Zeugnisse und Papiere, die dokumentieren, was jemand gelernt hat, sind in Deutschland das A und O für den Zugang zum Arbeitsmarkt. Und erst recht zu attraktiven Tätigkeiten. Für viele Migrantinnen und Migranten stellt diese Nachweispflicht jedoch eine fast unüberwindbare Hürde dar.
"Im Ausland erworbene Kompetenzen von Menschen mit Migrationshintergrund werden am hiesigen Arbeitsmarkt häufig nicht erkannt, geschweige denn anerkannt." Das sagt Hans-Peter Frühauf, der am Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz (ism) auf dem Gebiet der Migration aus arbeitsmarktpolitischer Sicht forscht. "Da nützt es ihnen über Ihre Abschlüsse hinaus auch nichts, wenn sie jahrelange, ebenfalls im Ausland erworbene Berufserfahrungen mitbringen. Ohne passende Papiere gelten sie als ungelernt und schwer in den Arbeitsmarkt integrierbar."
Ohne einer Beschäftigung nachgehen zu können, werden Zuzügler größtenteils jedoch zugleich hilfebedürftig bleiben. Damit erhalten sie zumindest Sozialgeld. Wenn sie grundsätzlich erwerbsfähig sind – und sei es für ungelernte Tätigkeiten –, erhalten sie Arbeitslosengeld II. Für die Gesellschaft lohnt es sich also, sich um diese Qualifizierten und ihr Know-how zu bemühen.
Die fehlende Anerkennung und Wertschätzung von Kompetenzen bemerkt zunehmend auch die deutsche Wirtschaft. Denn viele der von den Migrantinnen und Migranten mitgebrachten Kompetenzen werden in einer von Wettbewerb und Globalisierung geprägten Wirtschafts- und Arbeitswelt dringend benötigt. Ist nicht die Vorstellung vieler Personalchefs von idealen Mitarbeitern, dass sie flexibel und mobil, teamfähig, mehrsprachig und interkulturell kompetent sind?
Schon heute leben viele Menschen im Land, denen eine gesetzliche Änderung helfen würde: Rund 2,8 Millionen Migrantinnen und Migranten sind mit einem Berufsabschluss über die Jahrzehnte nach Deutschland zugewandert. Ungefähr 800.000 von ihnen sind Akademiker und rund 1,8 Millionen haben eine Lehre oder eine ähnliche berufsqualifizierende Ausbildung abgeschlossen. Viele von ihnen arbeiten aufgrund einer fehlenden Anerkennung ihres Berufsabschlusses unterhalb ihres Qualifikationsniveaus.
Bereits im vergangenen Jahr wurde eine von der Bundesregierung geförderte Studie über die Nichtnutzung von Qualifikationen ("Brain Waste") vorgestellt. Zu diesem Anlass äußerte sich die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer: Es sei "eine nicht hinnehmbare Verschwendung von Talenten und Ressourcen", wenn in Deutschland lebende Menschen mit Migrationshintergrund nur weit unter ihren Qualifikationen arbeiten dürften.
In ganz Europa sei die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen von wachsender Bedeutung, so die Studie. Trotz Anerkennungsrichtlinien der EU zeigt deren geringe Nutzung in Deutschland jedoch offenbar die Schwierigkeiten in der Umsetzung: Nicht zuletzt das föderale System bringt es mit sich, dass hier viele Rechtsbereiche und verschiedene Zuständigkeiten betroffen sind. Das macht es für Ratsuchende nicht gerade einfach.
In Deutschland besteht – außer für Spätaussiedler – vor allem kein Rechtsanspruch auf Durchführung eines Anerkennungsverfahrens. Allerdings gab es bislang auch keinen nennenswerten Bedarf hiernach. Nun stehen dem jedoch der prognostizierte Fachkräftemangel und die bevorstehenden demografischen Veränderungen gegenüber – beide mit erheblichen Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Die Zahlen belegen es: Es gibt schon heute eine deutlich steigende Nachfrage nach Sozialberufen. Für Frühauf ist klar: "Mehr und mehr werden dabei auch die Kompetenzen der Migranten gefragt sein. Denn bereits in naher Zukunft werden auch unter den Menschen mit Migrationshintergrund immer älter werdende Mitbürger sein. Und auch die wollen adäquat betreut werden. Da liegt es nahe, dass gerade Pfleger, Sozialpädagogen und andere Sozialberufe mit demselben Hintergrund gefragt sein werden."
