Ausbildung im Handwerk bietet beste Zukunftschancen- Interview mit Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks -

28 JAN 2010, BERLIN/GERMANY:Ronald Pofalla (L), CDU, Kanzleramtsminister, und Holger Schwannecke (R), Generalsekretaer des ZDH, Amtseinfuehrung von Schwannecke als neuem Generalsekretaers des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, ZDH, Haus d....Bild vergrößern Bundeskanzleramtsminister Roland Pofalla bei der Amtseinführung des ZDH-Generalsekretärs Holger Schwannecke Foto: ZDH/Marco Urban

Herr Schwannecke, im vergangenen September hatten wir rein rechnerisch seit vielen Jahren wieder eine deutlich höhere Zahl von unbesetzten Ausbildungsstellen als von Ausbildungssuchenden. Trotz Krise also eine für die Schulabgänger erfreuliche Situation. Wie sehen die Betriebe den sich abzeichnenden Nachwuchsmangel – vor allem in ganz bestimmten Berufen – und was unternehmen die Handwerksorganisationen, um ihre Berufe attraktiver zu machen?

Schwannecke: Die Handwerksberufe sind modern und attraktiv – und viel zu wenige wissen es. So kann man – etwas überspitzt – unsere Situation beschreiben. Nehmen Sie die Medizintechnik – da sind viele Handwerksbetriebe längst global tätig. Im Bereich Orthopädietechnik – ohne unsere Meisterbetriebe gäbe es die Höchstleistungen bei den Paralympics nicht. Orgel- und Geigenbauer haben weltweit einen so exzellenten Ruf, dass sie seit langem Lehrlinge aus Japan und Korea anziehen. Und wenn eine junge Malermeisterin nicht nur Engel vergoldet, sondern auch Models mittels Bodypainting zum Mittelpunkt von Modenschauen macht – immer verbinden sich persönliches Talent und erfolgreiche Ausbildung im Handwerk. Unsere Berufe sind alle auf dem Stand der Zeit – dafür sorgen schon Kundenwünsche und der scharfe Wettbewerb. Wir wollen der Jugend unsere innovativen Berufsfelder jetzt mit einer breit angelegten Imagekampagne näherbringen.

Der Ausbildungspakt, an dem das Handwerk maßgeblich beteiligt ist, wird fortgesetzt. Wo sehen Sie besonderen Handlungsbedarf?

Schwannecke: Der Schwerpunkt des Paktes muss sich hin zur Fachkräftesicherung verschieben. Wir müssen alle Jugendlichen und deren Potenziale in den Blick nehmen. Auf der einen Seite gilt es,  leistungsschwächere und benachteiligte Jugendliche fit zu machen für die duale Ausbildung. Auf der anderen Seite müssen auch leistungsstarke Jugendliche, etwa Abiturienten und gute Realschulabgänger verstärkt angesprochen werden. Die Karriere-Perspektiven über eine berufspraktische Ausbildung werden in der Öffentlichkeit noch unterschätzt.

Das Handwerk will die von Bundesbildungsministerin Annette Schavan angeregten Bildungsbündnisse an Grundschulen unterstützen und will diese auf die weiterführenden Schulen ausdehnen. Wie meinen Sie konkret, lässt sich durch solche Bündnisse die Ausbildungsreife verbessern?

Schwannecke: Wir müssen in den weiterführenden Schulen weiter auf eine frühzeitige Berufsorientierung hinwirken. Alle Modellprojekte sind da sehr erfolgreich – sei es die Kooperation von Hauptschule und handwerklichen Bildungsstätten oder zwischen Schule und Betrieb. Die Begegnung mit Handwerksmeisterinnen und -meistern im Unterricht weckt Motivation und führt Jugendlichen den Sinn des Lernens praktisch vor Augen. Und wer ein Ziel vor Augen hat, wird es nicht durch Disziplinlosigkeit torpedieren, sondern im Gegenteil seinen Lerneifer steigern.

Die großen technologischen Veränderungen wirken sich massiv auf das Berufsleben aus. Was bedeutet dies für das Handwerk und wie stellen Sie sich die duale Berufsausbildung in zehn Jahren vor?

Schwannecke: Handwerk bildet Jugendliche fachlich in ihrem Berufsfeld aus. Die Ausbildungsordnungen werden laufend im Zusammenspiel zwischen Fachverbänden und den zuständigen Ministerien an die neuesten Entwicklungen angepasst. So wurde aus Kfz-Mechaniker durch den Siegeszug der Elektronik im Auto der Kfz-Mechatroniker. Und wenn neue Antriebstechniken im Autobau an Boden gewinnen, wird sich auch die Ausbildung im Kfz-Gewerbe in wenigen Jahren wieder verändern. Mit der Umsetzung unseres Berufslaufbahnkonzeptes soll ein attraktives Aus- und Weiterbildungsangebot für den Anfänger bis zum weiterqualifizierten Meister (z.B. Restaurator, Betriebswirt) ausgebaut werden.  Das ist notwendig, damit unsere Betriebe ihren Vorsprung im Wettbewerb behalten und für Jugendliche die Ausbildung der “goldene Boden“ für ihre berufliche Zukunft bleibt. Aber die vielfältigen Herausforderungen einer Ausbildung in einem Handwerksbetrieb formen fast “nebenbei“ auch die Persönlichkeit, so dass viele junge Gesellen auch Chancen in anderen Berufen nutzen können.

Die Weiterbildung zum Handwerksmeister hat aus Sicht vieler an Bedeutung verloren, da sie in vielen Berufen nicht mehr zwingend erforderlich ist, um sich selbstständig zu machen oder um auszubilden. Stattdessen sind die Übergänge durch Öffnung der Hochschulen zum Studium leichter und durch Aufstiegsstipendien, Bafög und Bildungsdarlehen finanzierbarer geworden. Wie sieht das aus Sicht des Handwerks aus? Wie groß ist der Bedarf an Meistern und an Personen, die sich an einer Fachhochschule oder Universität fortgebildet haben?

Schwannecke: Die Zahlen der erfolgreichen Absolventen der Meisterschule sind stabil. Für junge Leute ist der Abschluss durchaus attraktiv, ist er doch immer noch die einzige Ausbildung in Deutschland zum Unternehmer. Auch die hohe Zahl der Betriebswirte mit Kammerprüfung zeigt, dass die berufspraktische Aus- und Fortbildung ein hohes Renommee besitzt. Seit kurzem öffnen die Länder ihre Universitäten auch für Handwerksmeister. Damit wird die Aus- und Fortbildung im Handwerk für junge Berufstätige ohne Abitur zum Türöffner  für eine akademische Ausbildung. Angesichts der immer komplexeren Anforderungen an Handwerksunternehmer treffen diese bestens ausgebildeten jungen Leute auf einen Markt, der ihnen große Chancen bietet – ob als Unternehmer oder im Bereich der Geschäftsführung oder Forschung und Entwicklung.