Umwelt + Nachhaltigkeit

Schwarze Schafe fangen auf hoher See

Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) kontrolliert die Einhaltung der Fangvorschriften der Europäischen Union in der Nordsee. Ein Tag an Bord eines Kontrollschiffs.

Am Abend hatte sich die Wasseroberfläche der Nordsee wie ein Teppich um Helgoland gelegt, auch jetzt am Morgen nicht eine Schaumkrone. Auf den Wellen schaukeln sanft „Felix Helena“, „Tonia Truida“ und „Jakob Junior“*  – holländische Fischkutter. Sie ahnen noch nicht, dass sie heute Besuch bekommen werden.

Auf der Brücke der „Seefalke“ hat Michael Hickmann, zweiter nautischer Offizier, die Kutter schon in der Nacht entdeckt. Zwar waren sie noch mehrere Seemeilen entfernt, aber der Radar entzifferte sie schon als drei gelbe Punkte. Nun erkennt Hickmann mit dem Fernglas ein Boot am Horizont: „Die 'Jakob Junior' ist heute wohl als Erste fällig. Die haben wir das ganze Jahr noch nicht kontrolliert.“

Fischereikontrollen, Streife fahren auf See – das ist der Job der „Seefalke“. Ein schwarzes, großes, stolzes Schiff. „Küstenwache“ steht in weißen Lettern auf der Bordwand, darüber „Fischereischutz“. Rund 250 Kontrollen führt die Besatzung dieses „Amtsschiffes“ jährlich durch. Zu jeder Jahreszeit, auch bei Windstärke Sieben. Es geht um die Aufrechterhaltung der Fischbestände in der Nordsee. Die EU schreibt für einzelne Fischarten Fangquoten vor: So darf Deutschland im Jahr 2008 in der Nordsee beispielsweise insgesamt nur 2.871 Tonnen Schollen fangen. Wie viel jeder einzelne Fischereibetrieb beziehungsweise jeder Kutter fangen darf, legt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung fest. Heute kümmern sich die Kontrolleure der BLE an Bord der „Seefalke“ ganz besonders um die Plattfische in der Deutschen Bucht.

Kurz nachdem die Fischer der „Jakob Junior“ ihre Netze gehievt haben, steigt Michael Hickmann die Lotsenleiter zum Fischkutter hinauf. Ein Kollege folgt ihm. Noch steht die Sonne tief, doch die Kontrolleure schwitzen. Sie stecken in dicken Schutzanzügen. Die salzige Meeresluft ist erfüllt vom Geschrei und Gezänk einer Schar Möwen. Sie warten auf die Fische, die wieder von Bord gekippt werden. Zu kleine Fische.

Kontrolle am Maßbrett

Vor allem Schollen, Seezungen und Flundern liegen auf dem Fließband an Bord des Fischkutters. Hier und da findet sich auch ein wertvoller Steinbutt. Die Fischer sortieren den Beifang aus: Coladosen, Seesterne und Fische, die nach EU-Regelungen zu jung und zu klein sind. Die meisten tot. Exemplare, die groß genug sind, nehmen die Fischer gleich aus. Währenddessen kontrollieren Michael Hickmann und sein Kollege die gerade geleerten Netze. Damit nicht zu viele kleine Jungfische in den Fang geraten, schreibt die EU Mindestmaschengrößen für die Netze vor. Nur wenn es genügend Nachwuchs gibt, können sich die zum Teil überfischten Fischbestände wieder erholen. „Mindestens einmal sollen die Fische abgelaicht haben, bevor sie auf dem Teller landen“, sagt Hickmann. Er ist zufrieden, alle stichprobenartig geprüften Maschen sind groß genug.

Im Laderaum unter Deck zeigt das Thermometer ein Grad Celsius an. Hickmann zieht den Reißverschluss seines Schutzanzuges bis zum Kinn hoch. Neben der Eismaschine stehen etwa 30 Kisten, in drei davon liegen Schollen. Die bräunlichen Plattfische mit den rostfarbenen Sprenkeln sind unter dem Eis kaum erkennbar. Die Kontrolleure nehmen jede Scholle einzeln in die Hand. Von Kopf bis Schwanz mindestens 24 Zentimeter groß müssen sie sein. Einen augenscheinlich kleineren Fisch legt Hickmann ans Maßbrett. Nur 23 Zentimeter. „Den müssen Sie außer Bord schmeißen, Kapitän, und dann hat sich das erledigt.“ Ein zu kleiner Fisch, der kann mal dazwischenrutschen. Keine Absicht, meint der Kontrolleur.

