihre Werke hineinbeißen. "Wir wollen gemeinsam Essen." Die Strenge hat ihren Grund: Laut einer Umfrage des Familienministeriums finden nur 40 Prozent der Familien an zwei Tagen in der Woche Zeit für ein gemeinsames Mahl. Dabei, das bestätigen Ethnologen, sind gemeinsames Essen und Trinken und das Teilen der vorhandenen Speisen schon immer wichtig gewesen, um den Zusammenhalt in der Familie oder in einer Gruppe zu stärken.
Als Frau Hamm dann endlich den Startschuss zum Frühstück gibt, kommt der Transfer von der Theorie in die Praxis ganz schnell: "Sieht lecker aus, riecht lecker und schmeckt lecker", sagt Jason stolz von seinem Brotgesicht.
Lernen Mädchen und Jungen eigentlich unterschiedlich? Ernährungsexpertin Hamm verneint. Jungen zeigen zwar manchmal mehr Geschicklichkeit beim Schneiden. Und die Mädchen sind oft beim Tischdecken schneller – da werde deutlich, dass sie zu Hause diese Aufgabe öfters übernehmen müssen. Alles in allem scheint jeder das Zeug zum guten Koch zu haben.
Vielmehr gilt: Essen richtig zuzubereiten und gar selber zu kochen fördert das kindliche Selbstbewusstsein stark. "Sie sind stolz, wenn sie es am Ende des Projektes schaffen, ein Buffet mit kalten und warmen Speisen zuzubereiten und dazu die Eltern oder eine andere Klasse einladen können", berichtet Hamm aus den früheren Projekten.
Zum Ende der Stunde, bevor es ans Putzen der Tische geht, zieht Ernährungslehrerin Hamm ein Fazit: Was macht ein gesundes "Pyramiden-Frühstück" aus? Sie versucht, die Kinder für die Ähnlichkeit der dreifarbigen Pyramide mit der Verkehrsampel zu sensibilisieren. Die zwei obersten Etagen, wo "Familie Schleck" mit den Süßigkeiten und "Olivia Öl" mit den Fetten wohnen, sind tief rot gefärbt. Leslie wirft dabei ein, dass aber die Feuerwehr auch bei Rot fahren darf. So gilt wohl auch beim Essen: Ausnahmen bestätigen die Regel.
Dann gibt Frau Hamm noch Hausaufgaben auf. Dazu gehört, auch das Brot beim Abendessen dem "Brottest" zu unterziehen und im Schülerheft das Ergebnis zu notieren. Ein Versuch, eine Brücke zwischen Unterricht und zu Hause zu schlagen. "Meine Eltern finden das gut, dass wir Essen als Unterrichtsthema haben", erzählt Fatima von zu Hause. Die Sozialpädagogin bestätigt das positive Feedback vieler Eltern. Viele hätten richtiggehend verlernt, zu kochen oder seien einfach zu bequem, weil es so ein großes Angebot an Fertiggerichten gibt. "Wenn Anstöße von den Kindern kommen, wird das gerne genommen."