In zunehmendem Maße sind insofern auch alle anderen europäische Staaten auf die Potenziale von Migrantinnen und Migranten angewiesen.
Auf der Fachtagung "Brain Waste – Anerkennung gestalten" am 30. Juni 2009 in Berlin erklärte auch Bundesarbeitsminister Olaf Scholz: "Deutschland braucht gut qualifizierte Fachkräfte! Es darf nicht sein, dass ein Ingenieur als Taxifahrer oder eine ausgebildete Ärztin als Putzfrau arbeiten muss, weil ihre Qualifikationen bei uns nicht anerkannt werden!"
Ein erster Weg aus diesem Dilemma: Kompetenzen und Qualifikationen von Migrantinnen und Migranten erkennen und öffentlich sichtbar machen!
Ein erster Schritt ist getan: Das mit Bundesmitteln geförderte Netzwerk "Integration durch Qualifizierung" (IQ) engagiert sich genau auf diesem Gebiet. Es bemüht sich darum, die Arbeitsmarktchancen von Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern. Dabei hat es unter anderem verschiedene Verfahren zur Kompetenzfeststellung entwickelt. Sie sollen konkret helfen, die berufliche und soziale Integration dieser Menschen nachhaltig zu fördern. Auch ihr Selbstwertgefühl zu stärken und sich ihrer Fähigkeiten zu vergewissern.
Das damit gewonnene individuelle Kompetenzprofil bildet die geeignete Grundlage für die weitere berufliche Beratung, Orientierung, Weiterqualifizierung und letztlich auch Stellensuche. Denn auch für Arbeits- und Sozialberater ist ein solches Kompetenzprofil ein hilfreiches Instrument. Deutlich und strukturiert erfahren sie
Kompetenzfeststellung ist – so stellt es auch der 2007 von der Bundesregierung verabschiedete Nationale Integrationsplan heraus – "die Grundlage für die weiteren Schritte im beruflichen Integrationsprozess".
Eva Dalhaus, Leiterin des IQ-Netzwerk-Facharbeitskreises "Kompetenzfeststellung", bestätigt aus ihrer Arbeit, wie sinnvoll das Verfahren ist: "Migranten, die Ihre Kompetenzen hiermit haben feststellen lassen, haben dabei nicht nur berufliche Erfolge erzielt. Sie haben sich auch persönlich weiterentwickelt. Sie fühlen sich in ihrem Selbstbewusstsein gar gestärkt. Und mit dieser dazugewonnenen Sicherheit kommen sie viel besser mit den beruflichen Anforderungen zurecht."
Wolfgang Fehl, Leiter des IQ-Netzwerks, sieht die Kompetenzfeststellung als einen ersten Schritt hin zu einer weitergehenden, verbindlichen Regelung – einem Anerkennungsgesetz. Die Angst, dadurch deutsche Abschlüsse mittelfristig zu verwässern, sieht er nicht. "Vielmehr sollen in Deutschland zu erwerbende, qualitativ hochwertige akademische und Berufsabschlüsse unangetastet bleiben. Schließlich wird das hohe Kompetenzniveau in Deutschland bei Anerkennungen Maßstab sein. Insofern geht es darum, die hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund besser zu integrieren – zum Nutzen aller."
Würden die beruflichen Qualifikationen jedes qualifizierten Migranten anerkannt, so schlussfolgerte Böhmer, wäre das "integrationspolitisch ein großer und wichtiger Schritt". Und weiter: "Davon würden nicht nur die Zugewanderten, sondern auch unsere gesamte Wirtschaft und Gesellschaft profitieren."