Ausbildung

Mobil mehr Erfahrungen sammeln

„Es war spannend, lehr- und hilfreich – macht es! Denn es könnte die letze Chance sein, bevor ihr richtig ins Berufsleben einsteigt!“ Mit diesem Ratschlag bestärkt die 21-jährige Judith Lambertz andere Auszubildende, Berufserfahrungen im Ausland zu sammeln. Im Oktober 2008 nahm die Immobilienkauffrau während ihrer Ausbildung drei Wochen lang an dem Intensivseminar „Doing Business in the English-Speaking World“ in London teil. Verschiedene Unterrichtsfächer wie „Politik in London“ oder „Marketing“ standen täglich auf dem Plan. Die Nachmittage und die Wochenenden konnten die rund 20 Auszubildenden aus ganz Deutschland dazu nutzen, die englische Hauptstadt besser kennenzulernen und die englische Sprache zu üben. Abschlussprüfungen am Ende des Aufenthalts bestätigten das neu gewonnene Wissen.

16 Millionen Euro für Mobilitätsberatung

Solch ein Auslandsaufenthalt ist eine ganz besondere Bereicherung. Trotzdem nutzen bisher nur 30.000 Auszubildende jährlich die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen. Dies liegt vor allem an fehlenden Informationen bei Betrieben und ihren Auszubildenden. Damit soll jetzt Schluss sein. Die Bundesregierung, die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) haben dazu gemeinsam eine neue Initiative vorgestellt – die Mobilitätsberatung. Diese soll Auszubildende und Berufsanfänger unterstützen, Auslandsaufenthalte zu organisieren.

Für 16 Millionen Euro wird in den kommenden Monaten eine bundesweite Beratungsstruktur für Unternehmen aufgebaut. Ein Netzwerk von 40 Mobilitätsberatern in den Wirtschaftskammern betreut dann die Betriebe vor Ort. Somit ermöglicht es die Mobilitätsberatung, Auszubildenden und Berufsanfängern in größerem Umfang als bisher, berufliche Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Das Projekt läuft zunächst bis 2012. Finanziert wird es gemeinsam vom Europäischen Sozialfonds (ESF), der Bunderegierung und den Kammern.

Auslandsaufenthalte einfacher gemacht

Die Mobilitätsberaterinnen und Mobilitätsberater motivieren und informieren die Unternehmen und Auszubildenden. Ein breites Spektrum an Fördermöglichkeiten und Programmen für Auslandsaufenthalte steht zur Verfügung. Wichtig ist nunmehr, dass Profis den Interessierten mit Rat und Tat zur Seite stehen und Klarheit schaffen.

LEONARDO DA VINCI und „inwent“ sind beispielsweise Programme, die die internationale Weiterbildung fördern. Die Europäische Union betreibt LEONARDO für den Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Die transnationale Zusammenarbeit wird durch Auslandsaufenthalte zum beruflichen Lernen gefördert. Die „Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH“ (inwent) ist ein weltweit tätiges Unternehmen. Mit Austausch- und Stipendienprogrammen bietet es jungen Menschen während oder nach der Ausbildung die Chance, weltweit Berufserfahrungen zu sammeln und fremde Kulturen zu erleben.

Mobilität beweisen in Zeiten der Krise

Martin Wansleben, der Hauptgeschäftsführer des DIHK, hält gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Krise Berufserfahrungen im Ausland für notwendig: „Aufbruch tut Not, die Krise stellt auch Chancen dar.“ Wenn Deutschland Exportweltmeister bleiben wolle, bräuchten gerade kleine und mittlere Unternehmen mehr Auszubildende mit Auslandserfahrung. „Derzeit absolvieren nur etwa zwei Prozent der Jugendlichen einen Teil ihrer Berufsausbildung oder ein Praktikum im Ausland“, so Wansleben.

ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer betonte, dass es auch im Handwerk wachsenden Bedarf an Fachkräften mit internationalem Know-how gebe. „Um dem zu entsprechen, müssen wir eine neue Mobilitätskultur im Rahmen der Aus- und Weiterbildung entwickeln", sagte er.

Das Mobilitätsberater-Projekt soll dazu beitragen, dass deutlich mehr Auszubildende Fremdsprachenkenntnisse, interkulturelle Kompetenzen und auslandsbezogenes Fachwissen erwerben.

„Das Interesse an Auslandsaufenthalten ist groß!“

Ellen Lenders ist eine der 40 Mobilitätsberater. Sie ist bei der IHK Aachen tätig. Zuvor war sie zwei Jahre lang als wissenschaftliche Hilfskraft für die internationale Aus- und Weiterbildungsinitiativen an der IHK Aachen zuständig. Aus ihrer Erfahrung weiß Lenders, wie notwendig Mobilitätsberatung ist: „Das Interesse von Auszubildenden an Auslandsaufenthalten ist sehr groß. Die Motivation der Auszubildenden, sich selbst in die Organisation der Auslandsaufenthalte einzubringen, schwankt aber beträchtlich.“ Während manche bereits sehr gut informiert seien und genau wüssten, was sie wollten, schwebe anderen nur die diffuse Idee vor Augen, ins Ausland zu gehen, sagt Lenders.

Auch Judith Lambertz erfuhr erst durch ein Informationsseminar der IHK Aachen von der Möglichkeit, ins Ausland gehen zu können. Lambertz' Ausbildungsbetrieb stimmte der Idee sofort zu und trug zusammen mit LEONARDO DA VINCI die Kosten für die Weiterbildung in London. Lediglich Taschengeld und Lebenshaltungskosten musste die Auszubildende selbst übernehmen.

Weiterbildung am Puls der Zeit

Eigentlich ist Judith Lambertz das beschauliche Kleinstadtleben gewohnt: Sie kommt aus einer 8.000 Seelengemeinde und arbeitet in einer Kleinstadt mit 13.000 Einwohnern. Das Leben in der 8-Millionen-Metropole London war daher eine willkommene Abwechslung und spannende Erfahrung. Während des dreiwöchigen Aufenthalts konnte die junge Frau bei einer Gastfamilie leben, wodurch sie die englische Kultur kennenlernte.

Lambertz' Urteil fällt durchweg positiv aus: „Ich habe wirklich nur gute Erfahrungen gemacht. Was besonders spannend war: Durch die Finanzkrise lag London noch mehr als sonst im Blickfeld der Medien. Die angespannte und hektische Atmosphäre war unbeschreiblich.“ 

Auch Ellen Lenders hat in ihrer Zeit bei der IHK Aachen bisher nur positive Rückmeldungen von den Auszubildenden bekommen: „Der Kontakt mit anderen Arbeitstechniken und Unternehmenskulturen wird von den Auszubildenden als Bereicherung wahrgenommen.“ Ein Auslandsaufenthalt stärke ihr Selbstbewusstsein und ihre Motivation.

Grenzen zu Gunsten der Auszubildenden sprengen

Die Bundesregierung, die Industrie- und Handelskammern und die Handwerksverbände sind sich einig: Nur durch Bildungserfahrungen im Ausland können Auszubildende und Berufsanfänger auf ein zusammenwachsendes Europa mit all seinen Chancen und Herausforderungen vorbereitet werden. Mobilitätsberater sollen helfen, die Grenzen Europas zu Gunsten der jungen Leute zu sprengen.

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