Logo der BundesregierungMagazin für Soziales, Familie und Bildung
Die Bundesregierung informiert
Nr. 081    11/2009
9 | 14

Ehrenamt

Ein Symbol für die deutsche Einheit

Logo Freiheit, Einheit, Demokratie. 60 Jahre Grundgesetz und 20 Jahre Fall der Mauer
Vergrößerung
Foto: REGIERUNGonline
Logo 60/20
In der DDR war die Ruine der im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstörten Dresdner Frauenkirche ein mahnendes Antikriegsdenkmal. Pläne zum Wiederaufbau gab es bereits kurz nach Kriegsende, aber erst die Friedliche Revolution 1989 und die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 brachten auch die Wende für die Dresdner Frauenkirche. Im November 1989 gründeten engagierte Dresdner eine Bürgerinitiative für den Wiederaufbau ihrer Frauenkirche.
 
Dieter Brandes (74) und viele andere Menschen engagierten sich für das Projekt. Die Initiative "Erfahrung ist Zukunft" (EIZ)sprach mit ihm über seinen Einsatz.
 
EIZ: Kannten Sie die Frauenkirche noch unzerstört?
 
Dieter Brandes: Ich war damals neun Jahre alt, kann mich aber nicht mehr an den Originalzustand erinnern. An die Bombenangriffe ab dem 13. Februar 1945, in deren Folge die Kirche am 15. Februar einstürzte, erinnere ich mich dagegen sehr genau. Wir wohnten damals 45 Kilometer außerhalb von Dresden. Der Himmel war hell erleuchtet, man hörte es rumpeln und danach das donnernde Dröhnen der abfliegenden Bomberverbände. Am nächsten Tag lag überall verkohltes Papier.
 
Aus den Erzählungen meiner Familie war mir die Kirche aber vertraut. Sie war das bedeutendste Bauwerk, das damals im Zentrum von Dresden stand, und die Seele der Stadt. Aber auch die Ruine spielte später eine wichtige Rolle. Die beiden Stümpfe und der Trümmerberg dazwischen waren vielleicht das eindrucksvollste Antikriegsdenkmal, das es in Deutschland je gab. Insbesondere seit den Gedenknächten am 13./14. Februar 1982, als erstmals viele tausend Menschen nach einem ökumenischen Gottesdienst in der nahe gelegenen Kreuzkirche zur Ruine der Frauenkirche gingen und Kerzen auf dem Trümmerberg aufstellten.
 
EiZ: Gab es schon zu DDR-Zeiten Pläne für den Wiederaufbau der Frauenkirche?
 
Dieter Brandes: Es gab gleich nach dem Krieg Bestrebungen, die Kirche wieder aufzubauen. Aber das war damals zu kompliziert, zu teuer und auch nicht gewollt. Im Gegenteil: man hat ja eher Kirchen weggesprengt. Auch die Ruine der Frauenkirche war mehrfach in Gefahr, "enttrümmert" zu werden. Unter dem Vorwand, ein Mahnmal gegen Imperialismus, Faschismus und Krieg zu erhalten, ist es den Denkmalpflegern gelungen, die Ruine zu retten. Als nach der friedlichen Revolution von 1989 der Wiederaufbaugedanke erneut aufgegriffen wurde, waren viele Dresdner dafür, aber auch viele dagegen. Da gab es in der Dresdner Bevölkerung eine starke Polarisierung.
 
EiZ: Was war Ihre Meinung zum Wiederaufbau?
 
Dieter Brandes: Am 12. Februar 1990 veröffentlichte eine Bürgerbewegung für den Aufbau der Frauenkirche den "Ruf der Dresdner". Darin warben die Unterzeichner für den Wiederaufbau der Frauenkirche. Der großartig geschriebene Aufruf war eine Bestätigung meiner eigenen Gedanken: Wiederaufbau als Zeichen für Frieden und Versöhnung. Für mich war klar: Wenn man die Mahnmalrolle für spätere Generationen retten wollte, musste man die Kirche wieder aufbauen, wobei die einstige Zerstörung in möglichst vielen Details erkennbar bleiben sollte.
 
Hintergrund
Mit dem "Ruf aus Dresden" bekundeten die 22 Unterzeichner dieses offenen Briefes den Willen, nach 45 Jahren den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche endlich zu wagen. Aus dem Förderkreis mit anfänglich 14 Mitgliedern sollte schließlich eine Fördergesellschaft werden, deren Strahlkraft in alle Bereiche der Gesellschaft reichte. Im In- und Ausland bildeten sich Förder- und Freundeskreise, Menschen aus allen Teilen Deutschlands und aus vielen anderen Ländern stellten sich in den Dienst der Wiederaufbauidee.
 
