Vor 20 Jahren erlebte Deutschland die friedliche Revolution. In dieser Rubrik blicken wir zurück und fragen "War das DDR-Gesundheitswesen besser?".
Im 1990 geschlossenen Einigungsvertrag wurde vereinbart, im Gesundheitswesen Voraussetzungen für eine Anpassung zu schaffen. Konkret sollte damit "das Niveau der medizinischen Versorgung der Bevölkerung in den neuen Bundesländern zügig und nachhaltig verbessert und der Situation im übrigen Bundesgebiet angepasst" werden. Wie sieht es also heute aus?
Ein Interview mit Dr. med. Wolf-Rüdiger Rudat, Jena:
sfb: Meinungsumfragen zufolge behaupten viele Menschen in den neuen Ländern, das Gesundheitswesen der DDR sei nicht so schlecht gewesen, manche meinen sogar: besser als das heutige Gesundheitswesen. Können Sie das nachvollziehen?
Ich kann nicht nachvollziehen, dass es besser gewesen sei. Aber man kann das staatliche DDR-Gesundheitswesen nur schlecht mit dem heutigen System vergleichen. Richtig ist, dass die medizinische Ausbildung nicht schlechter war als im Westen – das muss man ganz klar so sagen. Alle Ärzte mussten eine sechsjährige Facharztweiterbildung absolvieren. Im Westen hatten viele Ärzte einfach nur ihre Approbation und haben sich dann niedergelassen.
Im technischen Bereich gab es ganz klare Defizite. Das, was wir heute an Möglichkeiten haben, ist eine riesengroße Erleichterung – vor allem für die, die sehr viel mit Technik arbeiten.
Für die Patienten ist das heutige System trotz Unübersichtlichkeit und überbordender Bürokratie besser, allein wegen der Arztpraxen in Wohnortnähe. Ich war selbst Leiter der inneren Abteilung einer Kreispoliklinik, da hatten es die Patienten nicht so gut. Also, man sollte sehr stark differenzieren, aber insgesamt ist das heutige System das bessere, mal abgesehen von den aktuellen Verwerfungen und Rahmenbedingungen, die sich für die Patienten und auch für viele Ärzte ständig ändern.
sfb: Im August 1989 ließ die SED eine Analyse erarbeiten. Danach war die Bausubstanz der Krankenhäuser, Kureinrichtungen und medizinischen Forschungsanstalten in katastrophalem Zustand. In den Krankenhäusern herrschte eklatanter Arbeitskräftemangel. 160.000 Antragsteller warteten auf Plätze in Senioren- und Pflegeheimen, darunter 20 000 dringliche Fälle ...
Die Ausstattung der Krankenhäuser hat sich auf jeden Fall verbessert, beim Personal gibt es allerdings auch heute massive finanzielle Zwänge. Im Pflegebereich ist ohne jedes Wenn und Aber etwas ganz, ganz Großartiges und auch Richtiges passiert. In Jena haben wir heute fast drei Mal so viele Pflegeheime – in einem hervorragenden Zustand. Im Bereich der Seniorenbetreuung hat sich bis hinein in den Pflegebereich Vieles zum Guten geändert.
sfb: Uwe Tellkamp schreibt in seinem Buch "Der Turm", dass sich Patienten manche Medikamente aus dem Westen schicken lassen mussten, weil sie in der DDR nicht erhältlich waren. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Ich bin Internist. Was die Wirkstoffe betrifft, hatten wir im Wesentlichen die gleichen wie im Westen zur Verfügung. Die Geschichte mit den Medikamenten aus Westdeutschland hat folgenden Hintergrund: Es gab eine Reihe von Arzneimitteln für die hochspezialisierte Versorgung, sogenannte Nomenklatur-D-Medikamente. Sie wurden nur in ganz geringem Umfang importiert und auch nur von speziellen Ärzten ausgereicht. Die mussten das beim Kreisarzt beantragen. Wenn ein Spezialist sagte: "Das kann ich Ihnen aber nicht verschreiben", haben viele Patienten natürlich versucht, das Mittel über ihre Westverwandtschaft zu besorgen. Das waren zum Beispiel hochspezialisierte Rheumamittel.
sfb: Die Statistik besagt, dass die Lebenserwartung in den neuen Ländern heute um einiges höher liegt als zu DDR-Zeiten und sich langsam an die in den alten Ländern angleicht. Hat das medizinische Gründe oder eher Umweltgründe?
Das hat mit Sicherheit medizinische, aber natürlich auch mentale und psychologische Gründe. Denn die gesamte Situation hat sich für die Menschen entscheidend verbessert. In der Bilanz ist das so. Man darf dabei aber nicht verdrängen, dass sich für viele das Leben nicht verbessert hat. Richtig ist: Wir haben bei der Lebenserwartung einen dramatischen Anstieg in sehr kurzer Zeit. Wie lange es dauert, bis wir die Bevölkerung des ehemaligen Westens ganz eingeholt haben, weiß ich nicht. Ich vermute auch, dass es gewichtige Umweltgründe gibt, die zu der positiven Entwicklung beitragen.
Wolf-Rüdiger Rudat, 63, ist Facharzt für Innere Medizin. Er hat seine Praxis in Jena. 1990 war er Gründungsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung in Thüringen. Bis 2000 war er ihr Vorsitzender.