Am Ende liegen aber 19 kleine Schollen auf einem Haufen. Zu viel. Die Waage bestätigt: Rund zwei Prozent aller Schollen an Bord sind kleiner als erlaubt. Tom van Kempen*, Fischer aus Eemshaven, hofft, dass die Kontrolleure ein Auge zudrücken. Denn seine beiden Söhne, die er jetzt in der Ferienzeit mit auf See genommen hat, hätten geholfen. Sie wüssten eben noch nicht so gut Bescheid. Doch der Kontrolleur bleibt hart: „Er versucht sich damit natürlich rauszureden. Aber da können wir nichts machen. Er muss die Jungs eben besser anlernen.“

Verstöße werden sanktioniert

Nachdem sich Hickmann per Funk mit dem Kapitän der „Seefalke“ verständigt hat, betritt er auf Socken den blitzblank geputzten Speiseraum des Kutters, die Messe. „Kapitän, Sie müssen 3.000 Euro Sicherheitsleistung zahlen. Rufen Sie jetzt bitte Ihre Bank an“, fordert der BLE-Mann den Fischer auf. Van Kempen setzt sich ans Funkgerät. „Die Fischer sind meist sehr kooperativ“, sagt Michael Hickmann, während er eines von vielen Formularen ausfüllt: „Denn je länger sich das hinzieht, umso mehr Verlust machen sie.“ Nach nur 20 Minuten funkt die „Seefalke“, dass von der holländischen Bank ein Fax eingegangen ist, welches die Zahlung dieser Art Kaution bestätigt. Van Kempen darf jetzt weiterfischen. Das Bußgeld wird vermutlich geringer ausfallen als 3.000 Euro. Bezahlt er es, bekommt er die Sicherheitsleistung zurück.

Am Nachmittag gehen die Kontrolleure auch noch an Bord der anderen beiden Plattfischkutter aus den Niederlanden. Bei beiden Kontrollen gibt es nichts zu beanstanden.

* Namen von der Redaktion geändert

Zahlen und Fakten

  • Laut Welternährungsorganisation (FAO) gilt etwa die Hälfte der weltweiten Meeresfischbestände als vollständig genutzt, ein Viertel sogar als übernutzt. In den EU-Meeresgewässern sind nach Angaben der Europäischen Kommission sogar 88 Prozent der Bestände überfischt.

     
  • Neben Problemen der Übernutzung und Umweltverschmutzung stellt die illegale, unregulierte und ungemeldete Fischerei weltweit eines der größten Probleme in der Fischerei dar. Es wird geschätzt, dass in bestimmten Bereichen bis zu 30 Prozent der Anlandungen aus illegalen Fängen stammen. Auch Europa ist als größte Importregion für Fischereiprodukte in erheblichem Umfang betroffen. Deshalb hat die Bundesregierung während der deutschen EU-Präsidentschaft eine Initiative zur Bekämpfung der illegalen Fischerei ergriffen. Ende Juni 2008 haben sich die EU-Fischereiminister auf umfangreiche Vorschriften zu diesem Bereich geeinigt.

     
  • In Deutschland waren zum Jahresende 2007 neun große Schiffe für die Große Hochseefischerei sowie rund 1.865 Kutter und offene Boote für die Kleine Hochsee- und Küstenfischerei zugelassen. Etwa 45.000 Menschen arbeiten in der deutschen Fischerei inklusive Verarbeitung und Vertrieb.

     
  • Der Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch und Fischereierzeugnissen betrug in Deutschland im Jahr 2006 15,5 Kilogramm. Der Weltdurchschnitt liegt bei 16,5 Kilogramm. Seefische dominierten den deutschen Fischmarkt: Alaska-Seelachs, Hering, Lachs, Thunfisch und Seelachs sind die bedeutendsten Fischarten. 80 Prozent der Ware wird importiert.

     
  • Die Gemeinsame Fischereipolitik (GFP) der EU setzt den politischen Rahmen für die Fischerei: Sie setzt Gesamtfangmengen für die verschiedenen Fischarten fest. Jedes Land erhält dann eine bestimmte Quote, die auf dem traditionellen Anteil an der Gesamtfangmenge basiert. Die Bundesregierung hat insbesondere die eigene EU-Präsidentschaft 2007 für eine nachhaltige Ausgestaltung der Fischereipolitik genutzt. So einigten sich die Fischereiminister unter deutschem EU-Vorsitz unter anderem über ein Wiederauffüllungsplan für den Ostseedorsch, mehrjährige Bewirtschaftungspläne für Scholle und Seezunge in der Nordsee sowie über eine Regelung zum Schutz des Europäischen Aals.

Kontext