EiZ: Wie haben Sie sich für den Wiederaufbau engagiert?
 
Das gerüstartige Wetterschutzdach der Baustelle der Frauenkirche in Dresden thront auf dem wiederentstehenden spätbarocken Gotteshaus in der sächsischen Landeshauptstad.Foto: picture-alliance/ dpa Vergrößerung Frauenkirche in DresdenDieter Brandes: Ich trat der Bürgerinitiative bei und beteiligte mich ab August 1990 an den regelmäßig stattfindenden Treffen, wo wir ganz grundsätzlich den Wiederaufbau besprachen und planten. Mein Beitrag war zunächst ganz praktischer Natur: Ich habe eingehende Briefe handschriftlich beantwortet und einige Spenden eingeworben.
 
EiZ: Wie haben Sie dann ab 1994 die Bauarbeiten erlebt?
 
Dieter Brandes: Ich habe es sehr genossen, dass ich als Kirchenführer das Privileg hatte, mit Genehmigung auf die Gerüste zu gehen. Ich kannte irgendwann die meisten Handwerker und bin oft auf der Baustelle gewesen. Die technische Umsetzung hat mich sehr interessiert, und sie war wirklich großartig.
 
EiZ: Sie arbeiten seit Jahren ehrenamtlich als Kirchenführer in der Frauenkirche. Was ist Ihre Motivation?
 
Dieter Brandes: Nach Ende meiner Berufstätigkeit habe ich mich 1998 als freiwilliger Kirchenführer gemeldet. Das zuerst fertig gestellte Untergeschoss der Frauenkirche wurde bereits 1996 als Unterkirche geweiht. Etwa 300 Personen passten in die Räume und in den Führungen informierten wir über den Wiederaufbau. Die Besucherinnen und Besucher und auch die Spendengelder kamen aus ganz Deutschland. Das fand ich großartig. Die Frauenkirche ist damit auch ein Symbol für die deutsche Einheit, denn das hätten die Dresdner allein nie hinbekommen. Zunehmend kamen auch Engländer und Amerikaner. Das war für mich persönlich ein tolles Erlebnis, denn da habe ich gemerkt, dass ich notfalls auch Englisch sprechen konnte. Im Laufe der Zeit habe ich mein Englisch wieder flott bekommen. Heute mache ich sogar englische und neuerdings auch französische Führungen.
 
EiZ: Wie oft machen Sie das?
 
Dieter Brandes: Etwa viermal im Monat. Aber meistens kommen dann noch zusätzliche Anfragen für fremdsprachige Führungen hinzu. Ich weise vor allem auf alles hin, was im Zusammenhang mit Versöhnung steht. So etwa auf das Nagelkreuz von Coventry auf dem bewusst zerstört belassenen Altartisch, die von polnischen Bürgerinnen und Bürgern gestiftete Flammenvase oder das geborgene Kuppelkreuz, das als Mahnmal in der Kirche steht.
 
EiZ: Was empfinden Sie heute, wenn Sie in der fertiggestellten Frauenkirche stehen?
 
Dieter Brandes: Ich muss mich manchmal noch kneifen. Ab 1990 arbeitete ich in einem Ingenieurbüro mit Kollegen aus Mannheim. Im Kollegenkreis zweifelte man erheblich an den Plänen und an der Umsetzbarkeit zum detailgetreuen Wiederaufbau vor allem auch mit dem Material Sandstein. Stattdessen empfahlen sie modernen Stahlbeton. Mit einigen Korrekturen wurden jedoch das gleiche Material und die gleiche Statik wie im 18. Jahrhundert verwendet.
 
EiZ: Hatten Sie gelegentlich auch Zweifel?
 
Dieter Brandes: Bezüglich der Bauumsetzung hatte ich keine Zweifel. Ich wusste jedoch um die wahnsinnigen Finanzierungsschwierigkeiten. Mit dem Geld haperte es gelegentlich, weshalb die vielen Spenderinnen und Spender und eine große Stifterbriefaktion sehr wichtig waren. Sonst hätten wir es vielleicht nicht in der Zeit geschafft.
 
EiZ: Wie haben Sie dann die Fertigstellung und Weihe der Frauenkirche erlebt?
 
Dieter Brandes: Ich hatte doppelt zu feiern, weil der Termin am 30. Oktober 2005 fast zeitgleich mit meinem 70. Geburtstag zusammenfiel. Bei der Zeremonie waren meine Frau und ich als Ehrengäste geladen. Das war sehr bewegend und da konnte man schon mal eine Träne verdrücken.

Kontext

9 | 14